The Tastemaker: Anita Tillmann, PREMIUM Messe

Anita Tillmann ist – daran wird niemand in der Berliner Modebranche ernsthaft zweifeln wollen – neben Vogue-Chefredakteurin Christiane Arp die wichtigste und einflussreichste Frau im deutschen Modebusiness. Die aus Düsseldorf stammende Geschäftsführerin der PREMIUM-Messe steht mittlerweile auch hinter den Street-und Menswear-Messen SEEK und Bright und ist Teil des Vorstands des Fashion Council Germany.

Ich habe Anita an einem Freitag Abend im Februar im Soho House getroffen, wo sie mir aufschlussreich Rede und Antwort zu Fragen über den Modestandort Berlin, Zalando, Marina Hoermanseder und natürlich ihre Messen stand.

Ohne Dich gäbe es die Berliner Modewoche, wie es sie heute gibt, nicht. Was sind Stärken und Schwächen der Berlin Fashion Week?

Erstmal danke für die Blumen, ganz so kann man es ja aber nicht sagen. Es gibt viele Protagonisten, die im Hintergrund an dem arbeiten, was nach außen hin sichtbar ist und sich über meine Person gut kommunizieren lässt. Letztendlich ist es aber die Arbeit von ganz vielen.

Die größte Stärke hier in Berlin ist der wahnsinnig große und schnelle Wandel. Durch diese Wandlungsfähigkeit und die fehlenden Strukturen tun sich unheimlich viele Räume für „Out of the Box“-Konzepte und neue Designer auf. Was Berlin schwächt, ist die anhaltende Kritik der Berliner selbst. Alles muss sofort perfekt sein, nichts und niemandem wird Raum und Zeit gegeben, sich zu entwickeln. Das finde ich ein bisschen schade. Aber die Fashion Week wächst, wir haben tolle, neue Konzepte wie den Berliner Modesalon und in keiner anderen Stadt ist die Fusion von Mode, Kunst und Musik so spürbar wie hier in Berlin. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich daraus noch viel mehr entwickeln kann.

Deine Messen PREMIUM, SEEK und BRIGHT bilden quasi ein Monopol in Berlin. Welche Vorteile ergeben sich daraus?

Ein Monopol ist das nicht, es gibt noch zig andere Messen und Side-Events. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir alle nur stark sind wie der Schwächste unter uns. Daher ziehen wir alle an einem Strang. Jeder hat seinen Platz in der Messelandschaft gefunden und arbeitet darüber hinaus am „Gesamtkonzept Berlin“. Es gibt also nur Vorteile, wie z.B. das Joint Ticketing, die Datenbestimmung und die Shuttles zwischen den Messen. Nachteile fallen mir keine ein.

Die Bread & Butter war lange Zeit ist größte Modemesse in Berlin. Was hat Karl-Heinz Müller falsch gemacht?

Das fragst Du ihn am besten selbst.

ZALANDO hat die „Bread and Butter“ gekauft und wird ab September 2016 daraus eine Consumer Messe machen. Was hältst du von diesem Konzept?

Das Konzept ist super! Ich bin ein großer Zalando-Freund. Es ist sensationell, was dort innerhalb kürzester Zeit mit und für Berlin getan wurde und weiterhin getan wird. Es macht aus deren Sicht absolut Sinn, ein B2C-Event (Business to Consumer, Anmerkung der Redaktion) zu kreieren. Ich freue mich sehr auf den Event!

Was ist für Dich die derzeit spannendste Stadt im Bezug auf Mode und warum?

Gute Frage. New York, London, Paris und Mailand sind natürlich immer spannend. Aber die beiden Städte mit dem größten Potenzial für die Zukunft, sind für mich momentan Los Angeles und Berlin.

Wo siehst Du die Modestadt Berlin in 5 Jahren?

