Was gewesen ist: Woche 15 (2018)

Nun saßen wir also in Zürich, in einer gleißend ausgeleuchteten Halle, auf einer Showbühne, perfekt geschminkt und bereit, zu geben, was von uns verlangt wurde.

David spielte eine eher schlichte Rolle, den Dummen, so dachte ich, während mir von der Regie die Rolle des Unsympathen, des hässlichen Deutschen auf den Leib geschrieben worden war. Das war zumindest der Plan, der dann aber doch nicht eingehalten wurde, weil eben nicht unser Freund Ruben Meier Regie führte, wie ich es mir in den langen Pausen zwischen den Takes immer wieder vorstellte, sondern jemand anderes, mit einer völlig anderen Idee von alldem.

Ein weiterer Darsteller beschränkte sich auf exakt einhundert Wörter, die er unablässig in loser Folge abspulte, und was die Hauptdarstellerin sagte, verstand ich gar nicht erst, weil sie den harten Dialekt dieser Berge sprach, die hinter dem Zürichsee steil aufsteigen.

Es war pures Stadttheater mit wechselnden Komparsen, das wir hier auf großer Bühne zur Perfektion trieben, während mir am Kinn eine nässende Wunde, die ich mir am Morgen beim Rasieren mit einer sicher schon gerosteten, Monate alten Klinge ins Fleisch gerissen hatte, durchs Make-Up drängte.

Das war er, der Montag, der Beginn dieser Woche im Scheinwerferlicht, mit Kamera vor der Nase für eine große Shownummer, die wir hier aufzeichneten und am Abend brauchte ich sehr lang, um mir die Schminke vom Gesicht zu waschen, unter der die Schamesröte verborgen lag und weiterhin die klaffende Wunde.

Am Dienstag ging es weiter und David und ich verbrachten eigentlich den gesamten Tag damit, bei einem stadtbekannten Friseur durchs Schaufenster zu gaffen und dabei zuzusehen, wie jungen Mädchen modische Frisuren geschnitten wurden, bis sie Tränen in den Augen hatten, deren Provenienz nicht eindeutig geklärt werden konnte: War es Freude? Oder Trauer? Beides? Oder war das alles nur eine Inszenierung der großen Gefühle, die doch wichtig sind, für jede Show?

Es war schlicht egal und so fuhren wir abends raus aus der Stadt und in die Berge, auf denen noch Schnee lag, kurvige Straßen hinauf, immer weiter, bis wir in Arosa waren, einem wunderschönen Ort, über den die Zeitungen derzeit vor allem zu berichten wissen, dass ein serbischer Zirkusbär bald in den dortigen Tierpark zieht.

Mit Blick auf eine unverbaute Berglandschaft, ohne Kastenhotels, Skipisten und Panoramarestaurants, wurden wir jeweils in eine ungelogen gut 120 Quadratmeter große Suite einquartiert, in der es, zumindest bei mir, zwei Bäder gab, zwei Duschen, ein Wohnzimmer, einen nicht enden wollenden Sonnenbalkon und eine ausgeräumte Minibar. Letzteres ist bekanntlich Segen und Fluch eines jeden Hotelaufenthalts zugleich.

In diesem Hotel hatte einst, so erzählte man mir, der thailändische König gewohnt, es muss einige Zeit her sein, zumindest, wenn er auf zeitgemäßes Design wert gelegt hatte, und daher gäbe es hier im Haus das beste Thai-Restaurant der Schweiz, das nun aber schon geschlossen hatte, weil die Saison vorbei sei und man ohnehin nur für uns und unser fünfzigköpfiges Team noch einmal geöffnet hatte, was auch erklärt, warum der Whirlpool nur noch lauwarm vor sich hin blubberte.

Ich schlief jedenfalls hervorragend, hier, auf fast zweitausend Metern Höhe, mit Blick auf den Schnee und klarer Luft in der Lunge. Und weil die Luft so klar war und der Himmel so nah, sah ich die Sterne, und mit mir sah sie ein Reh, das im Schnee nach Grashalmen suchte. So idyllisch war das also hier.

Wir blieben zwei Tage und Nächte und drehten im Schnee gewaltige Szenen, die sicher bald gezeigt werden, über die ich hier aber gar nicht viel sagen kann und wahrscheinlich auch darf, jedenfalls froren mir meine Füße doch sehr, weil die weißen Nikes eine eher schlechte Wahl für einen Tag im Schnee gewesen waren. Immerhin hatte ich an eine Sonnenbrille gedacht und war so nicht schneeblind geworden, bei all der Sonne, die hier nicht nur von oben kam, sondern von überall, wie im Himmel eigentlich, der nicht fern war, an diesem schönen Ort.

