Snitch-Culture

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Vor ein paar Wochen berichtete ein Freund stolz, dass er sich eine Dashcam fĂŒr sein Fahrrad bestellt hat. Dashcam? Eine Kamera, die wĂ€hrend der Fahrt frontal aufzeichnet. Sein erklĂ€rtes Ziel: All jene Autofahrer aufzuzeichnen, die ihn wĂ€hrend seiner Fahrt bedrĂ€ngen.

Ich fasste noch einmal unglĂ€ubig zusammen: Du willst ernsthaft eine Kamera an deinem Fahrrad montieren, um damit fortan VerkehrssĂŒnder dokumentieren? Daheim, nach kurzer Recherche, stieß ich dann auf Wegeheld, eine App, mit der man schnell und unkompliziert Falschparker anschwĂ€rzen kann. Mit Hilfe der App wird automatisch ein Foto auf dem Twitter-Kanal @DasMussWeg veröffentlicht. Und, je nach Laune, lĂ€sst sich der Falschparker auch mit der App direkt beim Ordnungsamt melden.

Ich dachte an DIET PRADA, die selbsterklĂ€rte „Fashion Police“, Tony Liu und Lindsey Schuyler, die dafĂŒr gefeiert werden, dass sie Designer öffentlich anprangern. Meist geht es um vermeintliche Kopien. „Dass in Techniken des Zitierens, der Paraphrase oder des Re-Makes ebenso viel unvorhersehbare OriginalitĂ€t liegen wie im Erfinden“ – scheint bislang nicht zu den Machern des Instagram-Accounts vorgedrungen zu sehen. Sie forcieren eine Kultur, die derzeit bedrohlich auf dem Vormarsch ist: den moralischen Fingerzeig – anschwĂ€rzen, petzen.

Gewiss keine grundsĂ€tzlich neue Problematik, denn schon der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben wusste: „Der grĂ¶ĂŸte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“ Doch wir erleben aktuell eine neue Form der Snitch-Culture, denn diejenigen, die öffentlich anprangern oder auf fragwĂŒrdigen Meldeportalen wie Respect! anonym anschwĂ€rzen, sind meist keine strammen SpießbĂŒrger, sondern Menschen, die sich als „liberal“ beschreiben wĂŒrden, doch sie sind der Illusion ihrer moralischen Hoheit erlegen.

Und legen Verhaltensweisen an den Tag die wir aus faschistoiden Systemen kennen. AIRBNB-SĂŒnder werden – befeuert vom Staat – anonym gemeldet. Ernsthafter Diskurs nicht zugelassen, erstickt vom Moralkeulen schwingenden Mob im Internet, vom ekelerregenden Populismus, so bleibt reichlich Raum fĂŒr all jene Dummköpfe, die lauthals skandieren: „Das wird man doch noch sagen dĂŒrfen“.

Man wĂ€hnt sich im Recht, wenn man Fotos von Menschen auf Facebook teilt, die es wagen in Corona-Zeiten auf einem Flohmarkt zu flanieren, ein Eis zu schlemmen oder auf dem Viktualienmarkt frisch gezapftes Augustiner trinken, um diese öffentlich anzuklagen: #staythefuckhome. WĂ€hrend ich mich, ich weiß nicht, wie zur Hölle ich da reingeraten bin, durch all die Fotos und Beleidigungen klicke, frage ich mich, ob mein Freund diese Beweisfotos aus sicherer Entfernung mit seiner Dashcam geschossen hat?

Category: #dandydiaryspace

Tags: Snitch-Culture

Von: David Kurt Karl Roth

Fotograf: : Lutz Jaekel

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