Trendy: Ostdeutschland

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Nach einer Ehrenrunde kam ich zu Steve in die 8. Klasse. Ein Ossi, der seine Acid-Washed-Jeans so eng trug, dass sich – gut sichtbar für all seine Klassenkameraden – sein monströser Schwanz abzeichnete. Seine Kleidung, keine Markenlogos, und sein für uns Wessis amüsanter, ostdeutscher Akzent machten ihn zu einem Außenseiter, doch niemand, der tatenlos Witze über sich ergehen ließ.

Ich kann mich noch erinnern, dass mich Steve, nach einem kleinen Scherz, in der Umkleidekabine vor dem Sport-Unterricht, einmal gegen die Wand drückte. Nach diesem Vorfall ging ich es vorsichtiger an, um mein zartes Leben nicht in Gefahr zu bringen.

Jahrzehnte später, vor ein paar Wochen, stand ich auf dem Wild Wild East – einem großen VW-Tuning-Treffen irgendwo im tiefen Osten – und musste wieder an Steve denken. Denn der DJ spielte „Fick mich Finch“ von dem ostdeutschen Künstler Finch Asozial:

„Ey ich bums dich bis ich platze, so krass war es noch nie. Nur ein ostdeutscher Schwanz gibt dir Orgasmusgarantie“. 

Am letzten Tag des Festivals, frühmorgens, nach dem letzten Song, ich schon im Zelt schlafend, rief der harte, betrunkene Kern des Festivals minutenlang, „Ost-Ost-Ost-Deutschland“. Ein Moment, über den ich bis heute nachdenke, denn diejenigen, die hier grölten, die wollen nicht weg.

Ein lautstarkes Bekenntnis für Ostdeutschland. Daheim recherchierte ich zur „Flucht von Ost nach West“, die es, so belehrten mich die jüngsten Berechnungen („GO EAST“) des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BIB) so heute gar nicht mehr gibt:

„Die fünf ostdeutschen Bundesländer (ohne Berlin) verzeichneten für das Jahr 2017 einen Wanderungsgewinn von rund 4000 Menschen. Damit ist die lang anhaltende Tendenz der Ost-West-Wanderung gestoppt – in den 26 Jahren davor hatten die ostdeutschen Flächenländer insgesamt mehr als 1,2 Millionen Bürger durch Wegzüge an den Westen verloren“.

Zeichen für ein neues ostdeutsches Selbstbewusstsein? Wenn über Ostdeutschland in den Medien berichtet wird, dann geht es normalerweise um die hohe Arbeitslosigkeit, Nazis und Ossi-Klischees. Doch 30 Jahre nach der Wende gibt es auch andere Aspekte, die berichtswürdig sind. Die neue, ostdeutsche Generation macht ihr eigenes Ding. Es wird weniger gejammert. Man ist heute stolz Ostdeutscher zu sein.

Bei YouTube-Star Finch Asozial, dessen Videos ein Millionen-Publikum erreichen, gibt es den neuen, ostdeutschen Stolz, ironisiert, befreit vom braunen, unschönen Gedankengut.

Der Mann, den die ZEIT optisch treffend als „eine Mischung von André Agassi in den Achtzigern und einem Arabella-Kiesbauer-Gast in den Neunzigern“ beschrieb, ist in Frankfurt Oder geboren und in Fürstenwalde, auf dem Land in Brandenburg, aufgewachsen. In seinem Song „Ostdeutschland“ rappt er:

„Im ganzen Land gehasst, von den Medien verpönt, doch ihr kriegt uns nicht klein, das Leben ist schön/ Väter fahrn mit ihren Söhnen nicht auf Segelyachttrips/ weil Vater lieber hacke vorm Rewe- Markt sitzt/ Die Art wie wir reden/ zu hart und zu streng/ trägt das Herz auf der Zunge/ ja man sagt was man denkt/ Frankfurt Oder, Berlin, Fürstenwalde/ Vaterliebe wird ersetzt durch eine Gürtelschnalle.

Und in seinem Musikvideo „Ledersklave Frederik“ fährt der Rapper auf einer Schwalbe durch Lichtenberger Plattenbauten, schenkt Pfefferminzlikör ein und inszeniert sich vor dem sowjetischen Ehrendenkmal.  Er trägt dabei einen Fischerhut, auf dem in Frakturschrift geschrieben steht: Ostdeutschland.

Während der Berlin Fashion Week, auf einem der allabendlich stattfindenden Events, sah ich einen Boy, der ein T-Shirt mit gleicher Aufschrift trug: OSTDEUTSCHLAND. Das fand ich, gerade im Kontext, bemerkenswert. Und fragte mich: Wird das Spiel mit ostdeutscher Ästhetik hip?

Finch Asozial, Wessis in Ostdeutschland T-Shirts – das ist doch alles ironisch gemeint – wird der ein oder andere jetzt denken, doch was ist heute, 2019, nicht unterwandert von Ironie. Nicht allzu lang ist es her, da fotografierten sich alle in Russenhocke in Gosha Rubchinskiy Trainingsanzügen.

Die Gopniks, das russischen Proletariat, wurde zur Inspirationsquelle für die einflussreichen Kollektionen von Gosha, Demna und Co. Es ist das altbekannte Spiel: Die Mode, Teil des Establishments, greift die Uniformen des Anti-Establishments auf.

Elemente werden neu zusammengesetzt. Man bricht modische Tabus. Und was bitte schön ist derzeit realer, rougher als der niedergeschriebene Osten? Der Underdog. Stilvorbild Steve.

Category: #dandydiaryspace

Tags: Finch Asozial

Von: David Kurt Karl Roth

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