Was gewesen ist: Woche 5 (2018)

Nun war ich also in Mailand, wo vormittags die Sonne schien und sich abends ein dichter Nebel über die Stadt legte, und es war sehr kalt.

Da mein Hotel wirklich unmittelbar neben dem Dom lag, nahm ich meinen morgendlichen Cappuccino auf dem Domplatz ein, bewacht von Polizisten und Soldaten, die hier mit einem Finger am Abzug ihres Maschinengewehrs gemeinsam das Gewaltmonopol des Staates ausstellten. Vor den Verbrennungen durch den kochend heißen Kaffee konnten sie mich allerdings nicht schützen.

Gemeinsam mit David, der ebenfalls in Mailand war, schaute ich mir die Keramikmanufaktur Paravicini an, bewunderte die Fertigkeiten der Handwerkerinnen, die kleinstteilige Motive wie Villen und Familienwappen auf Teller malten, und fragte mich, ob ich jemals handbemaltes Geschirr brauchen würde – oder wollen. Ich kam nicht so recht zu einem Schluss und denke bis heute drüber nach. Eine Villa und ein Familienwappen fehlen mir allerdings ohnehin noch.

Mittags aßen wir ein köstliches Risotto in einem dieser Restaurants, die mehr wie eine Bar aussehen und für die es sicher einen sehr gut klingenden italienischen Namen gibt. Im Anschluss besuchten wir eine Parfümerie und ich kaufte nichts, weil ich doch seit einiger Zeit ausschließlich „The Wood“ benutze, den besten Herrenduft der Welt, der ein bisschen nach Tom Ford riecht, ohne nach Tom Ford zu riechen. Es ist wirklich eine große Kunst.

Am Nachmittag nahmen wir uns einen Mietwagen und fuhren ins nahe Mailand gelegene Schweizer Steuerparadies am Comer See, wo ja auch der Ärzteserien-Darsteller George Clooney seine Steuern vermeidet. Wir hatten etwas Geld einzutreiben und bedrohten einen 50-jährigen italienischen Anwalt in seinem eigenen Büro. Mehr kann ich an dieser Stelle darüber allerdings nicht sagen. Die ganze Geschichte muss an anderer Stelle in ihrer vollen Schönheit erzählt werden. Unser Geld bekamen wir jedenfalls und so fuhren wir reich und glücklich die gute Stunde zurück nach Mailand.

Den neuen Reichtum feierten wir in der Camparino Bar am Dom, die Vorbild für Charles Schumanns „Schumanns Bar“ in München ist, die er angeblich verlassen möchte, um in Japan eine neue Bar zu eröffnen, mit einigen kühlen Gläsern italienischen Sprudelwassers. Völlig erschöpft vom Geldeintreiben schliefen wir weit vor zwölf Uhr sabbernd ein. Ich träumte von Charles Schumann, viel Geld und Japan, was nicht sonderlich verwunderlich ist.

Am Dienstagvormittag gingen wir in ein nahe unserem Hotel gelegenes Kino in schauten uns die Premiere des erotischen Kurzfilms „Legend of the red hand“ an, in dem die amerikanische Schauspielerin Zoe Saldana die Hauptrolle, eine verwegene Fotografin mit Faible für rote Handschuhe und starke Drinks, spielt. Zu meinem großen Glück war ich noch etwas matt von meinen aufregenden Träumen und fragte deshalb nicht, wann mit einer neuen Staffel der Serie „West World“ (mit Tony Hopkins!) zu rechnen sei. Darin spielt sie nämlich gar nicht mit – sondern die Schauspielerin Thandie Newton, die ihr wirklich sehr ähnlich sieht.

Nachmittags schaute ich mir die Ausstellung des Designers Rick Owens an und fand sie ein wenig fad, weil man aus seiner düsteren Welt, die er über Jahre erschaffen hatte, nun wirklich mehr hätte machen können, als ein paar Kleiderpuppen auszustellen und Filme von seinen Pariser Modenschauen zu zeigen.

Im selben Gebäude, dem Triennale Design Museum, schaute ich dann nach anregenderer Kunst, fand aber auch nicht so recht Bleibendes. Da waren die Drogendealer im umliegenden Park, die sich kleinere Scharmützel mit Kirmesarbeitern, die einen Autoscooter aufbauten, lieferten, schon spannender.

Am Abend zog ich mir meine italienischen Two-Tone Slippers an und lungerte neureich auf der großen Premierenparty von „Legend of the red hand“ rum. Es war ein schöner Abend und sämtliche Gäste sahen fantastischer aus als ich, weil sie sich sklavisch an den vorgegeben Dresscode des „Black Tie“ gehalten hatten, während ich in ins gräulich verwaschener Jeans, schwarzem T-Shirt und immerhin meinen Slippers wie ein Dummkopf aussah.

Am Mittwoch hatte ich mich zum Mittagessen, dass in Italien sehr streng nur zwischen 12:00 und 14:30 Uhr eingenommen werden kann, danach schließen sämtliche Restaurants bis zum Abend, mit einigen Bekannten verabredet.

Auf meine Empfehlung hin gingen wir ins „Da Oscar“ und bemerkten erst beim Hauptgang, dass es sich bei Oscar um einen astreinen Neo-Nazi handelte. Ob es nun die Mussolini-Büste war, die Mussolini-Heldenbilder, die Zweite-Weltkriegsfotos italienischer Soldaten, die Landkarte mit Nazideutschland oder das Foto von Oscar, auf dem er einen Hitlergruß zeigt, weiß ich nicht mehr genau. Die Sache war jedenfalls klar und ich aß meine Pasta nicht auf, obwohl die köstlich war, und Trinkgeld gabs auch nicht. Es war ein kleiner Protest, zu klein, und so fühlte ich mich auch: klein. Pfui!

