Unisex, Saisons und See and Buy: Das sagt die deutsche Branche zum Wandel der Modewelt

Während unsere Gedanken in den letzten Tagen nur und ausschließlich um die große Eröffnung des DANDY DINER kreisten, verändert sich die Modebranche weiterhin radikal und rasend schnell. Die Saisons werden abgeschafft, Frauen-und Männerkollektionen werden gemeinsam gezeigt oder gleich zu einer Unisex-Linie zusammgefasst und Labels wie Burberry wollen in Zukunft soeben gezeigte Kollektionen schon morgen in die Läden hängen. Wir finden all diese Entwicklungen natürlich sehr gut und sind überzeugt von ihrer dringenden Notwendigkeit. Doch was sagen andere, von uns hochgeschätzte Meinungsmacher aus der deutschen Branche dazu? Ich habe sie befragt – ihre Antworten gibt es jetzt und hier.

Die Grenzen zwischen Männer-und Frauenkollektionen verschwimmen immer mehr, die Kollektionen werden teilweise in einer gemeinsamen Show gezeigt oder gleich als Unisex deklariert. Inwiefern wird dieser Wandel die Branche und die (Konsum)Gesellschaft verändern?

Alfons Kaiser, Ressortleiter „Deutschland und die Welt“, Frankfurter Allgemeine Magazin, F.A.Z.

„Der Trend zur Unisex-Mode ist so stark, weil er mit dem gesellschaftlichen Trend zur Überwindung der Geschlechterrollen einhergeht. Der Mode- und der Gesellschaftstrend verstärken einander. Langfristig wird der Trend auch Konsumgewohnheiten ändern. Die Kosmetikbranche wird noch viel stärker die Männer als Zielgruppe erkennen. Und in der Damenmode werden definitiv mehr Männersachen als nur “boyfriend jeans” verkauft. Auch der Trend zu Sneakern ist so stark, weil er beide Geschlechter mit sich reißt.“

Fabian Hart, Blogger, FabianHart.com

„Ich denke das ist ein Phänomen von High Fashion und hat leider nur wenig damit zu tun, wie eine Gesellschaft in den nächsten Monaten Genderrollen wahr- und einnimmt. Sicherlich gibt es Phänomene wie „Boyfriend Jeans“ und Crop Tops für Jungs, aber gleichzeitig eine starke Tendenz zu klassischem Tailoring. Ich mag aber die Idee, dass Stoffe, die tendenziell weiblich scheinen, etwa Spitze oder SeeThrough, mittlerweile auch von Männern getragen werden können, zum Beispiel im Schnitt eines Sporttrikots oder ähnliches. Dieses neue Verständnis von Unisex gefällt mir viel besser als die Idee, beide Geschlechter und alle dazwischen auf einen Look zu reduzieren und damit den / die Trägerin zu entsexualisieren.“

Anita Tillmann, PREMIUM Messe, SEEK, Bright

„Ehrlicherweise ist das Ganze ja nicht neu. Dass Burberry sich jetzt als „Gamechanger“ inszeniert, wird ja auch ein bisschen belächelt. Dass Damen und Herren zusammen gezeigt werden, ist schon längst an der Zeit.“

Herbert Hofmann, Creative Director und Buyer, VooStore

„Generell finde ich es sehr sympathisch, wenn man das mixt und Männer selbstbewusst genug sind, um Frauenteile zu kaufen und umgekehrt. Es führt auf Dauer auch zu einer offeneren und offenherzigeren Gesellschaft. Für die Branche und speziell für uns als Laden ist es eine schöne Geschichte, weil man ein bisschen freier einkaufen kann und mutiger sein kann, gerade was feminine Schnitte angeht. Und es ist natürlich für heterosexuelle Paare auch super, wenn man sich die Garderobe teilen kann.“

Hien Le, Designer

„Ich habe ja – wie einige andere Designer auch – die Shows und Messen von Anfang an gar nicht nach Geschlechtern getrennt. Für mich war es dennoch wichtig, das es keine Unisex-Kollektion ist, sondern mit Teilen für Frauen und Männer, was aber nicht heißen soll, dass Frauen nur Frauenteile tragen dürfen und umgekehrt.

Gerade in der Modebranche wird die Geschlechterverteilung eine immer kleinere rolle spielen, was wir in den letzten Jahren ja schon zunehmend beobachten konnten. Es gibt mittlerweile sehr androgyne Models wie Andreja Pejic, die sowohl Männer-als auch Frauenshows laufen. Letztendlich wird es weniger Messen und Shows pro Saison geben.

