The Tastemaker: David Fischer, Highsnobiety

Highsnobiety ist News-Maschine, Klick-Gigant, verlässliche Informationsquelle und nicht zuletzt eines der, wenn nicht sogar das wichtigste in Berlin ansässige, englischsprachige Medium für Männermode und Lifestyle. Dass Highsnobiety aus Berlin kommt, wissen aber die Wenigsten. Wer eigentlich hinter der Seite steht, grenzt gar an ein gut gehütetes Geheimnis: David Fischer hat Highsnobiety vor mittlerweile elf Jahren gegründet und leitet mittlerweile ein Unternehmen mit 50 Mitarbeitern. Über die beeindruckende Entwicklung, den Markt überflutende Kooperationen von Marken und Designern und die Auflösung typischer Männerdomänen habe ich mich mich mit David unterhalten – im Büro von Highsnobiety im Dachgeschoss vom Mykita-Haus. Großartige Bedingungen also. Was er mir zu sagen hatte, das steht nun hier.

Dandy Diary: Highsnobiety wurde im letzten Jahr zehn Jahre alt. Dachtest du zu Beginn schon, dass das Ganze irgendwann mal so groß wird, wie es jetzt ist?

David Fischer: Nein, natürlich nicht. Ich habe Mitte 2005 mit Highsnobiety angefangen, damals gab es noch überhaupt gar nichts Vergleichbares – in Europa gab es nichtmal eine Bloglandschaft selbst. Wenn, dann wurde über Technik geschrieben, zum Beispiel auf Gizmodo oder Engadget. Ich hatte zu Beginn auch nicht das Gefühl, eine Firma zu gründen oder ein Geschäft aufzubauen. Highsnobiety war zunächst mal ein reines Hobby.

Gab es auf dem Weg ausschlaggebende Momente, in denen dir klar wurde: Das nimmt jetzt Formen an, mit denen ich nicht gerechnet hätte? 

Davon gab es mehrere, ja. Den ersten sogar relativ früh, als ich plötzlich Geld dafür angeboten bekam, Bilder auf Highsnobiety zu schalten. 2007 gab es dann die ersten großen Agentur-Netzwerke in den USA, die Blogs gegenüber Marken und Media-Agenturen vertreten haben. Da wurde mir dann klar: Ich kann davon leben. Im Jahr darauf haben wir angefangen, mit Complex Media zu arbeiten, die uns als Agentur vertreten und sich darum gekümmert haben, Werbung für uns reinzuholen. Das ging bis Ende 2013 so, seitdem machen wir alles selber. Bis dahin lag der Fokus auf dem Content, ab diesem Moment haben wir dann unser ganzes Geschäft selber geleitet. Das war wichtig, weil sich der Advertising-Markt stark gewandelt hat und Marken Teil der Inhalte sein wollten. Wir haben dann plötzlich Marketing-und Sales-Leute gebraucht, außerdem Sales Assistants und Projektmanager. Diese riesige Welle hatte ich gar nicht so auf dem Schirm. Es gab auf einmal Ziele für Traffic und Umsatz, was vollkommen neu für uns war. Von den Mitarbeitern wurde das überraschend positiv aufgegriffen, die Besten im Team hatten eigentlich nur darauf gewartet. Im Moment wandeln wir uns schon wieder, weil wir mehr und mehr zu einem Hybrid zwischen Publisher und Creative Agency werden. Der Markt ändert sich so schnell, dass man sich eigentlich alle zwei Jahre neu erfinden muss.

Das Jubiläum von Highsnobiety feiert ihr mit etlichen Zusammenarbeiten mit Modebrands. Nervt dich das nicht langsam: Jeder mit Jedem? 

