Vintage-Luxus in Paris: Vestiaire Collective x Holiday Boileau

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Lange MĂ€ntel, lange Schals, rote Lippen, KĂŒsschen rechts, KĂŒsschen links, Bonjour und Au Revoir. Es ist Mittwochabend, 19 Uhr, eine Seitengasse, gesĂ€umt von Altbauwohnungen mit französischen Balkons. Paris. Auf dem engen BĂŒrgersteig vor einem auffĂ€llig leuchtenden Schaufensters hat sich bereits eine kleine Menschentraube versammelt. Die Zigarette in der einen Hand, das Champagnerglas in der anderen. Zwischen ihnen liegt ein grau-weiß gefleckter Hund.

„Vestiaire Collective x Holiday Boileau“ steht in weißen Lettern auf der TĂŒr. Hinter ihr Kleiderstangen mit Jeansjacken, karierten Hemden und Blazern, aufgestellte Taschen:  eine HĂ©rmes fĂŒr 3480€, Gucci und ChloĂ© streifen die Blicke. Neben den ausgestellten Vintage-Pieces, HĂŒten, goldenen Ohrringen und klackernden AbsĂ€tzen, Jeanshosen und weiten Hosen fĂ€llt hier vor allem das nicht-auffĂ€llige auf. Keine plakativen Aufdrucke auf der Brust oder an den Hosenbeinen, keine hochgezogenen Socken mit Marken-Aufschrift, sondern Ohrringe von CĂ©line, Jeanshose, Jeansjacke, schwarzes langes Kleid.

Der unterbewusste Dresscode scheint jedoch nicht schlicht, sondern klassisch. Beige MĂ€ntel werden gepaart mit weißen Schuhen. WĂ€hrend man sich an einem Mittwochabend lediglich der Free-Drinks wegen in einen Pop-Up Store schleppt, scheint man sich in Paris auf Modeveranstaltungen tatsĂ€chlich ĂŒber Mode zu unterhalten. Die Men’s Fashion Week, Retail-Preise, die Kleidung an den Stangen, die ausgestellten Taschen dominieren das Mittwoch-Abend GesprĂ€ch unter Champagnereinfluss.

Enthusiastisch zieht mich die Stylistin und Kuratorin der Kooperation, Marie Blanchet, zur Seite. Sie erzĂ€hlt, dass in der Mode ja eigentlich immer nur die Dinge eine gewisse Relevanz hĂ€tten, die zeitlos sind. Da mĂŒsse man nur auf die sich immer noch verkaufende Chanel-Bag blicken oder die jede Saison wiederkehrende A.P.C. Hose. Oder auf ihre schwarze Lederjacke, die ihr ein Freund ergattert hat und die sie „ĂŒber alles liebt“

WĂ€hrend sie so erzĂ€hlt, schwenkt sie die HĂ€nde in der Luft, in der linken ihr iPhone und eine schwarze Zigarettenpackung in der Hand. Marie Blanchet wird mir als Vintage-Expertin vorgestellt, was auch ihrer Position bei Vestiaire, dem Online-Shop bei dem man Vintage-Luxus-Pieces kauft und verkaufen kann, entspricht. Ihre Leidenschaft ist deutlich spĂŒrbar, sie endet in einem recht angenehmen Monolog ĂŒber die Rolle des Vintage, der ja auch in den heutigen Trends und Entwicklungen spĂŒrbar sei. Alessandro Micheles Erfolg, seine gesamte Ästhetik basiere ja vor allem darauf, dass er sich mit der MarkenidentitĂ€t von Gucci auseinandergesetzt habe und alte Dinge neu interpretiert, in dem er unter anderem Vintage-Taschen mit SchriftzĂŒgen ĂŒberzog.

Die Kooperation mit dem – ebenfalls aus Paris stammenden – Holiday Magazine, das sich neben der Mode auch mit dem Reisen auseinandersetzt und dessen BegrĂŒnder ein großer Vintage-Enthusiast sei, habe von daher nur Sinn gemacht, endet Marie ihre AusfĂŒhrungen.

Vorbild und Inspiration zugleich ist die Garderobe des Pariser Mannes, dessen Kleiderschrank ja klischeebehaftet vor allem mit zeitlosen Klassikern bestĂŒckt sein muss. Doch es geht hier auch viel eher um die Assoziation mit dem „maskulinen“ – mit Standhaftigkeit, Durchhaltevermögen, StĂ€rke. Und das ist ja nicht gerade, jede Saison aufs Neue den ĂŒblichen Trends hinterherzurennen, sondern sich etwas Eigenes zu schaffen, zu entwickeln. Die Zusammenarbeit zwischen Luxus-Retailer und der Marke des Holiday Magazines soll nun etwas zeitloses – die Jeansjacke – mit etwas Neuem – dem Logo – kombinieren.

