Swimming is not a crime

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Am 8. April werde ich den Berliner Halbmarathon laufen. Das heißt: Ich habe noch 28 Tage, um mich vorzubereiten. Mein heutiges Training begann – etwas ĂŒbermotiviert – um 6:15 Uhr. Der iPhone Wecker holte mich wie gewohnt unsanft aus meinen TrĂ€umen.

Ich rollte mich aus meinem Bett, streifte meine NIKE Running-Montur ĂŒber, dazu meine NIKE EPIC REACT FLYKNIT Laufschuhe, Kopfhörer auf, Musik an (ich bevorzuge am frĂŒhen Morgen heroische Musik: heute Metallica)  – 3 – 2  -1 „Training wird gestartet“.

Den Kanal, die Grenze von Neukölln und Kreuzberg, entlang, ĂŒber ein paar große, viel befahrene Straßen, hinein in den Treptower Park, vorbei an der Insel der Jugend, dem Ort, an dem wir letzten Sommer unser großes Sommerfest mit unserem Busenfreund Harald Glööckler feierten, weiter, tiefer hinein in das Dickicht des PlĂ€nterwald.

Rechts neben mir die Überreste des sagenumwobenen, von hohen ZĂ€unen geschĂŒtzten, vor sich hinrottenden Spreeparks, links das Wasser. Ich lief und lief. 5,39 Minuten pro Kilometer, 6 km hinter mich gebracht.. Mein Ziel: die Schwimmhalle Baumschulenweg.

Die an einem Montag – und das ist nicht unwichtig fĂŒr diese kleine Geschichte – von 6:30 Uhr bis 8:00 Uhr auf hat. Bis 7:30 Uhr darf man aber nur im Wasser sein, wie ich bei meinem letzten Besuch erfuhr, daher zog ich das Tempo an. Erst laufen, dann schwimmen, dann laufen – ich kam mir vor wie ein knallharter IRONMAN. Illusionen sind gut, wichtig, nicht nur im Sport. Um 07:07 Uhr erreichte ich die Schwimmhalle.

Ich kramte in meinem Rucksack nach 3,50 Euro – dem Eintrittsgeld – geschĂŒtzt hinter Glas sitzend – die Kassenfrau mit burschikoser Frisur, dahinter ein Klischee-Hausmeister, ihr persönlicher Gorilla: Halbglatze, Bierbauch und Blaumann. Ich sei zu spĂ€t, die Kasse schon zu. Ich starrte auf die einfache Blechkasse vor ihr.

Eine Diskussion entwickelte sich, Fassungslosigkeit – vor und hinter der Glasscheibe. Ich flehte sie um Vernunft. ErklĂ€rte ihr, dass ich doch nur Sport machen will, nichts Böses, der Verzweiflung verdammt nah kommend. Der Glatzkopf griff ein.

Es wurde mir recht schnell klar, dass sie mich nicht mehr schwimmen lassen werden. Der RĂŒckzug, sich diesen frustrierten, grauen Regelmenschen zu ergeben, war keine ernsthafte Option, schon gar nicht in Anbetracht der durchaus dramatischen Situation, dass ich  nach dieser Niederlage wieder 7 km zurĂŒck joggen mĂŒsste. Mit hĂ€ngendem Kopf sicherlich auch mit NIKE Hightech-Running-Shoes an den FĂŒĂŸen sicherlich kein einfaches, schönes Unterfangen.

Daher reichte ich das Eintrittsgeld, sprang ĂŒber die DrehtĂŒr, lief in die Umkleide, riss mir meine Laufsachen vom Körper, stopfte sie in den Spind und duschte mich kurz ab. Danach: der Gladiator betrat die Arena. Die Schwimmhalle.

Ich lief auf das Becken zu und tauchte ab. Am Rand des Schwimmbeckens eine Bademeisterin, die mich dazu aufforderte sofort aus dem Wasser zu kommen. Ich rief ihr zu, dass ich doch einfach nur schwimmen will, wie jeder andere hier. Ihr Kollege eilte herbei, um mir mit der Polizei zu drohen. Alle anderen Schwimmer, etwa 20 Senioren mit bunten Badekappen, stellten ihren FrĂŒhsport ein, um zu schauen was passiert. Es passierte nichts. Vorerst.

Ich begann meine Bahnen zu ziehen. AnfĂ€nglich noch leicht verĂ€ngstigt, in dem Glauben, dass ich gleich von dem Gorilla im Blaumann aus dem Wasser gezogen werde. Doch nach ein paar Bahnen machte sich Euphorie breit, ich schrie unter Wasser, den Triumph ĂŒber die grauen Regelmenschen feiernd. Ich schwamm. Ich war frei.

PĂŒnktlich um 7:30 Uhr verließ ich das Schwimmbecken, um nicht zu provozieren, duschte mich kurz ab, zog mich wieder an, föhnte meine nach Chlor duftenden Haare. Und wollte die Schwimmhalle verlassen. Doch tatsĂ€chlich: Zwei Polizisten warteten auf mich – den Sportler, den Schwerverbrecher. Meine Personalien wurden ĂŒberprĂŒft, ich begann meine Sicht der Dinge zu schildern. Der Vorwurf: Hausfriedensbruch.

Ich erklÀrte, dass ich sehr wohl Eintritt bezahlt hatte, dass ich doch einfach nur, wie all die anderen, schwimmen wollte. Sport machen. Doch der Polizist zeigte kein VerstÀndnis. Drohte mir mich mit aufs Revier zu nehmen, Fingerabdruck und so. Bin ich wahnsinnig? Ist es das Personal in den öffentlichen BÀdern? Die Polizei?

Ich frage mich, wie zur Hölle ich in dieses Szenario kommen konnte. Ich zĂŒcke meine Waffe – mein iPhone – und fotografiere den Polizisten und seine Kollegin sowie das Schwimmbad-Personal, welches sich geschlossen, um den Eindringling versammelt hatte.

Ich fragte den Polizist nach seinem Namen und filmte ihn. Er griff nach meinem iPhone, was ihm glĂŒcklicherweise nicht gelang und drĂŒckte mich mit all seiner Kraft gegen die Wand. Meine HĂ€nde hielt ich verschlossen hinter meinem RĂŒcken.

Sein wutentbranntes Gesicht war nur wenige Zentimeter  von meinem entfernt. Fassungslos schaute ich mir seine penibel gezupften, hauchdĂŒnnen Augenbrauen an. Ich stellte fest: Der 2000er-Trend der MetrosexualitĂ€t scheint auch auf der Berliner Polizei Direktion 5 Abschnitt 65 angekommen zu sein!

Ich wehrte mich nicht, ließ den rund einminĂŒtigen Gewaltausbruch der Staatsgewalt ĂŒber mich ergehen. Irgendwann ließ der Prolet in der Polizisten-Uniform ab, ich schnappte nach Luft. Seine Kollegin – sichtlich erleichtert, dass ihr cholerischer Kollege abgelassen hatte – schrie mir zu, dass ich einfach loslaufen sollte. Das tat ich dann auch.

In der Schwimmhalle Baumschulenweg habe ich jetzt Hausverbot. Eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch wird folgen. Weitere Anzeigen ebenfalls, wenn ich die Fotos, so die Drohung des Polizisten, veröffentliche. Das mache ich natĂŒrlich gern.

ZurĂŒck bin ich dann ĂŒbrigens in Rekordtempo gelaufen. Ich denke, dass ich ready bin – fĂŒr den großen Halbmarathon.

Category: News

Tags: Berliner Halbmarathon, Joggen, Laufen, Nike, schwimmen

Von: David Kurt Karl Roth

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