Es war Zeit abzureisen.

Zurück in Berlin erledigte ich müßige Aufgaben, die in Mailand weit weg gewesen waren, wie das Aussuchen neuer Halbschuhe bei Dr. Martens, seichte Mittagessen-Termine mit Werbern und einen geistlosen Streit mit einer PR-Agentur. Der übliche Bloggermist also.

Abends verkaufte ich dann noch meine Seele auf Ebay (Zahlung per PayPal) und nahm dann mit meinen beiden schon ganz aufgekratzten und wie immer ausgesprochen blendend aussehenden Begleiterinnen Giannina und Alyssa das erstbeste Taxi, ein Opel, zur Eröffnungsfeier des „The Reed“, auf dessen Umbaustelle wir vor wenigen Wochen ja schon unsere Millenniumsfeier, ja man muss es wohl so sagen, geschmissen hatten, und das nun regulär eröffnen sollte, mit Dinner in kleinem Rahmen und anschließender Party für 400 Gäste.

Es wurde dann ein guter Abend, auch weil ganz Berlin ohnehin seit Tagen völlig aus dem Häuschen war, weil doch der Rapper A$AP Rocky in der Stadt war und mit ihm der T-Shirt-Designer Virgil Abloh und der Fitnesskleidung- und Turnschuh-Designer Kanye Kardashian-West. Hier, im ehemaligen Fitnessstudio „The Reed“, sollte A$AP Rocky dann auch endlich mal auftreten, dafür hatten sich die geladenen Berliner schick gemacht.

Für manche sollte es sich lohnen, denn nach dem gut dreizehnminütigen Gig im zeitgemäßen Halbplayback ließ der New Yorker Rapper sich stilecht ein paar Mädchen in den Backstage-Bereich schleusen, die aber erst an zwei Auswahlstationen vorbei mussten. Und so wurden aus fünfzehn Mädchen schnell fünf Mädchen, die dann erst ihren Ausweis zeigen und dann ihre Handys abgeben mussten, um ihrem Star endlich einmal, nun ja, hautnah begegnen zu dürfen. Blöd nur, dass im Instagram-Zeitalter die Regel gilt: Picture or it didn’t happen. Und so ist wohl auch weiter nichts passiert, im Backstageraum und die Party leerte sich auch bald. Und die bessere Aftershowparty fand dann gerüchteweise beim „Schauspieler und Pop-Rapper“ (Wikipedia) Jimi Blue Ochsenknecht zu Hause statt. Quo Vadis Gangsterrap?

Am Freitag traf ich mich zum Mittagessen mit meinem Freund Moritz von Uslar bei unserem Stammitaliener, der Mozzarella Bar in der Auguststraße. Und während ich dort die stadtbeste Caponata bestellte, gab mein Freund Boris Radczun, Betreiber diverser Luxusrestaurants in Berlin, damit an, eine noch deutlich bessere Caponata zubereiten zu können und ich freute mich sehr, diese bald probieren zu können und fortan nichts anderes mehr essen wollen zu würden.

Moritz berichtete ich von unserer Geldeintreibertour in die Schweiz und seine Begeisterung sagt mir: wir haben alles goldrichtig gemacht.

Abends schaute ich mir im rumänischen Kulturinstitut, dessen Existenz in unmittelbarer Nachbarschaft meiner Wohnung mir sehr neu war, die aus zwei Exponaten bestehende Ausstellung „Contemporary Infinite“ von Milen Till und Gregor Hildebrandt an, die inspiriert vom radikalen Denken zweier rumänischer Künstler hier ihre Arbeiten und auch sich zeigten. Es war sehr voll, denn ganz Berlin-Mitte war gekommen, also ging ich bald, um herauszutreten aus der künstlerischen Einfluss-Sphäre, um die es hier ging.

Am Samstag wurde ich jäh aus dem Bett geworfen, weil ein vielköpfiges Filmteam um meinen Freund, den großen Regisseur Ruben Meier, in unserer Wohnung einige bourgeoise Szenen für einen Film drehen wollten und dies dann auch taten, während ich ein Frühstück am anderen Ende der Torstraße einnahm.

Dann traf ich mich mit meinem Freund, dem Star-Autoren Paul Ronzheimer, der leider vergaß, mir sein jüngstes Werk, die vorläufige Biografie des rechten österreichischen Kanzlers Sebi Kurz mitzubringen, was ich ihm nur deshalb verzieh, weil er mir einen Ingwer-Tee ausgab und mich auf den neuesten Stand in Sachen österreichischer Parteienpolitik brachte.

Weil ich im mit dem Handel von Kryptowährungen in dieser Woche nicht besonders viel Glück hatte, beziehungsweise ebendieses mit der Tour in die Schweiz schon vollends ausgereizt hatte, aß ich abends im Grill Royal nichts und trank nur ein Wasser, was ohnehin gesünder war, denn es war schon spät. Und so endete die Woche ereignisärmer, als sie angefangen hatte, was sicher gut ist.

Den Sonntag verbrachte ich dann, so viel möchte ich hier zum Abschluss noch berichten, damit, Ohrfeigen an einem Sandsack zu üben und das Treten nach oben aus einer Rückenlage heraus. Mein Trainer, ein ehemaliger ostdeutscher Meister im Freefight, war einigermaßen zufrieden mit mir und ich einfach nur am: Ende.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

Instagram