Adriano Sack, Ressortleiter Stil, Die Welt

„Ich glaube, die Grenzen zwischen Männer- und Frauenkollektionen verschwimmen, weil in bestimmten Kreisen (Großstadt, junge Menschen, Homosexuelle und ihre Sympathisanten) die klaren Geschlechterrollen verschwimmen. Die Mode folgt hier der Gesellschaft und nicht umgekehrt. Einen Großteil der verkauften Klamotten wird das überhaupt nicht berühren, aber da, wo es interessant ist, entstehen vor allem für Männer mehr Möglichkeiten und, hoffentlich, ein bisschen mehr Lockerheit. Um Dries van Noten zu paraphrasieren: Auf einem großen Teil der Welt laufen jetzt schon die Männer in Röcken und Kleidern herum.“

Jessica Weiß, Bloggerin, Journelles

„Für die Frauenmode ist Unisex spannend, das hat sich in den vergangenen Jahren im Tomboy-Look, den Boyfriend-Jeans, Suits oder den oversized Männerhemden widergespiegelt. Zwar wird die Männermode immer femininer, aber für eine langfristige Veränderung in der Gesellschaft wird Unisex vermutlich nicht sorgen – dass Kollektionen in denselben Schauen gezeigt werden, ist vielmehr eine wirtschaftliche Entscheidung von Burberry. Unisex wird bestimmt zum festen Bestandteil – angesichts der vielseitigen Trendströmungen und Schnelllebigkeit aber kaum schwerwiegende Veränderungen herbeiführen.“

Manch großes Luxushaus, aber auch kleine Labels passen sich der immer schneller werdenden Branche an und bieten zumindest Teile ihrer Kollektionen direkt nach der Show an. Welche Vor-und Nachteile bringt diese Entwicklung mit sich?

Alfons Kaiser, Ressortleiter „Deutschland und die Welt“, Frankfurter Allgemeine Magazin, F.A.Z.

„Die Aufweichung der Saisons könnte das Image verwässern. Designerschauen, auf denen wirklich Neues gezeigt wird, sind deshalb um so wichtiger für die Zukunft der Marken. Niemand wird daran vorbeikommen, oft neue Ware nachzuschießen. Aber jedem muss daran gelegen seinen, zwei oder vier Mal im Jahr eine echte Premiere zu bieten. Aus Gründen der Beschaffung, des Designs, der Produktion, der Auslieferung und des Marketings werden die meisten Marken noch lange die allermeisten Produkte nicht direkt, sondern erst ein paar Monate nach der Schau in die Läden bringen. Sich die Sachen Monate vor der Schau im Showroom anzuschauen, ist illusorisch: Wie oft soll man denn noch nach Paris oder Mailand fahren? Die Schauen sind Premieren. Und wenn sie das nicht mehr sind, haben sie keinen Sinn.“

Fabian Hart, Blogger, FabianHart.com

„Die Zeit zwischen Präsentation, Order und Verkauf wird immer kürzer werden, was eine Herausforderung für jeden Store-Eigentümer und Einkäufer ist, aber gleichzeitig ist es auch nicht mehr zeitgemäß, eine Saison lang auf die Teile warten zu müssen. Etwas zeitgleich durch “Neue Medien“ erleben und dann ein halbes Jahr warten müssen, bis man es kaufen kann, ist keine gute Idee. Vor allem, weil Saisons sowieso keinen Sinn mehr machen bei all den Nischen- Zwischen- und Kapselkollektionen. Für die Masse an Konsumenten wird sich nichts verändern. High Street Labels werden dennoch in schnellster Zeit auf die Fußgängerzone bringen, was bei den Schauen in Mailand, Paris und New York gezeigt wird.“

Anita Tillmann, PREMIUM Messe, SEEK, Bright

„Dass die Produktionszyklen viel zu lange dauern, ist allen klar, vor allem uns als Endkonsumenten. Die Umstellung wird Burberry nicht mehr Umsatz bringen. Grundsätzlich finde ich aber die Entwicklung richtig und wichtig. Was im Streetwear-Bereich schon ganz lange passiert, kommt jetzt auch im Luxusbereich. Der Markt verändert sich aber schon seit Langem, es war nur für den Endkonsumenten nicht so ersichtlich.“

