Sie nennen es Stil

In der jüngsten WELT AM SONNTAG haben wir uns dem Phänomen des modischen Fussballers  gewidmet – und sind daran fast verzweifelt. Da geht einfach sehr viel schief, finden wir.

Während in den 1980er und 1990er Jahren die deutschen Bundesligaspieler noch für ihre sehr besonderen Frisuren berüchtigt waren, ist der Stil der Buli-Kicker heutzutage ebenso wie das gesamte Spiel: globalisiert. Die jungen Männer möchten abseits des Rasens vor allem aussehen, wie amerikanische Rapper. Das führt zwar nicht zwangsläufig aber doch auffällig oft zu gruseligen Ergebnissen.

Die Hose zu eng, das T-Shirt zu lang, teure Sneakers, nietenbesetzte Lederjacke. Diese Kombination ist das stilistische Grundgerüst, das ob seiner Plumpheit und ästhetischen Instabilität von Anfang an zum Einsturz verdammt ist, sich aber nichtsdestotrotz und leider momentan größter Beliebtheit erfreut. Und das auch in Fußballer-Kreisen von der Oberliga bis zur Champions League.

Dabei ist das Phänomen keines, was sich auf die Welt des Fußballs beschränkt. Auf Schulhöfen und vor Universitäten gibt es mittlerweile ebenso viele Träger des Looks. Muss der Durchschnittsdeutsche aber oftmals auf die günstigeren und letztlich weniger auffälligen Kopien von H&M oder Zara zurückgreifen, sind zumindest die Profi-Fußballer in den allermeisten Fällen dermaßen liquide, dass es für Jogginghose und Lederjacke von Balenciaga und Balmain, zwei der großen Pariser Modehäuser, ganz ohne den Sturz in die Privatinsolvenz reicht – der kommt bekanntlich erst später, wenn die Karriere zu Ende ist und die dann nur noch mäßig spannende Biographie sich eben doch nicht so gut verkauft.

Was oft verkannt wird: die Kombination aus knielangen, gerne sandfarbenen T-Shirts, schwarzer, zerrissener Jeans, roten Leder-Sneakers und olivgrüner Bomberjacke wurde nicht in den Umkleidekabinen dieser Republik geboren, das wäre auch wirklich zu viel verlangt von vom Kicken sowieso schon massiv beanspruchten Hochleistungssportlern. Vielmehr bedienen die sich nur ihrer offensichtlichen Stilvorbilder aus der Musikbranche. Kanye West, New Yorker Rapper, selbsternannter Jesus, Kardashian-Groupie und auch abgesehen davon ein höchst schrulliger Typ, kann man mit gutem Gewissen als einen Grund oder vielmehr als DEN Schuldigen dieses Looks ausmachen. 

Hierzulande wird das Phänomen katalysiert von einem jungen Mann mit dem Künstlernamen »Shindy«, ebenfalls Rapper und von der Redaktion der Männerzeitschrift GQ in einem Moment völligen Irrsinns zum bestangezogenen Mann “zu einem der bestangezogenen Männer” Deutschlands gekürt, Stilvorbild für tausende von Jugendlichen und damit eben auch angehenden Fußballern. FC Bayern-Spieler Jerome Boateng hat die vermeintliche Bestenliste der GQ im vergangenen Jahr übrigens angeführt, was am Ende nicht wirklich dabei hilft, das deutsche Volk endlich in Mode- und Stilfragen zu sensibilisieren. Vielleicht muss man aber auch nur wissen, dass ein GQ Redakteur die offizielle Biographie des Rappers geschrieben hat und sich auch sonst gern mit Rappern und Bundesliga-Größen umgibt. Das hilft bei der Einordnung.

Fußballer wie David Alaba, Rolf Feltscher und Pierre-Emerick Aubameyang können so weiter unbehelligt ihre Stillosigkeiten ausleben, die zu einem großen Teil einfach nur schlecht kopiert und zu einem kleinen Teil eben Ergebnis des eigenen Nichtwissens über Mode sind. Aber wenn die GQ eben sagt, dass das gut aussieht, dann muss es ja wohl so sein. Print wirkt!

