Showrooms in Paris: Der Ernst der Avantgarde

Dandy Diary-Autor Manuel Iljitsch war zu den Männermodenschauen in Paris und hat dort einen Blick in die traurigen Showrooms der Avantgarde-Designer geworfen.

Eigentlich ist es ja wahnsinnig angenehm, wenn sich irgendjemand mal wieder so richtig schön ernst nimmt. Mittlerweile gibt sich ja jeder Bleaching-Blog ironisch, alles ist total meta-x und damit auch, so die naive Hoffnung, ganz nebenbei absolut unanfechtbar.

Im dritten Arrondissement von Paris aber, dem berühmten Marais, hält sich im Schatten der Fashion Weeks eine todernste Szene, die ihre Schwächen und ihr Scheitern voller Stolz zur Schau stellt: die Avantgarde. Um den Ernst der Sache ein wenig einordnen zu können: für einen echten Avantgardisten ist Yohji Yamamoto so etwas wie Maredo für einen überzeugten Steak-Nazi. Ein paar mal im Jahr vermieten die Galerien des Marais ihre Räumlichkeiten an einige Showroom-Veranstalter mit zart gecremten Fingern, und die laden dann jeden Designer ein, der tagelang bedeutungsschwer in die Neonröhren des Souterrains starren kann. Das ist nicht so einfach. Denn, und da kommen wir zu einer nicht ganz unbedeutenden Schwäche des ganzen Konstrukts: eigentlich geht da keine Sau hin.

Öffentlich zugänglich ist so ein Showroom natürlich ohnehin nicht. Reingehen kann man trotzdem, ohne registriert zu werden, denn alles denkt stark nach, über Nietzsche zum Beispiel. Beziehungsweise: alles merkt sofort, dass man nicht einer der zwei japanischen Einkäufer ist, die der ganzen Szene Hoffnung und Sinn verleihen. Man kann sich also ungestört umsehen. Aber wozu eigentlich? Es ist unangenehm still, die Luft ist staubig, rings umher wird ins Neon gestarrt und an den Wänden hängen handgepökelte, zwölfteilige Korsetts, die man sich unmöglich leisten oder auch nur anziehen kann, und man soll ja auch gar nicht. Man kann also auch wieder gehen.

Bezaubernde Gestalten sind das trotzdem, die da hinter ihren Tapeziertischlein stehen: ein hagerer, völlig haarloser Kasache zum Beispiel, in unterschiedliche Lederfetzen gehüllt, die aufgrund irgendwelcher unsichtbarer Mechanismen einigermaßen zusammenhalten, die beringten Hände gefaltet, Gewicht auf einem Bein, Kopf geneigt. Andrej lebt elfeinhalb Monate des Jahres völlig asketisch und schmiedet Silberschmuck, der so ein bisschen an Goth erinnert, aber bestimmt liege ich da ganz falsch. Die verbleibenden zwei Wochen ist er dann hier in Paris und zeigt die Resultate. Viertausend Euro kostet so ein Tisch für fünf Tage, daher auch die vorbereitende Askese. Manchmal verkauft er einen Ring an die holländischen Schaldesigner vom Tisch nebenan, damit kann er sich dann so einigermaßen die Rohstoffe fürs nächste halbe Jahr leisten.

Traurig ist hier trotzdem niemand, beziehungsweise: das gehört halt so dazu. Hier wird noch gelitten und gefastet, für die Kunst. Hoffnungslos romantisch sind die Leute hier, aber das darf man ihnen auf keinen Fall sagen. Schweigen kommt besser, und schöne braune Augen schaden auch nicht.

Bei Instagram sind sie trotzdem alle, ganz so weit ist es dann doch noch nicht gekommen. Man benutzt es nur etwas anders: es wird für ehrenhafter angesehen, wenn einem ausschließlich die fünfzehn anderen Insassen des Showrooms folgen, als 600.000 Dreizehnjährige aus Thüringen. Die würden das ja eh nicht verstehen, und es wäre ja auch peinlich. Ein Beispiel ist so schön, dass man um seinen Wahrheitsgehalt bangen muss (es stimmt aber): ein verhältnismäßig bekannter Avantgarde-Designer hat einen privaten Instagram-Account mit etwa zehntausend Beiträgen, aber niemand darf ihm folgen, und er folgt auch niemandem. Ist sie nicht wundervoll, die Welt? Hier wird Revolution betrieben, jeden Tag, aber sie wird nicht televidiert. Diese konsequente Haltung hat ihn zu einer mythischen, heißgeliebten Figur in den ernsten Kellerlöchern des Marais gemacht. Ich hoffe so sehr, dass er jeden Tag zehnmal seinen riesigen Pimmel fotografiert, ich könnte glücklich einschlafen und nie wieder aufwachen, gleich jetzt.

Naja. Jedenfalls ist das alles doch ein schöner Gegenentwurf zu dem ganzen Vêtements-ich-bezahle-sechshundert-Euro-um-zu-beweisen-dass-ich-den-Witz-verstehe-Ding. Jaja, und dass sich 032c über Bootlegs ihrer eigenen Kollektionen freut, ist zwar echt clever und meta-ironisch und all das, aber der Zenit postmoderner Philosophie ist es nun wirklich auch nicht. Letztlich geht es dann doch immer um Eitelkeiten, die befriedigt werden wollen, auf die eine oder andere Art. Und um Klamotten, die künstlich mit Sinn überladen werden wie die belanglosen Selfies süßer Bloggerinnen mit Bukowski-Zitaten. Wenn man bei Vêtements eine Monatsmiete ausgibt, um „on the inside of the joke“ zu sein, so bezahlt man in den Kellern der Avantgarde eben zwei Monatsmieten, um zur Schau zu tragen, dass Humor hier fehl am Platz ist.

Ich finde das beides gleichermaßen wunderbar. Lohnt sich in jedem Fall, da mal vorbeizuschauen, im Marais, und im Anschluss ein paar Pullen Sancerre im Café Charlot zu trinken. Da treffen sie sich nämlich friedlich wieder, die beiden Szenen, die beiden Überzeugungen: unter Heizstrahlern sitzen und Emails schreiben und gelangweilt gucken ist eine genreübergreifende Kompetenz. Nachts um eins oder zwei klappt sich die Terrasse dann um neunzig Grad nach oben und schmeißt den ausländischen Besuch in seine Airbnb-Wohnung, wo er sofort einschläft und zu träumen beginnt: die einen von Nietzsche, die anderen von Zizek, auch wenn sie seinen Namen nicht kennen.

Category: Fashion Shows

Von: Carl Jakob Haupt

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