Fünf Jahre weiter? (lacht). Meine Tochter würde jetzt sagen: Mama gib nicht so an. Weltweit ist Deutschland in der Rangliste auf Platz 2 in Bezug auf Messen allgemein, was erstaunlich ist angesichts der Größe des Landes. Deutschland ist traditionell schon immer auch das wichtigste Land in Bezug auf Modemessen gewesen. Die Igedo war 40 Jahre lang die größte und wichtigste Modemesse der Welt. Kurz: es gibt ein riesiges Potenzial. Woran wir in Berlin arbeiten, sind Show-und Salonformate, neue Modelle und Konzepte, die das bestehende Portfolio ergänzen sollen. Dass ist insofern von großer Bedeutung, als dass sich die Wahrnehmung einer Fashion Week in der Öffentlichkeit nicht auf den Messen manifestiert. Messen sind zwar die wirtschaftliche Kraft, darüber hinaus muss aber noch ein bisschen was Glamuröses passieren.

Das Geschehen im Zelt – dem offiziellen Austragungsort der Mercedes-Benz Fashion Week – wird dominiert von Designerin wie Anja Gockel, Minx by Eva Lutz, Laurèl und Guido Maria Kretschmer. Ist ein ernsthafter Modedesigner gut damit beraten, im „Zelt“ seine Mode zu präsentieren?

Entschuldige, wenn ich das so sage, aber ich finde die Frage sehr pauschal. Als Veranstalterin weiß ich, mit welchen Herausforderungen andere Veranstalter zu kämpfen haben. Das, was man von außen am Ende sieht, hat nichts mit dem zu tun, was sich der Veranstalter zu Beginn vorstellt. IMG (Veranstalter der Berlin Fashion Week, Anmerkung der Redaktion) glaubt übrigens – entgegen aller Gerüchte – weiterhin an die wirtschaftliche und kreative Kraft in Berlin und entwickelt derzeit neue Konzepte und Ideen für die Fashion Week. Um also auf die Frage zurückzukommen: Ja, ich empfehle, im Zelt zu zeigen!

Was sagt es eigentlich über das Land, in dem wir leben, aus, dass Harald Glööckler und Guido Maria Kretschmer zu den bekanntesten und auch verkaufstechnisch führenden Modedesignern zählen?

Das hat ja insofern seine Berechtigung, als dass es ja offensichtlich einen Markt dafür gibt. Ich komme ja aus Düsseldorf, da sagt man: Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Es gibt Gerüchte, dass sich der Hauptsponsor der Fashion Week, Mercedes-Benz – ähnlich wie in New York – komplett von der Fashion Week verabschiedet. Weißt du mehr?

Davon weiss ich nichts. Es würde mich in jedem Fall wundern, wenn Mercedes-Benz abspringt. Im Moment findet auf Seite der Sponsoren ein großer Wandel statt, was erstmal nichts mit Berlin zu tun hat. Es geht viel mehr um die Frage, wie Sponsorship und Kommunikation heutzutage funktionieren: Ob man jemanden mit fünf Millionen Followern in ein Auto setzt oder aber das Auto vor die Tür stellt, damit es gesehen wird. Aufgrund der Digitalisierung muss jeder umdenken. Ich finde Mercedes super und fände es schade, wenn sie sich von der Modewoche zurückziehen würden.

Michael Michalsky scheint sich ja auch mehr und mehr von der Fashion Week zurückzuziehen, seine letzte Stylenite sagte er mit der Begründung ab, er wolle in Zeiten von Ebola keine große Show machen. Inwiefern dürfen und müssen politische und gesellschaftliche Geschehnisse die Mode derart beeinflussen?

Das ist eine tolle Frage. Mode ist ein Spiegel dessen, was gesellschaftlich und politisch passiert und wie es die Designer berührt. Egal ob ein Designer aktuelle Geschehnisse in seiner Kollektion verarbeitet oder durch Support von Projekten seinen Respekt vor der Gesellschaft zeigt – alles ist legitim und sollte nicht gegeneinander aufgewogen werden.