Herbert Hofmann, Creative Director und Buyer, VooStore

„Man hat als Laden auf jeden Fall eine einfachere Kommunikation. Bei jeder Fashion Week wollen die Leute es. Bei teureren Kollektionen geht es viel um It-Pieces und Teile, die man sofort haben will. Bisher hatte man ein halbes Jahr Zeit, sich zu überlegen . Wenn ich auf dem Runway eine supertolle Jacke und einen supertollen Sweater sehe, dann kaufe ich es wahrscheinlich sofort. Was man jetzt mag, mag man vielleicht in sechs Monaten nicht mehr. Die Leute bekommen auch das Gefühl, dass sie schneller reagieren müssen. Wenn alle Buyer auf ein Teil gehen, weiß das Label auch, Es wird“

Hien Le, Designer

„An und für sich finde ich das eigentlich eine gute Entwicklung, realisierbar ist es allerdings nur für die großen Luxuskonzerne, die das finanziellen Backup haben, um so viel vorproduzieren zu können. Für uns kleinere Labels wäre ist das Risiko zu groß, die Kollektionen vorzuproduzieren, ohne zu wissen was wirklich geordert und gekauft wird. Außerdem bleibt keine Zeit, die Kollektionen zu shooten, wenn wirklich direkt nach der Show schon alles in den Läden hängen soll. 

Ein grosser Vorteil der Entwicklung ist, dass es den Modeketten fast unmöglich sein wird, wie bisher die Entwürfe vom Laufsteg zu kopieren und mit der Arbeit anderer Geld zur verdienen.

Adriano Sack, Ressortleiter Stil, Die Welt

„Dass der zeitliche Abstand zwischen Präsentation und Verkauf einer Kollektion kleiner wird, halte ich für vollkommen logisch. Niemand will heute noch warten. Das zwingt die Modelabels zu einer viel genaueren Prüfung der kommerziellen Chancen ihrer Produkte, nicht allerdings dazu, nur noch Bestseller und Blockbuster anzubieten. Die key pieces zur Imagebildung wird es trotzdem geben müssen. Diese Veränderung setzt auch Modemagazine unter Druck. Die 6 Monate, in denen bisher die Kleidung durch die Welt gefedext und für Editorials fotografiert wurde, wird es möglicherweise nicht mehr geben. Da sich das Establishment (Luxuskonzerne, Verlage) aus verständlichen Gründen gegen diese Entwicklungen sträubt, ist schwer zu sagen, wann und ob sich diese durchsetzen werden. Die Vor- und Nachteile sind meiner Ansicht nach für große, etablierte und für kleine, junge Labels die gleichen: das Risiko wird größer. Kann man blöd finden, aber vermutlich nicht ändern.“

Jessica Weiß, Bloggerin, Journelles

„Zunächst einmal finde ich all diese Veränderungen nicht nur aufregend, sondern auch notwendig – endlich kommt mal wieder Schwung in die Bude! Denn so sehr wir die Mode, die Aktualität und Schnelligkeit und auch die ständigen Neuankünfte in den Onlineshops lieben, fassen wir uns hier im Büro doch ständig an den Kopf: Es geht einfach einen Ticken zu schnell und wir können die Langlebigkeit eines Luxusartikels kaum mehr genießen, geschweige denn wertschätzen – es kommt einfach jeden Monat ein neues Must-have, ein neuer Mantel für mehr als 2.000 Euro oder ein neues Shirt in den Handel, das uns die gerade gekauften Schätze alt erscheinen lässt. Die Halbwertszeit eines Artikels ist so kurz, dass sich Investitionen nicht mehr gut anfühlen.

Von heute auf morgen wurde jedoch noch nichts revolutioniert. Der Ansatz benötigt Zeit – und macht derzeit nur Sinn für die eigenen Monobrand-Stores – denn Burberry kann sich für die eigenen Stores natürlich umorientieren. Wie aber soll es im Wholesale funktionieren? Das Prinzip ist ja schließlich, dass die Einkäufer von Multibrand-Stores rund drei bis sechs Monate vor Auslieferung die Order schreiben, woraufhin erst produziert wird. Wie sollen Marken die Order im Vorfeld kalkulieren?

Als Nachteil sehe ich die entschwundene Wartezeit, denn auch das ist Luxus: Auf ein Objekt der Begierde rund sechs Monate zu warten, darauf zu sparen und ein gewisses Gefühl von Exklusivität zu verspüren. Denn wenn sofort alles verfügbar ist, könnte die Luft genauso schnell raus sein wie momentan auch.“

Category: Special

Tags: Meinungen, Modebranche, Wandel

Von: David Jenal

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