Was ist eigentlich los in Skandinavien?

Vor ein paar Jahren galt Skandinavien als aufstrebendes, in der Zukunft extrem wichtiges Mode-Epizentrum. Die großen Hoffnungen, sie wurden, Stand heute, nicht wirklich erfüllt.

Das liegt auch daran, dass sie die Modewochen in Stockholm und Kopenhagen nur bedingt einen festen Platz in den immer voller werdenden Terminkalendern von Buyern, Redakteuren und Bloggern erarbeiten konnten. Nach Kopenhagen kommen zwar immer noch hochkarätige, internationale Pressevertreter. Die wichtigen Einkäufer der großen Onlinestores und Kaufhäuser reisen aber vor allem nach Paris.

Dadurch bedingt springen den Fashion Weeks im Norden die wichtigen Labels ab. Soulland hat zweimal während der London Collections: Men gezeigt, bei Henrik Vibskov war im Winter diesen Jahres bis kurz vor der Modewoche in Kopenhagen nicht klar, ob er in seiner Heimatstadt zeigen wird. Stine Goya tut das sowieso schon lange nicht mehr. Weniger wichtige Shows bedeuten im Umkehrschluss weniger wichtige Presse und Einkäufer: ein Teufelskreis, aus dem es auszubrechen gilt. Bisher ist das nicht gelungen.

Die Fashion Week in Stockholm war noch nie von großer Bedeutung, der große Fall dementsprechend gar nicht möglich. Zwei der wichtigsten und von uns meistgeschätzten Labels aus der schwedischen Hauptstadt, Acne Studios und Our Legacy, haben sich sowieso noch nie viel aus Shows dort gemacht. Acne zeigt schon lange und erfolgreich in Paris und bei Our Legacy verzichtet man gleich ganz auf eine Inszenierung auf dem Laufsteg.

Die beiden Labels sind ein gutes Beispiel dafür, dass skandinavische Mode auch nach Überschreiten des großen Erfolgs-Gipfels nicht tot ist. Acne ist weiterhin Statussymbol des stilbewussten, betont kreativen Großstädters, vielleicht sowas das Apple der Modemarken. Und der im letzten Jahr eröffnete Store in Berlin, der nicht etwa in Mitte, sondern in der Potsdamer Straße, zwischen Straßenstrich und Galerien anzutreffen ist, wirft laut einer unserer streng geheimen Quellen tatsächlich ordentlich Geld ab und ist nicht nur – wie bisher angenommen – der Versuch, den Markenkern zu schärfen.

Dafür verantwortlich dürfte im konkreten Fall von Acne auch sein, dass das Label locker mit den großen, seit Dekaden existenten Luxushäusern konkurrieren kann und ihre Kunden eben auch unter Galeristen, Künstlern, Architekten und Juristen zu finden sind.

Das ist bei Our Legacy nicht der Fall. Die Zielgruppe ist hier deutlich jünger, die Entwürfe folglich auch. Sie sind aber vor allem eines: sichtlich skandinavisch, ohne dabei langweilig zu sein. In den Kollektionen finden sich stets deutlich erkennbare Einflüsse aus Subkulturen und Kunst.

Our Legacy SS17

Die Brücke zwischen Schlichtheit und spanendem Twist schlagen nicht alle Labels. Norse Projects, Libertine Libertine und Wood Wood machen weiter gestreifte, dunkelblaue oder sonst irgendwie unverfängliche Jacken, Longsleeves und Hemden, die zwar allesamt wirklich schön sind, denen man aber letztlich die modische Relevanz absprechen könnte – wenn man denn unbedingt will.

Bei Han Kjøbenhavn ist man für die letzten Kollektionen einen anderen Weg gegangen und hat sich aktiv wegentwickelt von den skandinavischen Wurzeln. Das war und ist in jedem Fall spannend, die vielen visuellen Anker zu den Entwürfen taktgebender Designern sind aber nicht zu übersehen und am Ende doch total egal. Verkaufen tun sich die Kollektionen nämlich weiterhin gut, erst kürzlich haben die Dänen einen Pop Up Store im hippen Kopenhagener Western eröffnet – bereits die zweite Dependance in Dänemark und die vierte weltweit.

Bei Soulland spielt Skateboarding eine zunehmend wichtige Rolle – auch das mag aktuellen Trends geschuldet sein, ist aber aufgrund dessen, dass Creative Director Silas Adler selber Skateboard fährt, dann doch irgendwie authentisch und sehr okay. Besonders dann, wenn daraus Kooperationen wie die mit Nike resultieren, was ja an sich schon eine große Sache ist für jedes Modelabel, die uns darüber hinaus aber auch wirklich sehr gefällt.

Dass Mode aus Skandinavien trotzdem nicht mehr DAS Ding der Stunde ist, sondern mittlerweile wieder junge Designer aus Paris, London, New York und neuerdings auch Russland den Ton angeben, mag auch an einer gewissen Sättigung liegen. In Skandinavien sieht wirklich alles so verdammt gut aus, dass es weder Grund noch Motivation zu großer Veränderung geben kann: jeder trägt Acne, Möbel von Arne Jacobsen und den Eames-Geschwistern stehen nicht nur in Cafés, sondern auch in so ziemlich jeder Wohnung, das Essen schmeckt großartig und über Geld, ja, über Geld macht sich sowieso niemand so richtig Gedanken. Eine solche Sättigung ist gefährlich, führt sie doch schnell zu Stillstand und damit zu Rückstand. Im korrekten Fall der skandinavischen Mode ist sie aber auch irgendwie nichtig. Ihr Ziel war es noch nie, der heisseste Scheiß zu sein. Es ist auch so alles sehr in Ordnung.

Category: News

Von: David Jenal

Instagram