Was gewesen ist: Woche 12 (2018)

Es war die große Eröffnungswoche, in der wir unser im Ferkelalter auf den Straßen Neuköllns verendetes Schweinchen Dandy Diner noch einmal reanimieren sollten, am Alexanderplatz, dem verfetteten Herzen der Hauptstadt.

Als wäre uns die eigene Geschichte nicht Warnung genug, kümmerten wir uns am Montag aber erst einmal um unsere Eitelkeit und ließen uns für ein zehnseitiges Porträt im neuen Magazin des Privatfernsehstars Joko Winterscheidt, JWD (Kürzel für den tollen Titel: “Joko Winterscheidt Druckerzeugnis”), vom Starfotografen Felix Krüger vor allen vier Seiten des altehrwürdigen Berliner Stadtschlosses in Szene setzen und mit Cowboyhüten auf dem Kopf fotografieren.

Abends probierten wir dann im Restaurant “Kopps”, wie gut und richtig vegane Küche schmecken kann, und gaben ein auf wenige Zeilen runter gekürztes, stundenlang ausschweifendes Interview über Trends, das was war und das was kommen wird und also vor allem über uns.

Zunächst kam jedoch erstmal der Dienstag.

Ich hatte Ruben in der jamaikanischen Bar mit dem schönen Namen „Ya Man“ treffen wollen, kam jedoch etwas zu spät, weil es schon wieder länger als gedacht gedauert hatte, meine völlig ausser Kontrolle geratene Frisur, die schon lang keine mehr war, zu föhnen, und bei dieser Affenkälte wollte ich nun wirklich nicht mit nassen und dann wohl bald auch gefrorenen Haaren vor die Tür. Jedenfalls war ich zu spät und Ruben stand vor dem soeben von Besitzerin Barbara aus Frust verschlossenen Laden. Es waren den ganzen Tag über nur drei Kunden gekommen und jetzt, es war grad 21 Uhr, hatte sie schlicht keine Lust mehr. Wahrscheinlich war es einfach zu kalt, für eine jamaikanische Bar, im nordwestlichen Moabit, wo der einzig erreichbare Bus keine Nummer trägt, sondern den Zifferncode des gar nicht mehr so weit entfernt gelegenen Flughafens Tegel.

Also schlenderten Ruben und ich nur ganz wenige Meter, die spannend, weil sehr fremd aussehende Straße hinauf und hielten vor einem Fenster inne, durch das man in eine merkwürdige Mischform aus sehr kleinem Wohnzimmer, sehr kleiner Bücherstube und normal großer Abstellkammer hineinblicken konnte und gingen hinein, kurz mal gucken, was das denn nun sei.

Ein jüngerer, schnurrbärtiger Mann von etwa vierzig Jahren und eine etwa sechzigjährige Türkin, er sollte sich später mal Charly, mal Helmut nennen, sie stellte sich als Ayse vor, baten uns Platz zu nehmen, auf ihrem staubigen Sofa, um das herum allerlei Stühle verschiedenster Art standen, manche auch übereinander, und baten uns zwei Getränke aufs Haus an. Man war froh über die beiden Gäste, die es hier sicher noch seltener gab, als nebenan bei Barbara im „Ya Man“.

Charly und Ayse hatten sich überlegt ein Lesecafe aufzumachen, mit alten Büchern aus dem 1-Euro-Bücherladen, alten Geo-Heften, und einem Spiegel Sonderheft über Kalifornien von 1997, in dem Tom Kummer von der Pornoindustrie des, nunja, Pazifik-Staates berichtete. Der große Teekocher war noch nicht angeschlossen, also spendierten sie zwei naturtrübe Cola ohne Koffein und später auch einen Raki und dann noch einen und sich selbst ebenfalls.