Wir waren schon immer bekannt dafür, viel über Kollaborationen zu berichten. Ich würde fast behaupten, dass wir mit dafür verantwortlich dafür sind, dass das Thema heute so groß ist. Eine gute Kollaboration ist für mich immer noch ein sehr starkes Marketing-Tool. Jetzt selber ein Teil von Kollaborationen zu sein, ist für uns natürlich sehr schön. Diese Zusammenarbeiten machen deutlich, wie stark unsere Beziehungen zu den Marken sind und wir nicht nur ein Blog unter vielen sind. Man sieht oft die Konstellationen Marke mit Marke oder Marke mit Designer, aber es gibt wenige Magazine, die eigene Puma-Schuhe und eigene Adidas-Schuhe bekommen und mit A BATHING APE arbeiten. Natürlich bin ich von dem Thema manchmal genervt, aber jede Woche gibt es dann eine Zusammenarbeit, bei der ich denke: Das ist doch ganz cool. Wenn eine Kooperation Sinn macht, dann ist sie eine gute und legitime Marketing-Maßnahme.

Obwohl Highsnobiety eine der populärsten und wichtigsten Seiten für Männer im Lifestyle-Sektor ist, wissen die Wenigsten von dir und deiner Person. Warum hältst du dich so sehr im Hintergrund?

Ich bin ein schüchterner Typ. Ich hatte niemals Interesse daran, ein Modeblogger zu sein, der im Vordergrund steht. Das entspricht einfach nicht meiner Persönlichkeit. Es gibt Blogs – Dandy Diary ist dafür natürlich das beste Beispiel – bei denen die Charaktere hinter der Seite fast wichtiger sind als die Seite selbst oder eben Teil der Marke. Das ist im Frauen-Bereich ja nochmal stärker ausgeprägt. Ich wusste aber schon immer, dass das nicht mein Ding ist. Mir war es von Anfang an wichtiger, eine Marke aufzubauen, die für sich steht und ohne meine Person und in verschiedenen Bereichen funktioniert. Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht, ob ich mich mehr zeigen soll. Ich habe einfach kein Interesse daran.

Ebenso wenig offensiv wie deine Person wird der Sitz von Highsnobiety in Berlin kommuniziert. Ist die Stadt dafür immer noch nicht cool genug? 

Ganz so stimmt das ja nicht. Aber du hast natürlich Recht: Jeder glaubt, Highsnobiety kommt aus New York. Ich habe von Anfang an auf Englisch über Sneaker und Streetwear geschrieben und Marken wie Supreme oder Alife, die vor allem zu Beginn sehr wichtig für mich waren, kommen eben von dort. Insofern ist es nur logisch, dass die Themen in Amerika viel mehr Anklang gefunden haben und Highsnobiety dort wesentlich schneller bekannter wurde und sich als Marke etablieren konnte. Dabei hatten wir bis vor vier Jahren nichtmal ein Büro in New York. Wir versuchen aber nicht, unsere Herkunft aktiv zu verstecken sondern stützen uns mittlerweile auf Berlin und New York als unsere zwei Standorte und kommunizieren das auch so.

Hast du jemals mit dem Gedanken gespielt, Inhalte auf deutsch zu veröffentlichen oder gibt es vielleicht sogar derzeit Überlegungen in diese Richtung? 

Wir denken oft darüber nach. Uns fallen am Ende aber immer andere Sachen ein, die wir für wichtiger halten: Anstatt Inhalte auf Deutsch zu bringen, steigen wir lieber tiefer in das Thema Musik ein. Wir sind natürlich auch nicht „der Spiegel“, unsere Inhalte sind sehr visuell und das funktionieren bis zu einem gewissen Punkt auch ohne Sprache. Ganz davon abgesehen glaube ich, dass die Deutschen, die uns lesen, gut Englisch sprechen.

Gibt es denn mittlerweile ein gesteigertes Interesse an euren Inhalten in Deutschland? 

Ja, auf jeden Fall. Nicht nur in Deutschland, sondern ganz generell ist natürlich das Thema Sneaker in den letzten zehn Jahren explodiert und wird bis heute immer größer. Das ist auch einer der Gründe, warum wir so gewachsen sind und hat dazu geführt, dass wir heute nicht mehr so nischig sind, wie wir gerne wären. Mein Vater kauft mittlerweile auch Sneaker und bei Footlocker stehen Leute für einen Adidas NMD an, von dem es 3000 Stück gibt. Man merkt daran, dass das alles kein wirkliches Nischenthema mehr ist. Wir waren es gewöhnt, Sachen zu machen, die niemand kennt. Mittlerweile machen wir eben Sachen, die jeder kennt. Das ist nicht schlimm, aber man muss sich dessen bewusst sein.