Irgendwann mussten wir zurückfahren nach Zürich und die Fahrt übernahm, wie schon jede Fahrt zuvor in dieser Woche, D., unser persönlicher Fahrer, der auch gleichzeitig für unsere Sicherheit verantwortlich sein sollte, was sicher nicht nötig wäre, aber es schien so üblich und auch Sicherheitsgründen darf ich seinen Namen nicht nennen. Und so fuhren wir die Kurven wieder hinab und natürlich wurde uns schlecht und wir waren sehr froh und müde, als wir wieder in Zürich waren, dieser sauberen Stadt am See, in der alle reich sind und selbst die Picknicker im Park weiße Oberhemden tragen, lederbesohlte Schuhe und manche ein Sakko, als wäre diese perfekte grüne Wiese der marmorne Boden ihrer Privatbank.

Die Tage flossen ineinander, wie der Käse in den Pfännchen und Töpfen dieser Stadt, damit bloß niemand so definiert aussehen muss, wie Farid Bang oder Kollegah der Boss es gern tun, und zum Ausklang dieser ausgesprochenen Arbeitswoche ging ich dann am Freitag noch einmal kurz in das berüchtigte Langstraßenviertel und besuchte die beste Bar der ganzen Welt: die Sonne.

Von außen wirkt die Bar fast ein bißchen schick, wie die eine angesagte Cocktailbar in Städten mit maximal 80.000 Einwohnern, mit Lichterketten draußen und ein paar Stühlen. Innen ist dann allerdings gar nichts mehr so, was gut ist, vielmehr ist die Sonne ein im allerbesten Sinne extremer Mix aus klassischer Eckkneipe, Karaoke-Bar, Puff und merkwürdigem Restaurant, in dem es von Pasta über Thai bis hin zu Zürcher Geschnetzeltem alles gibt. Das Bier kostet zehn Franken und ein Wasser auch und an den Tischen drücken sich Freier jeder Couleur herum, mit meist asiatisch aussehenden Frauen, die hier ganz offensichtlich die Hosen anhaben, Manchmal sieht man auch ein paar Crossdresser und Transen, und immer streicht ein sehr kleiner Mann mit dicker Brille und offenem Mund um die Tische und beobachtet alles, selbst beim zehnten Rundgang durch den Laden noch staunend. Ab und zu kommt eine neue Gruppe Bauarbeiter herein, manchmal auch Pärchen, auf der Suche nach Abwechslung oder auch nur einem geselligen Abend, mit Kontakt zu Dritten, und nie kommt ein Student, ein Modemädchen und eben nur mit mir ein Blogger, der hier ja wirklich nicht hergehört. Auf der Bühne spielt eine Band, die etwa zur Hälfte aus, ich nehme an, Pakistanis besteht, die sich wie eine Mischung aus Thais und Hawaiianern kleidet und immer mal fehlt jemand an irgendeinem Instrument, meist an den Backing-Vocals, weil eben diese Dame dann kurz woanders arbeitet, in einem der Zimmer vielleicht, über der Bar, was aber keinen stört, denn es muss immer weiter gehen und die Musik will gespielt werden, ein passender Soundtrack für diesen Ort aus gecroontem Barry White, Phil Collins, einer ganz, ganz weichen Wonderwall-Version und so weiter.

Am Samstag mussten David und ich dann leider nach Berlin fliegen, um dort mal nach dem rechten zu sehen, im Ngon Restaurant zum Beispiel, wo wir einige Tage später doch unsere große Happy Ending-Feier des Gallery Weekends schmeißen würden, aber auch zu Hause, wo schon wieder ein Brief von der Bank wartete, ebenjener Bank, die uns doch erst in die Knie und dann nach Zürich gezwungen hatte.

Abends legten wir dann noch die größten Smashhits des zeitgemäßen amerikanischen Hip Hops in einem Club an der Spree auf, ließen uns vom Champagner tragen und sangen auch das ein oder andere mal ein wenig zu laut und zu falsch mit, auf einer Party, die sich „Icon Room“ nannte und deren Backstage Raum dann spätestens zum Icon Room wurde, weil fast alle Freunde gekommen waren, jeder für sich eine Ikone und der Raum sowieso genau das: ein Raum.

Es wurde lang und dadurch der Sonntag kurz, obwohl die Sonne schien, was schön war, aber nicht so schön, wie mein eigenes Bett, in dem ich endlich mal wieder schlafen konnte, wenn auch nur für eine Nacht, weil ich doch zurück musste, nach Zürich und es auf dem Weg nur gerade so schaffte, im Café Einstein Unter den Linden noch schnell ein Stück Käsekuchen zu essen, in der Sonne, beinahe die Sonnenbrille auf dem Tisch vergaß, dann mit diesen schönen, flinken Elektrorollern von Coup, nur mit einem Rucksack mit dem Allernötigsten drin, bis zur Stadtgrenze zu fahren, weil es so angenehm ist und im Sommer, der auch in Berlin war, nichts besseres gibt, um sich in der Stadt zu bewegen, dann in ein Taxi umzusteigen, David abzuholen und schon bald wieder im Flieger zu sitzen, in den Süden, der ja auch schön war und wo man mir im Zimmer 151 all meine Kleidung gefaltet hatte und im Kühlschrank eine neue Toblerone wartete.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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