Wir blieben drei Stunden und wurden nur selten bei unserem Gespräch unterbrochen, von unseren Gastgebern, die sehr nah vor uns saßen, fast Knie an Knie, uns zuhörten und nur manchmal etwas sagten, wie zum Beispiel, dass Thailand sehr teuer geworden sei, Laos viel günstiger wäre, dass ein Freund einen Flug für 40,- Euro nach Mallorca bekommen hatte, was günstiger sei, als ein Taxi nach Neukölln und dass dieser Teil Moabits sicher bald genauso angesagt sein würde, wie der Wedding oder die Hermannstraße, alles nur eine Frage der Zeit und bei den günstigen Mieten hier, könne man sich ruhig erlauben, noch etwas zu warten, auch wenn mal keine Kunden kämen.

Neben der offenkundigen Gastfreundschaft und der Freude über unseren Besuch, hatte dieser Verschlag etwas Dunkles und wir waren froh, es dann irgendwann wieder hinaus geschafft zu haben, jedoch nicht ohne für die fünf, sechs Getränke, eine in dünne Scheiben geschnittene Banane, ungefragt gereicht mit zwei Kuchengabeln, und das SPIEGEL Special von 1997 zu zahlen: sechs Euro.

Am Mittwoch war es dann so weit und wir öffneten, nach wochenlanger Vorarbeit, die gläsernen Pforten des Dandy Diner für einen ganz kurzen Augenblick am Alexanderplatz. Wie das war, steht hier: schön. Außerdem sei noch angemerkt, dass ich mir in völligem Übermut und vor Freude über dieses schöne Fest in feiner Tinte ein zwinkerndes Schweinchen auf den Ringfinger der rechten Hand tätowieren ließ, das mir spätestens bei Vollendung der Houllebecqschen Unterwerfung und damit dem Beginn des Kalifats in Deutschland zum Verhängnis werden dürfte.

Am Donnerstag dann ließ ich mir aber erstmal wieder den Völler in Form bringen und sehe seither aus, wie man als gesamtdeutscher Fußballer der Meistermannschaft von 1990 eben aussah. Abends aß ich im Sage Restaurant, auf Einladung der Lautsprecherfirma “Marshall Headphones”, die einen neuen, die hässliche Außenwelt abschirmenden, kabellosen Kopfhörer vorstellten, den ich mir gleich mitnahm, um auf meinem nächsten Langstreckenflug sämtliches Babygeschrei aus der ersten Klasse zu überhören und immer wieder die Stewardess mit den Getränken zu verpassen.

Den Freitagvormittag verbrachten Giannina und ich bei unserer lieben Freundin Juliette Mainx in deren Fotostudio “EyeCandy” nahe der hölzernen Techno-Burg “Kater Blau” und wir aßen Schokoladencroissants und schauten auf die Spree. Noch nicht ganz gesättigt fuhr ich mit einem pfeilschnellen Smart der von Mercedes Benz betriebenen Ausleihfirma “Car2Go” in den Westen, ins Stammhaus des Café Einstein, und traf dort meine Freunde Philip Mollenkott und Paul Ronzheimer. Es fühlte sich an, wie ein Sonntag, dabei war doch erst Freitag, aber hier in Berlin fühlen sich ja eigentlich alle Tage an, wie Sonntage, Schlechtwettersonntage zwar, aber immerhin Sonntage.

Am Nachmittag begingen wir mit einem kleinen Dandy Diary-Team eine Location, in der wir schon bald eine opiumrauchgeschwängerte Massagezeremonie thailändischer Prägung abhalten würden und schauten, wo am besten der DJ stehen würde und wo die Massageliege.

Später trafen wir dann noch den Galeristen Johann König und ich erzählte ihm von der Idee für einen Kurzfilm, deren Protagonist er sein würde, eine kurze Szene aus dem Leben eines Jedermanns, erzählt aus der Perspektive Johanns. Er mochte die Idee, soviel konnte ich schon dort erahnen. Jedoch erst das “Go” seiner Gattin, die ich am Abend beim Konzert des Malakoff Kowalski traf, brachte die letztendliche Bestätigung: Ja, Johann wird Kurzfilmstar!

