Tea Time

Ja, es gab sicher schon wildere Zeiten in meinem Leben, als diese, in denen ich quasi den ganzen Tag nur Tee trinke, weil es eben das einzige ist, was so richtig gut runtergeht, möglichst lauwarm und in kleinen Schlücken, manchmal aber auch kalt und etwas abgestanden, aber nie mit Zucker oder gar Milch.

Als dann heute, es muss gegen viertel nach elf gewesen sein, vielleicht auch später, ein Kurier klingelte, was ohnehin schon das Highlight meines mäandernden Tages, vielleicht gar meiner Woche, gewesen wäre, und ein Paket brachte, eine Metallbox, in der ich nicht nur einen Bartkamm fand und ein Foto von David und mir, neben anderen Prachtkerlen, eine CD des Beatles Albums “Abbey Road”, eine gepunktete Fliege und Bartöl, vor allem aber einen Kombucha-Tee von Carpe Diem und das Rezept für den damit zu mixenden Drink “Rebel Cat”, wusste ich: das hier muss er sein, der Wendepunkt.

Gut also, dass ich zufällig sämtliche weiteren Zutaten in meiner ansonsten völlig leeren, im Toscana-Stil und immer nur sehr schwach beleuchteten Küche hatte und nun sofort anfangen konnte, den rauchigen Whisky, den ich einst aus Schottland mitgebracht und sonst nie angerührt hatte, Zitronengras, rote Johannisbeeren, eine schwarz gefärbte Sternfrucht und zu guter letzt eine geraspelte Tonkabohne, die ich zum Glück noch ganz unten in meinem Kühlschrank fand, mit dem Kombucha-Tee und sehr großen, prächtigen Eiswürfeln zu mischen.

Nach nur zwei Schlücken wurde ich wieder zu dem, der ich einst mal war: Rebel Cat! Was für ein Zufall, dass der Drink, den ich eben trank, genauso hieß, dachte ich noch, bevor ich voller Energie aufsprang, lauthals “Come Together” singend, meine vierzig allerbesten Freunde, die ja schon jahrelang nichts mehr von mir gehört hatten, per Fangschaltung anrief, mittels Bartkamm alle noch vorhandenen Haare striegelte und dann einölte.

Was dann passierte, ist jetzt: ich sitze geisteskrank vor meinem Laptop, beende diese Zeilen und bin kurz davor rauszugehen, aus meinem Verlies, die Wohnung zu verlassen, Menschen zu treffen und mich der neuen Wirklichkeit zu stellen. Carpe Diem, wie es auf der Teeflasche, die ich geschickt bekam, eben so sibyllinisch heißt.

Category: News

Von: Carl Jakob Haupt

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