Dass all diese Spieler keine Stilberater zu haben scheinen, die ihnen nach einem kurzen Blick auf das Outfit die bittere Wahrheit ins Gesicht sagen, nämlich dass das alles wirklich gar nicht geht und bitte sofort wieder auszogen oder gleich zurückgegeben werden muss, enttäuscht und überrascht zugleich, ist die Welt des Profifußballs doch mittlerweile nicht nur kommerzialisiert, sondern eigentlich ja auch professionalisiert und strotzt nur so vor Beratern.

Vielleicht gibt es eine große, schlummernde Masse, tendenziell im bildungsfernen Millieu zu finden, die sich nach genau dieser Art von Kleidung sehnt: vordergründig maskulin und letztendlich vor allem metrosexuell, glänzend, laut, schroff und auf im Wortsinne unschöne Art und Weise prollig. Das Geld dafür fehlt in den allermeisten Fällen, nicht so bei den Fußballern: sie verdienen Millionen und das abseits der klassischen Karriereleitern, nichtmal einen Schulabschluss braucht es. Ein Gymnasium ist keine Modeuni und ein Studium kein Stilgarant, hinderlich ist ein wenig Bildung bei der morgendlichen Auswahl des Outfits aber wohl kaum.

Alleine mangelnde Bildung für die Modesünden der Kicker verantwortlich zu machen, wäre nun wohl aber auch zu kurz gegriffen. Es ist eben auch eine Abkapselung von der Außenwelt, der Realität, der am Ende zum Verlust eben dieser führt. Das Bewusstsein für angemessene Kleidung geht dabei hin und wieder augenscheinlich verloren. Und zur Verteidigung muss an dieser Stelle eingeschoben werden, dass das Interesse an den Outfits von Sportlern abseits der Sportstätten neu ist und quasi alleine auf soziale Netzwerke, allen voran Instagram und Facebook, zurückzuführen ist. Dabei geht es nicht nur um die Unzahl an Fotos und Videos, die dem gemeinen Fußballfan nun zur Verfügung steht, sondern auch die Tatsache, dass nun jeder schreiben kann, was und worüber er will. Und so kommt es auf Seiten wie »Fußballer, die den Swag aufdrehen« zur Präsentation und Archivierung der outfittechnischen Fehltritte, die das Phänomen letztlich vielleicht größer macht, als es eigentlich ist.

Der mittlerweile als »Fußballer-Swag« betitelte Stil ist vielleicht nichts mehr als eine Melange von zu viel Geld, zu wenig Stil und den falschen Vorbildern in Kombination mit der verspürten, aber letztendlich nicht vorhandenen Verpflichtung, als Person des öffentlichen Lebens auch durch besondere Outfits hervorstechen zu müssen. So richtig übel nehmen kann man das den Kickern nicht, wähnen sie sich ganz offensichtlich auf der guten Seite des Stils. 

Und wenn Pierre-Erick Aubameyang sich, als er mal auf der Zuschauertribüne Platz nehmen musste, nicht diese unsägliche türkisfarbene Baseballmütze verkehrt herum auf den Kopf gesetzt und eben nur diese irre weiße Pelzweste zu seinen Brillanten-Ohrringen getragen hätte, ja dann wäre doch alles gut. Das WÄRE doch mal was. 

Autoren: 

Carl Jakob Haupt & David Jenal, Dandy Diary

ACHTUNG, WICHTIG:

Im ursprünglichen – und so auch in der Welt am Sonntag veröffentlichten – Text von uns, heißt es an einer Stelle fälschlicherweise, dass der Rapper Shindy die “Best Dressed”-Liste der deutschen Ausgabe der GQ anführt. Das ist so nicht korrekt. Shindy führt das Leser-Voting der GQ “Best Dressed”-Liste an. Auf der von der Redaktion erstellen, offiziellen “Best Dressed”-Liste liegt Shindy auf Platz 4.

Wir möchten uns an dieser Stelle ausdrücklich bei unseren Freunden von er GQ entschuldigen, hier hätten wir ja nun wirklich einfach mal anrufen und genauer nachfragen können. Haben wir nicht gemacht, daher der Fehler. Nicht bös gemeint.

Nichts läge uns übrigens ferner. Wir sind ja nicht nur GQ-Leser und -Fans, sondern auch mit Teilen der Redaktion zuweilen eng befreundet. Sollte es hier also zu Irritationen gekommen sein: phattes sorry!

Category: Trends

Von: Carl Jakob Haupt

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