Kowalski also, da waren wir nun und saßen in der zweiten Reihe, ganz nah am Flügel, und schauten dem Pianisten direkt ins Gesicht, wenn er denn mal aufschaute, was genau drei mal, während der gut vierzigminütigen Performance geschah.

Die gesamte Berliner Kulturszene war gekommen, was die relativ neu zugezogene Kunstsammlerin Julia Stoschek freudig bemerkte, es sei wie eine Familie hier, ja, hallo, meine liebe Schwester mit den dunklen Haaren, und alle schwitzten und manche keuchten, weil es so voll war und heiß, im Oktogon des Schinkel Pavillons. An der Wand hing noch die Punkerlederjacken-Installation des amerikanischen Künstlers Jordan Wolfson, die den größtmöglichen Kontrast zum strengen Look Malakoff Kowalskis darstellte. Kowalski trug, wie immer, ein schmales weißes Hemd am schlanken Körper, eine schwarze Hose, schwarze Stiefeletten, sowie eine schwarze Elbseeglermütze. Die gestärkte Stoffserviette, die er immer bei sich trägt, weil er die Servietten in den allermeisten Restaurants dieser Stadt abstoßend findet und für die er sich eigens von der Münchner Schmuckdesignerin Saskia Diez einst ein silbernes Umhängekettchen hat schmieden lassen, lag gefaltet auf dem Flügel vor ihm, um sich damit gelegentlich die feuchten Hände abzutupfen. Es war aber auch wahnsinnig heiß und nach drei Liedern eigentlich gar kein Sauerstoff mehr im Raum.

Zwischen den Liedern des neuen Albums “My First Piano”, das Malakoff Kowalski an diesem Abend komplett spielen sollte, wurde nicht geklatscht und die einzigen Geräusche, die ich vernehmen konnte, waren das gelegentliche Klappgeräusch echter Hornbrillen, das Ausziehen von Kaschmirpullovern und Wollsakkos, sowie das schwere Stöhnen einer schwitzenden Frau in den Wechseljahren, das vielleicht auch von mir kam.

Ich trank ein halbes Wasser und ließ mir noch schnell von Moritz von Uslar seine Begleitung vorstellen und von Johann König die schöne Geschichte erzählen, dass er während des Konzerts das Bein seiner hinter ihm sitzenden Frau streicheln wollte und nach einer guten Minuten gar nicht mal so jäh unterbrochen wurde. “Falsches Bein”, sagte eine fremde Stimme in die Stille zwischen zwei Liedern.

Damit war der soziale Höhepunkt dieses Abends erreicht und Giannina und ich fuhren noch schnell für einen späten Snack ins Restaurant des Zoo Hotels an den Kurfürstendamm, wo unsere Freundin, die Bloggerin Masha ihren Geburtstag feierte, mit veganer Torte, Luftballons mit ihrem Namen drauf und ihren Eltern. Es war ein schöner Abend und wir blieben eine Weile, bis es spät war und Zeit zu gehen.

Am Samstag war es sonnig und irgendjemand hielt es für eine gute Idee, auf der Dachterrasse eines Freundes zu grillen, was wir dann auch taten und zusammensaßen mit mal zwölf mal zwanzig Leuten und alle sich alle schon sehr früh sehr angeregt unterhielten und aufgekratzt rumstanden, bis es dann endlich Nacht wurde und Giannina und Alyssa in dem kleinen Club hinter dem Restaurant Crackers ein paar Discohits auflegten und alle tanzen konnten, die Energie rausblasen in die Nacht, auf das was zurück kommt und bei allen wurde es spät und bei mir früh und nun ist Sonntag und ich packe meinen großen Koffer, um morgen nach Kalifornien zu fliegen, weil ich doch dieses SPIEGEL Special gelesen habe, von 1997, in dem steht, wie schön es dort ist.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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