Du gehörst zum Vorstand des Fashion Council Germany. Welche Erfolge und Fortschritte für die Mode in Deutschland gehen bisher auf das Konto dieser Institution?

Ein großer Fortschritt ist, dass es überhaupt ein Fashion Council Germany gibt. Es gab noch nie eine Lobby für Designer und Kreative in Deutschland. Interessanterweise stehen wir in der Architektur und in der Automobilindustrie für unsere Designleistungen, nicht in der Mode. Das wollen wir ändern. Und wir haben jetzt mit Marina Hoermanseder und Nobi Talai die ersten zwei Mentees, die sich beide prächtig entwickeln.

Warum gerade Marina Hoermanseder?

Sie hat ein außergewöhnliches Talent. Wie sie designt, wie sie Mode interpretiert, hat ein Alleinstellungsmerkmal. In dieser Form hat das noch kein anderer Designer gemacht und sich getraut. Darüber hinaus ist sie unglaublich leidenschaftlich und hat sehr viel Power, was jedem Designer auf dem Weg nach oben hilft.

Wie genau sieht ihre Förderung derzeit aus?

Wir setzen auf Education. Das heißt, wir werden das Mentoren-Programm bestehend aus Coachings, Workshops und Mentoring weiterführen. Seit September 2015 beraten sieben Experten aus der Modebranche, darunter Dirk Schönberger, Creative Director von Adidas, Oliver Jahnik, Chief People Officer DDB Group Germany und Mario Eimuth, Geschäftsführer von Stylebop.com, die beiden Designer in verschiedenen Disziplinen. Angefangen beim Entwurf über die Produktion, Vertrieb und Markenstrategie bis hin zum Umgang mit den Medien.

Außerdem haben wir Nobieh und Marina nach Paris geschickt, um sich dort in der Deutschen Botschaft als Teil der Gruppenausstellung des Berliner Mode Salons zu präsentieren. 2016 soll das Programm weiter ausgebaut werden.

Vorbild des German Fashion Council ist ja offensichtlich das britische Pendant. Ist ein German Fashion Award geplant?

Ja, vielleicht irgendwann mal. Aber das steht erstmal nicht im Fokus. Es geht zunächst darum, die richtigen Strategien zu erarbeiten und eine Struktur aufzubauen. Wenn es die gibt, kann gerne ein Entertainment-Abend dazu kommen, der für die zahlenden Mitglieder erlebbar macht, was sie mit ihrer finanziellen Kraft ermöglichen.

Die Modebranche befindet sich ja derzeit in einem nie dagewesenen Wandel. In den Stores von Burberry wird man ab der kommenden Saison die Kollektionen direkt nach der Show kaufen können, außerdem sind Männer-und Frauenkollektion zusammengelegt worden. Als wie wichtig siehst du diese Veränderungen?

Ehrlicherweise ist das Ganze ja nicht neu. Dass Burberry sich jetzt als „Gamechanger“ inszeniert, wird ja auch ein bisschen belächelt. Dass Damen und Herren zusammen gezeigt werden, ist schon längst an der Zeit. Dass die Produktionszyklen viel zu lange dauern, ist auch allen klar, vor allem uns als Endkonsumenten. Die Umstellung wird Burberry nicht mehr Umsatz bringen. Grundsätzlich finde ich aber die Entwicklung richtig und wichtig. Was im Streetwear-Bereich schon ganz lange passiert, kommt jetzt auch im Luxusbereich. Der Markt verändert sich aber schon seit Langem, es war nur für den Endkonsumenten nicht so ersichtlich.

Wie schätzt du die Veränderungen aus Sicht kleiner, neuer Labels ein, die keine großen Investoren im Rücken haben?

