Too Fast Fashion – Die Geschwindigkeit der Modebranche zerstört ihre Kreativität

Das die Modebranche immer schnelllebiger und enger getaktet wird, ist nicht wirklich neu. Diese Entwicklung scheint mittlerweile jedoch an einem Punkt angekommen, an dem sich die negativen Auswirkungen auf das wichtigste Kapital der Branche niederschlagen könnte: die Kreativität der Designer.

Das wiederum könnte die Modewelt, wie wir sie kennen, bedrohen.

Für den kommenden Burnout der Branche gibt es mehrere Anzeichen:

Zum einen steigt die Zahl der Kollektionen, die die großen Modehäuser Jahr für Jahr präsentieren, weiter an. Ein Designer verantwortet heute nicht mehr nur Haute Couture, Ready-to-Wear und zuweilen auch gleich noch die Männerlinie. Es gibt vielmehr noch Zwischenkollektionen, sogenannte Resort- oder Cruisekollektionen, die das jährliche Pensum auf bis zu zehn und mehr Kollektionen ansteigen lassen.

Das ist zwar machbar, der kreative Prozess leidet aber zwangsläufig an vielen Stellen. Der Designer muss etliche Aufgaben delegieren und es bleibt wenig bis keine Zeit, Entwürfe zu überdenken, intensiv zu überarbeiten oder gar zu verwerfen.

Auch der Druck auf die Modenschauen wächst: Um in den sozialen Netzen noch während der Show so präsent wie möglich zu sein, baut CHANEL ein Flughafenterminal und DIOR lässt eine riesige, mit Blumen übersäte Pyramide errichten. Konzeption und Durchführung verschlingen neben Unsummen an Geld auch jede Menge Zeit. Große Shows werden wochenlang geplant. Wochen, in denen an der eigentlichen Kollektion nichts mehr geändert werden kann, weil sonst die gesamte Show-Idee hinfällig würde.

Die Diskrepanz zwischen zu bewältigenden Aufgaben und verfügbarer Zeit führt am Ende entweder zum Weggang (Raf Simons, Alber Elbaz) oder gar – wie im Fall des britischen Mode-Helden Alexander McQueen – in den Drogensumpf und letztendlich zum Suizid.

Auch die Erwartungshaltung der großen Modehäuser und Konzerne wie LVMH, die hinter CHANEL, DIOR und Co. stehen, ist in den letzten Jahren enorm gestiegen: neu verpflichtete Designer müssen sich innerhalb weniger Saisons beweisen und bei Presse und Kunden erfolgreiche Kollektionen abliefern. Tun sie das nicht, ist die Zusammenarbeit oft zu schnell beendet, als dass der Designer seine langfristigen Visionen für ein Label hätte umsetzen können.

Fast-Fashion-Monster wie H&M, ZARA oder PRIMARK provozieren die Entwicklung weiter: Sie klauen regelrecht die Entwürfe großer Designer vom Laufsteg herunter und können sie dank ihrer extrem effizienten Produktionsprozesse schon wenige Tage später in ihren Filialen in den Fußgängerzonen dieser Welt der weniger betuchten Kundschaft präsentieren. Große Modehäuser und kleine Labels geraten dadurch unter Druck, schneller und mehr Trends zu produzieren und diese auch für sich zu nutzen.

Die Modebranche war und ist auf kreative Genies wie Raf Simons und Alexander McQueen ebenso angewiesen wie auf neue, junge Talente wie Demna Gvasalia und Gosha Rubchinskiy. Will sie diese nicht weiterhin wie trockenes Stroh verfeuern, sondern langfristig von ihren Ideen und Visionen zehren und profitieren, müssen neue Strategien her. Strategien, die sich der Schnelllebigkeit entgegensetzen und Kreativität fördern, ohne der die Mode so spannend machenden, hohen Geschwindigkeit Abbruch zu tun.

Schwierig wird das allemal. Unmöglich ist es nicht.

Text: David Jenal

Category: Special

Von: Carl Jakob Haupt

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