Von Gucci, Kommerz und Individualität

Das dank Alessandro Michele rehabilitierte Luxushaus bietet nun das Gleiche wie Baumärkte und Youtube-Tutorials : Die vermeintliche individuelle Unabhängigkeit. Und ist doch meilenweit davon entfernt.

In der immer stärker individualisierten Welt, in der wir nunmal leben, ist es in den letzten Jahren möglich geworden, so ziemlich alles vom Müsli bis hin zum Sneaker personalisieren und an den eigenen “Geschmack” anpassen zu lassen.

Geschmack steht hier bewusst in Anführungszeichen, denn oftmals führt diese natürlich auch nur sehr eingeschränkt vorhandene Freiheit zu Entwürfen und Farbkombinationen, die man so besser sein lassen sollte. Aber so ist es nunmal: Dank Diensten wie NikeID oder miAdidas, mit denen sich mittlerweile etliche Turnschuhe der beiden Weltmarken in Farbe und Material anpassen lassen, wird jeder Informatiker zum Designer oder fühlt sich zumindest so.

Ein stilistischer Fehlgriff scheint bei dem neuesten Customizing-Service der Modebranche ziemlich unmöglich. Das liegt daran, dass die einzelnen Komponente aus Gucci’s DIY-Angebot genau die Mischung aus hochgradig prollig, kitischig, maskulin und doch kultiviert abbilden, die Mastermind Alessandro Michele innerhalb kürzester Zeit bei dem italienschen Traditionshaus etabliert und es damit aus der Nichtigkeit gerettet hat.

Die punkige Ästhetik funktioniert natürlich besonders gut in Kombination mit Jeans-und Bomberjacken. Die bilden auch den Kern des Programms, klassisch DIY eben. Auch das Anpassen und Verändern von Schuhen und Lederjacken ist oft gesehen. Meistens zwar mithilfe von Nieten und nicht mit handgemalten All Over-Mustern (wie nun bei Gucci), dennoch: All diese Produkte fallen traditionell dem Wunsch nach Individualität und Abgrenzung zum Opfer.

Gucci bietet seinen Service aber auch für Anzüge und Abendgarderobe an. Damit prallen zwei Welten aufeinander, die sich zumindest bis jetzt feindlich gegenüberstanden. Während Anzüge sofort ein Gefühl von Establishment und Status vermitteln kämpfte die DIY-Kultur und die mit ihr verbundenen Subkulturen seit jeher gegen dieses Establishment an.

Rebellion, die strikte Ablehnung des vorherrschenden Systems und die durch das Selbermachen zumindest für einen kurzen Moment vorherrschende Unabhängigkeit von eben diesem System sind die Grundlage des Do it yourself. Dass diese durch Gucci’s Angebot nun nur noch sehr bedingt vorhanden ist, ist – ob gewollt oder nicht – ein ganz großer Schachzug und das perfekte Beispiel dafür, dass im Jahr 2016 selbst der Anti-Kommerz kommerzialisiert wird. Bravo, Alessandro!

Category: Trends

Tags: diy, Gucci

Von: David Jenal

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