Soeben, exakt 8.937 km von meiner Berliner Bude entfernt, auf meinem Tokioter Thron sitzend, auf das „Big Business“ wartend, kam ich ins Grübeln.

Über meine Wahlheimat Berlin, über all die Lokal-Patrioten, die fest davon überzeugt sind, dass Berlin die Stadt aller Städte ist. Das Maß aller Dinge. Da muss man einfach auch mal ehrlich zu sich selbst sein, liebe Ur-Berliner und Zugezogene:

Das ist natürlich Bullshit! Ein bisschen mehr open-minded sein und ab und zu über den Tellerrand hinausblicken tut keinem weh – auch nicht in der Hauptstadt. Auch wir können noch viel von anderen Städten lernen, beispielsweise von Tokio. Und nicht nur über das Design bequemer Kloschüsseln.

Was mir als erstes auffällt: Das Durcheinander und die Unordnung sucht man hier vergeblich. In Berlin beherrschen Chaos und Unfreundlichkeit die U-Bahnen und Rolltreppen. Ist das noch Berliner Schnauze oder schon Verachtung? Wie auch immer.

Dieser fehlende Respekt gegenüber den Mitmenschen zeigt sich auch gegenüber der eigenen Stadt. Hier findet man weit und breit keinen Mülleimer, trotzdem keinen Abfall, in Berlin hingegen gibt es beides: Mülleimer und überall Abfall, so weit das Auge reicht. Abfall wird in Japan so lange in der Jackentasche oder im Rucksack getragen, bis man ihn endlich im heimischen Mülleimer entsorgen kann.

Welcher jeden Tag von der Müllabfuhr entleert wird, deren Firmenlogo eine Katzenmutter (mit „Kitty“ im Maul) ist. Süss! Oder wie man hier sagen würde: „Kawaii“. Das Logo der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (B.S.R – orange) ist viel, jedoch keinesfalls originell, oder gar „kawaii“.

Obwohl man doch so krampfhaft cool und witzig sein möchte. Selbst die japanische Feuerwehr hat hier ein lustiges Logo: eine Blauhelm-tragende-Action-Comic-Figur. Liebe BSR: Davon könnt ihr euch eine dicke Scheibe abschneiden.

Stil und Fantasie beweisen auch die japanischen Bauarbeiter in ihrer Garderobe. Sie tragen in der Taille sitzende Stoffhosen, die in der Hosenmitte extrem weit geschnitten sind, dazu ein weißes, um den Kopf geknotetes Tuch und Tabi-Schuhe. Die traditionellen, japanischen Schuhe mit geteiltem großen Zeh, die schon Martin Margiela zu seinen legendären Designs inspirierten.

Die größte modische Leistung der deutschen Bauarbeiter: das Maurer-Dekolleté? Die Kiesgrube als Runway und der Trockenbauer als Fashionist? Kann ich mir in Berlin auch gut vorstellen.

Ich liebe diese Stadt, aber warum ein Blatt vor den Mund nehmen? Was raus muss, muss raus. Gerade jetzt. Zum Nachdenken angeregt hat mich die Aktion #allthedog #noneofthebull unserer Buddies von BULLDOG GIN – einfach mal den Bullshit rauslassen, Dinge so sagen wie sie sind. Muss sein.

Der ein oder andere eingefleischte Berliner wird sicherlich schon – Messer wetzend – vor meiner Wohnung auf den Nestbeschmutzer warten, doch liebe Freunde, beruhigt euch, geht nach Hause, trinkt einen ‚Gin Tonic‘. Denn ich bin ja nicht da, sitz schließlich gerade auf meiner futuristischen Toilette in Japan.

Doch klar, ich komm wieder, irgendwann, denn, auch wenn wir noch die eine oder andere Sache von anderen Kulturen lernen dürfen, gibt es etwas, dass keine Stadt besser kann als Berlin: Nachtleben. Niemand feiert wilder, exzessiver und – vor allem – länger. Das soll uns erstmal jemand nachmachen.

Fotos: Maximilan Motel