Auch für die kleinen Labels sind die Veränderungen sehr gut. Ich komme auf ein Interview zurück, dass ich mit Roland Mouret geführt habe, einem französischen Designer, der in England lebt und auch nur dort produziert. Dadurch kann er sehr schnell auf den Markt reagieren, kleine Stückzahlen produzieren und hat kurze Wege. Diese kleinen Stückzahlen können junge Brands in Deutschland oder Polen produzieren. Aufstrebende Designer können außerdem Shops über Instagram und Facebook machen. Niemand erwartet riesige Kollektionen von jungen Designern, am wenigsten der Endkonsument.

Stilfragen

Was ist das letzte Kleidungsstück, was du gekauft hast?

Eine Bluse, Jacke und Tasche von Gucci.

Wo hast du die Teile gekauft?

Bei Gucci auf der Friedrichstraße.

Gibt es weitere Stores, die Du magst?

Ich liebe natürlich das KaDeWe, gehe auch gerne in die Galeries Lafayette. Außerdem mag ich The Corner, The Store im Soho, den Voo Store und so ziemlich alles auf der Torstraße. Ich mag so viele Läden, ich gehe sehr gerne shoppen (lacht).

Was ist das wertvollste Geschenk, was du je gemacht hast?

Unsere Töchter, die ich meinem Mann geschenkt habe.

Wo findet man gute Geschenke?

Im Zweifel im Wein-oder Champagnerregal, das geht immer.

Was war die letzte Ausstellung, die Dich begeistert hat?

Die von meinem Freund Olaf Hajek, die er neulich in seiner Galerie gezeigt hat.

Besitzt Du selbst Kunst?

Ja, alles mögliche, vor allem Fotos. Mein Mann und ich haben gerade in der Seven Star Gallery ein altes Foto von Karl Lagerfeld und Andy Warhol gekauft.

Welches Museum empfiehlst du?

In Berlin? Alle!

Jemand fragt dich nach dem besten Restaurant und der besten Bar der Stadt. Deine Antwort?

Sehr schwierig. Neuerdings gehe ich natürlich gerne ins Cecconis und am Grill Royal und Crackers kommt man ja sowieso nicht vorbei. In Bars gehe ich sehr selten. Ich empfehle aber das Kitty Cheng.

Dein Lieblingsort in Berlin?

Zu Hause.

Was gibt es, wenn du kochst?

Viel Fleisch von unserem riesigen Weber-Grill. Ansonsten viel Gemüse.

Wann und mit wem hast du zuletzt ein Konzert besucht?

(Überlegt) Das ist ewig her, ich kann mich nicht mehr erinnern.

Welcher Musikact repräsentiert deinen Geschmack am ehesten?

Sehr schwierig. Ich höre fast nur noch KISS FM mit meinen Töchtern, da hört es bei Adele, Sarah Connor und Glasperlenspiel auf (lacht). Wenn ich jemanden nennen müsste, dann vielleicht Jimi Hendrix und David Bowie.

Welchen aktuellen Trend in der Mode findest Du gut?

Gucci & Vetements.

Warum?

Es ist neu, anders und rule-breaking.

Welche Labels trägst du heute?

Gucci, Acne Studios und Alexander Wang.

Wenn Du freie Zeit hast: Buch oder Film?

Beides. Danke Apple TV und Netflix schauen wir sehr viele Filme und Serien. Aber natürlich lese ich auch sehr gerne Bücher.

Eine Buchempfehlung?

„Was will Google wirklich?“ von Thomas Schulz 

Eine Filmempfehlung?

Die Serien „Modern Family“ und „House of Cards“.

Was erhoffst du dir auf beruflicher Ebene von den nächsten 3 Jahren?

Ich mache das, was ich mache, leidenschaftlich gerne und habe viel Spaß bei der Arbeit. Ich wünsche mir einfach, dass das so bleibt.

Das Interview führte David Jenal

Category: Special

Tags: Anita Tillmann, Fashion Week Berlin, premium, The Tastemaker

Von: David Jenal

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