Vestiaire wurde vor 9 Jahren von 6 Leuten in Paris gegrĂŒndet und wird noch heute als Kollektiv gefĂŒhrt. Die AtmosphĂ€re in dem Pop-up Store scheint familiĂ€r, ein kleines MĂ€dchen mit schwarzem Rock, passenden Ballerinas und einem noch passenderen gestreiften Pullover lĂ€uft umher und unterhĂ€lt sich mit Stylisten, Fotografen, Journalisten. SĂ©bastien Fabre, GrĂŒnder und CEO von Vestiaire Collective, erklĂ€rt, dass gerade die Jeansjacke in seiner Jugend eine große Rolle gespielt habe, heute immer noch relevant sei und deshalb auch das HerzstĂŒck der Kollektion. Sie sind limitiert auf 45 StĂŒck, durchnummeriert und allesamt Vintage.

Doch all das sei nur der Kick-Off fĂŒr eine Ausweitung der MĂ€nnermode auf Vestiaire. Momentan macht diese Sektion im Shop 17% des Gewinns aus, immer noch dominieren klar und deutlich die Frauen diesen Bereich.

Doch die Kooperationen zwischen Streetwear und Luxus – schauen wir nur auf Supreme x Louis Vuitton oder Nike x Off White – haben diesen Bereich wachsen lassen, erklĂ€rt mir ein Mann mit schwarzen Haaren und französischem Akzent, bei Vestiaire fĂŒr die MĂ€nnermode zustĂ€ndig. Am besten verkaufe sich vor allem Saint Laurent, Gucci und Louis Vuitton – in der Reihenfolge. YSL vor allem deshalb, weil es so teuer sei. Es gĂ€be schon richtige Sammler, die stĂ€ndig auf der Suche nach speziellen Teilen aus der Zeit einer Marke mit einem bestimmten Designer sind. Wie zum Beispiel dieser eine, der einen Alert fĂŒr Gucci-Teile aus der Zeit von Tom Ford, eingestellt hat. MĂ€nner seien eben genauso verrĂŒckt. Und das will man jetzt nutzen.

Es werden Austern serviert, die Frau mit dem tiefroten BarrĂ© bedient sich. Der Fotograf spricht mich an, erzĂ€hlt mir von seiner Frau, mit der er regelmĂ€ĂŸig nach Deutschland fĂ€hrt um Schuhe in GrĂ¶ĂŸe 42 zu kaufen, denn sowas gĂ€be es hier nicht. Nicht in Paris, nicht in Frankreich. Damenschuhe in GrĂ¶ĂŸe 42. Er zeigt auf die Frau bei den Austern. „In the 80s/90s she was the favorite model of Saint Laurent, she was on so many covers and shows.“

Seit 36 Jahren arbeite er nun unter anderem fĂŒr Women’s Wear Daily (WWD), die kommenden Tage werde er die Shows fotografieren. GegenĂŒber dem Vintage-Aspekt, der den Raum zu definieren scheint, ist er in Bezug auf die Kamera eher skeptisch. Er kann mir nicht so recht zustimmen, wenn ich vom Revival der analogen Kamera spreche. Auch nicht der Ästhetik wegen. Digital biete eben mehr Möglichkeiten, er mĂŒsse nicht stundenlang vor dem PC bearbeiten. „Take care“ ruft er mir zu und verschwindet in der Menge.

Ich blicke zu dem Model aus den „80s/90s“. Und plötzlich scheint es als wĂ€re in Paris nicht nur alles etwas klassischer, sondern auch relevanter. Fashionwise, zumindest. In sĂ€mtlichen Magazinen: Interview Germany und die letzte „Paris Issue“ als auch das „Please“ Magazine mit der „Dazzling Paris“-Ausgabe, machten die Pariser Lebensart, das GefĂŒhl, das Relevante, das langsam aber schwungvoll wieder auf die Straßen zurĂŒckkehrt, die einige Jahre von einer aufgebauschten AttitĂŒde, einem herabsehenden Blick dominiert wurden, zu ihrem Thema.

Auch dieses Paris-GefĂŒhl wollte man auf kleinem Raum mit hellen WĂ€nden und zurĂŒckhaltender Musik, Champagner, Austern und der Kollektion an den Stangen ausdrĂŒcken: Paris ist mit erneuerten, alten Werten zurĂŒck: klassisch, durchdacht und relevant.

Die Teile findet ihr hier.

Category: Special

Von: Carl Jakob Haupt

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