SELFIES – eine neue Phase der Kulturgeschichte

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Aus der Ferne kann das schon amüsant aussehen: Ein Mensch, Grimassen schneidend – #duckface oder gleichzeitig: Auge zwinkernd und Zunge rausstrecken, vor seinem iPhone: ein Selfie. Das kann schnell mal unvorteilhaft aussehen, dümmlich wirken.

Doch, spätestens nachdem man „SELFIES“, die 79-seitige Lektüre des Kunsthistorikers Wolfang Ulrich gelesen hat, wird einem klar, welche Errungenschaft das Selfie für die Menschheit darstellt, viel mehr als flacher Narzissmus, wie böse Zungen behaupten.

„Noch sind Soziale Medien ganz in ihren Anfängen, und gerade in der ersten Zeit werden sie noch große Veränderungen erfahren. Doch dürfte man im Nachhinein vermutlich anerkennen, dass in den Praktiken, die sich für Selfies innerhalb weniger Jahre entwickelt haben, bereits vieles von dem angelegt war und erstmals sichtbar wurde, was schon bald grundsätzlich das Leben der Menschen prägen sollte. Als Millionen über Millionen damit anfingen, sich selbst zum Bild zu machen, begann nicht weniger als eine neue Phase der Kulturgeschichte“, so Ulrich.

Der, im Gegensatz zu den nicht wenigen Selfie-Kritikern, nicht einen neuen aufblühenden Narzissmus als Grund für den Selfie-Boom sieht, sondern vor allem den Fortschritt der Technik: „Selfies sind erst mit der Smartphone-Technik möglich geworden. Die Einführung von Rollfilm-, Polaroid- oder Digital-Kameras erlaubte es zwar bereits viel mehr Menschen als je zuvor, rasch und unkompliziert Bilder zu machen, doch erst dank des Smartphones kann man durch Bilder mit anderen Menschen in Verbindung treten, und erst dank der Sozialen Medien gibt es genügend Orte, um sie zu publizieren,“ so der Kunsthistoriker.

Wenn Ulrich über das Phänomen schreibt, dass Menschen dazu neigen ihr Gesicht für ein Selfie zu verziehen (das Gesicht wird zur Maske), dann kommen wir uns ertappt vor, erkennen unsere ureigenen Selfie-Verhaltensmuster: Wir, das Selfie und der Empfänger: ‚Nimm mich nicht zu ernst, sei nicht zu kritisch mit mir!‘ – so Ulrich. Ernst hingegen nimmt der Kunsthistoriker das Selfie als Sprache.

„Selfies sind letztlich eine Art von Zeichensprache.“ Eine Sprache, die global funktioniert. Sie gibt, so Ulrich, selbst denjenigen, die Möglichkeit sich über Mimik (oder Filter oder Emojis, die stellvertretend für das Gesicht eingesetzt werden) auszudrücken – beispielsweise Niqab-Trägerinnen, die – trotz traditionell verhüllendem Gewand – nicht auf moderne Kommunikationstechnik verzichten.

Und selbstverständlich geht Ulrich auch auf eines der berühmtesten Selfies der Geschichte ein: Geschossen von Moderatorin Ellen, Oscars 2014, neben ihr zu sehen diverse Stars, unter anderem Brad Pitt, Meryl Streep, Julia Roberts und Kevin Spacey – allesamt Meister der Mimik.

„SELFIES“ (Digitale Bildkulturen) – empfehlenswert – für all jene, die sich für Zeitgeist und Sprache interessieren, die Selfies hassen oder lieben – die Lektüre ist hier zu shoppen.

Category: #dandydiaryspace

Tags: Selfies, Wolfgang Ulrich

Von: David Kurt Karl Roth

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