Weder modern noch stilvoll: der breitgebaute Yuppie

Das Interesse an Mode in Deutschland wächst, was leider Gottes nicht nur gute Auswirkungen hat. Das zeigt eindrücklich eine Gruppierung, die erschreckenderweise immer größer wird: Männer, die Hipster-Relikte mit einem veralteten Männerbild kombinieren und dabei vor allem beschissen aussehen.

Für den Typ, um den es hier gehen soll, hat sich bislang noch kein Redakteur einen Namen ausgedacht. Was hilft, ist eine detailreiche Beschreibung: Dieser Mann trägt tatsächlich immer noch viel zu enge Hosen, die er in der Regel einmal umkrempelt, was optisch nicht unbedingt weiterhilft. Dazu kombiniert er – ganz wichtig für den Look – zu lange T-Shirts, welche kurz vor dem Knie enden. Das Spiel mit der Überlänge, ein Trend, der schon vor Jahren von vielen Modemachern auf dem Laufsteg gezeigt wurde, hat es endlich in die Niederungen der Gesellschaft geschafft. Zur Skinny Jeans trägt die extravagante Version der Gattung Mann, um die es hier gehen soll, vorzugsweise rote Sneaker. Oder braune Lederboots, braune Ledertaschen und auch sonst alles, was irgendwie aus braunem Leder (Wildleder!) ist und ein bisschen verwegen aussieht.

Zu den Stil-Idolen gehören die „stylische Fussballer“, über dir wir uns schon an anderer Stelle ausgelassen haben, und natürlich Kanye West. Die Musik von ihm hört der Mann gerne im Fitnessstudio, da geht er jeden zweiten Tag oder öfter hin und definiert seine Muskeln, vor allem aber seine Person, die über einen gut gebauten Körper hinaus so verdammt wenig zu bieten hat, dass dem Mann eben nur das bleibt: die Definition über seinen Körper. Den Bart lässt Mann (haha!) natürlich auch stehen, lang, aber peinlich penibel getrimmt. Vom Undercut ist er bis heute auch nicht so richtig losgekommen. Es sind peinliche Typen, die die dann da frisch geduscht, nach Armani-Parfüm stinkend aus dem McFit torkeln, die Bikerjacke an und die Yeezy’s an den Füßen und nicht allzu viel im Kopf.

Was fehlt, ist nicht nur ein Grundinteresse-und Verständnis von Pop-und Subkultur, Mode im engeren Sinn und Gespür für Zeitgeist. Es fehlt auch an Wissen über die wirklichen Trends und Entwicklungen in der Mode, was ja im Prinzip nicht verwerflich ist, letztlich aber disqualifiziert für jeden Stil-Tipp oder Artikel auf einem Blog, den der Mann natürlich zu unserem großen Leidwesen betreibt. Und wenn er nicht gerade an seinem Blog schreibt, dann arbeitet er als Polizist oder ist der bewunderte „crazy Typ“ in einem irgendeinem Start-Up-Unternehmen.

Das alles wäre jetzt nur halb so schlimm, wenn diese Typen sich selbst nicht ein grundlegendes Stilbewusstsein und eine Modeaffinität zuschreiben würden und noch dazu das Image eines modernen Mannes. All das ist sagenhafter Unsinn: beim Stil lässt es sich vielleicht noch streiten, eine Affinität für Mode im engeren Sinn ist ganz offensichtlich nicht vorhanden und modern ist all das nicht mal ansatzweise. Modern ist Androgynität, technisch-sportliche Outfits und eine Haltung, der vieles egal zu sein scheint. Modern ist nicht das Festklammern an geschlechtsspezifischen Eigenschaften (starker Mann, Bart), das Abkulten von »Heritage«-Accessiores und eine brutale Spießigkeit.

Die Spießigkeit, mit der diese Typen im Namen der Modernität umherziehen, ist es auch, die all das so unfassbar uncool und aufgesetzt erscheinen lässt. Justin O’Shea, ebenfalls breit gebaut und für lange Zeit Bartträger, hat eine dazu passende Attitüde. Er trägt außerdem perfekt sitzende Anzüge, wogegen ja absolut nichts einzuwenden ist. Dieser Stil ist nicht generell zu verabscheuen, er ist sogar in der von Androgynität und Unisex durchsetzten Branche willkommene Abwechslung. Aber Justin O’Shea ist einer australischen Bergbau-Familie entsprungen und kein verwöhnter, ungebildeter, letztlich irgendwie metrosexueller Loser mit mangelndem Selbstwert aus Düsseldorf oder Nürnberg oder sonst einem stilistischen Brachland dieser Republik.

Category: News

Tags: Stil, Yuppie

Von: David Jenal

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