Neben Berlin gibt es noch ein Office in New York. Muss das sein? 

Wir sind jetzt insgesamt 50 Leute, davon sitzen 34 hier in Berlin und der Rest in New York. New York ist für uns hauptsächlich Sales-Office. Die USA sind traffic-technisch mit Abstand das größte und Land bei Highsnobiety. Dementsprechend ist New York sehr wichtig. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass das Büro dort in den nächsten drei bis vier Jahren größer wird als das hier in Berlin. Der Markt ist einfach wesentlich größer und funktioniert anders als der in Europa.

Wie oft bist du selbst in New York? 

Nur alle zwei Monate. Ich rede natürlich täglich mit meinem Team dort, aber die Kommunikation zwischen den Standorten mitsamt Zeitverschiebung ist für uns eine der größten Herausforderungen.

Wenn Hobbies und die schönen Dinge im Leben, mit denen man sich eigentlich freiwillig aber intensiv auseinandergesetzt hat, zum Beruf werden, verlieren sie dann an Reiz? 

Lustigerweise nicht. Was mir am ersten Tag Spaß gemacht hat, macht mir heute immer noch am meisten Spaß: Die Jagd nach exklusiven Produkten und News, die man zuvor noch nicht gesehen hat. Ich bin weder ausgebildeter Journalist noch englischer Muttersprachler, die Leute waren also zu Beginn nicht wegen der sprachlich guten Artikel auf der Seite, sondern aufgrund der Schnelligkeit und der Exklusivität der Inhalte. Heute ist unser Writing auf einem sehr hohen Niveau, aber für mich ist die Suche nach neuen Produkten und Nachrichten immer noch der größte Spaß.

Eure größten Konkurrenten sind Complex und Hypebeast. Gesunde und belebende Konkurrenz oder verfeindeter Kampf um den Markt? 

Ein verfeindeter Kampf war das nie. Unsere Beziehung zu Complex ist natürlich speziell, weil wir über Jahre hinweg geschäftlich mit den Leuten dort zusammengearbeitet haben. Dementsprechend gab es nie eine Feindschaft, und auch mit Hypebeast war das immer eher befruchtend, weil wir jemanden hatten, auf den wir schauen konnten. In den letzten Jahren ist die Schere zwischen uns aber relativ weit auseinandergegangen. Hypebeast hat einen Online-Store, bei uns liegt der Fokus viel mehr auf wertvollen Inhalten. Wir produzieren täglich Fotoshoots, Videos und Op-Ed-Pieces, was es bei Hypebeast weniger gibt. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass ich nicht schaue, was bei Hypebeast passiert. Aber jeder hat mittlerweile irgendwie seine Ecke gefunden.

Abseits von Sneakern und Mode gibt es seit einiger Zeit auch die klassischen Männer-Themen auf Highsnobiety: Autos und Frauen. Ändert sich denn gar nichts an den Interessen des Mannes? 

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube schon, dass sich daran etwas ändert. Meine Generation hält noch stärker daran fest, die nachfolgenden Generationen weniger. Das Thema Auto spielt eine viel geringere Rolle. Auch Uhren sind längst nicht mehr so relevant. In der Mode gibt es immer mehr Unisex. Es hat also einen Grund, warum die GQ an Relevanz verliert. Das sind schon altertümliche Werte, die da vermittelt werden. Bei uns finden diese Sachen zwar auch statt, aber es gibt eben auch genug Themen, die jüngere Generationen ansprechen. Das ist eine große Aufgabe, weil wir dem 16-Jähirgen gegenüber ebenso relevant bleiben wollen wie dem 35-Jährigen.

Highsnobiety proklamiert die totale Hingabe zum Konsum. Lebst du das auch? 

Ja, klar. Ich shoppen gerne und war schon immer jemand, der sehr produktverliebt ist. Ich habe das „Snob“ in unserem Namen auch nie mit einem hohen Preis verbunden, sondern eher mit einer gewissen Exklusivität und war immer jemand, der die Swatch genauso cool fand wie die G-Shock und die Rolex, wenn das Produkt denn gut ist.

Wer so viel und professionell arbeitet, muss sich gezwungenermaßen dem Rausch und der Nacht, eigentlich ja elementare Bestandteile der Modebranche, entziehen. Wie geht das? 

Ich bin nicht unbedingt der Typ, der bei Shows und Events in Erscheinung treten muss. Wenn es sein muss, gehe ich natürlich hin. Präsenz zeigen ist auch für uns sehr wichtig, aber wir haben mittlerweile andere Leute im Team, die das für mich übernehmen. Insofern fällt mir das nicht allzu schwer, mich dem Rausch zu entziehen.

 

Stilfragen

Was ist das letzte Kleidungsstück, was du gekauft hast?

Eine Bomberjacke von Alyx.

Wo hast du es gekauft?

Bei SlamJam.

Gibt es weitere Stores, die Du magst?

Ich gehe sehr gerne zu Colette und liebe Dover Street Market in London. Goodhood finde ich auch super.

Was ist das wertvollste Geschenk, was du je gemacht hast?

Materiell sicher der Verlobungsring meiner Frau. Abgesehen davon natürlich mein Sohn.

Wo findet man gute Geschenke?

Auch hier sind Colette und Dover Street Market immer ganz cool, weil die auch kleinere Sachen haben, die nicht so unfassbar teuer sind.

Was war die letzte Ausstellung, die Dich begeistert hat? 

Die Zero-Ausstellung hier in Berlin fand ich sehr gut. Leider nicht live gesehen habe ich die Eliasson-Ausstellung in Versailles, auf Bildern war die aber sehr beeindruckend. Die Ausstellung von Tom Sachs bei Deitch in New York habe ich live gesehen, die hat mir auch sehr gefallen.

Besitzt Du selbst Kunst? 

Ein bisschen, sofern ich es mir eben leisten kann.

Welches Museum empfiehlst du?

Im Martin Gropius-Bau gibt es immer schöne Sachen. Vor dem Umbau war ich auch sehr gerne in der Neuen Nationalgalerie.

Jemand fragt dich nach dem besten Restaurant und der besten Bar der Stadt. Deine Antwort? 

Das 893 auf der Kantstraße. Außerdem natürlich die Klassiker: Borchardt, Grill Royal und Paris Bar. Und ich mag die Bar im Stue Hotel.

Dein Lieblingsort in Berlin?

Ich wohne am Savignyplatz und bin dort sehr gerne und oft. Außerdem finde ich den Lietzensee und den Tiergarten sehr schön.

Was gibt es, wenn du kochst?

Ich bin kein großer Koch. Aber ich mache leckere Salate und gutes Frühstück.

Was war das letzte Konzert, das du besucht hast? 

Das muss Justin Timberlake gewesen sein.

Das letzte Album, dass du komplett gehört hast? 

Die letzten Alben von Drake, Kanye West und Skepta.

Eine Buchempfehlung? 

Die inoffizielle Autobiografie von Elon Musk, die da beschriebene Motivation ist sehr beeindruckend.

Welchen aktuellen Trend in der Mode findest Du gut?

Grundsätzlich finde ich es natürlich schön, dass Streetwear so präsent ist. Der Oversized-Trend gefällt mir auch, allerdings nur in Maßen.

Welche Labels trägst du heute? 

Schuhe von Common Projects, ein Hemd von Our Legacy, eine Jeans A.P.C. und dazu eine Cap vom Pablo-Pop Up in New York.

Das Gespräch führte David Jenal.

Category: Special

Tags: David Fischer, Highsnobiety

Von: David Jenal

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