Schulz & Böhmermann – Stilkritik

Aufgeregter hat die deutsche Medienöffentlichkeit wohl sonst nur auf ein neues Grapscher-Video vom Kölner Bahnhofsvorplatz gewartet. Doch weil das nicht kam, begnügte man – und damit auch wir – sich mit der ersten Folge der neuen Talkshow Schulz & Böhmermann im ZDF.

Wir haben uns die Sendung sowohl aus modischer Perspektive, wie auch aus kritischer Distanz (Ibis Hotel, London -£87,- die Nacht) angesehen.

Dass Böhmermann sein altes Studio, das er einst mit Charlotte Roche bei Roche & Böhmermann bespielt hatte, nutzen würde, war schon vor Ausstrahlung der Sendung klar. Dass aber tatsächlich bis hin zum Mikrofon alles genauso war, wie – nunja – früher, und Roche schlicht durch den Alt-Schnulzensänger Oli Schulz ersetzt wurde, war dann schon hart. Eine bitterböse Rochade, dem kühlen Rachefeldzug von Talk-Gast Jörg Kachelmann nicht unähnlich:

Kachelmann trug das Outfit eines gelassenen Mannes: Hemd, Hosenträger, Wohlstandsbauch, Wuschelfrisur. Einzig der dicke Schal und die etwas zu offensiv zur Schau gestellte Schweizer Flagge auf seinen Hosenträgern, könnten vermuten lassen, dass er noch etwas verschnupft ist, über die Art, wie man in seinem Geburtsland Deutschland mit ihm umgegangen ist. In jedem Fall: betont lässiger Auftritt des eiskalten Rächers. Tolle Maskierung!

Der zweite Talk-Gast Kollegah hingegen wirkte, obwohl er Sakko statt Muskelshirt trug, weit weniger verkleidet. Seinem recht Gangsterrap-untypischen Intellekt stand das nicht schlecht. Und es ist schon eine Leistung mit Fitnessstudio-Körper im Anzug nicht wie ein aufgepumpter Clown auszusehen. Beim lichter werdenden Haar könnte man allerdings noch etwas nachjustieren. Wer Zigarren raucht und im Eigenheim wohnt, kann sich sicher auch eine Haartransplantation leisten.

Unser Held des Abends, der Helg Sgarbi der Psychatrie, war allerdings: Gert Postel. Allein schon der Nachnahme des gelernten Briefträgers ist ja genial. Dass Postel dann noch einen mausgrauen Anzug mit randloser Brille kombinierte und damit das Höchstmaß an beamtendeutscher Unauffälligkeit trug: toll! Der Anzug war natürlich, wie so vieles im Leben des verurteilten Hochstaplers eine Nummer zu groß. Brilliant!

Den Look der einzigen Frau in der Runde, Co-Autorin vom großen deutschen Filmemacher Til Schweiger, mögen wir nicht beurteilen. Das maßen wir uns nicht an. Auch wenn es natürlich höchst interessant ist, dass auch sie eher lockere Schnitte und möglichst wenig einengendes an ihrer Kleidung zu bevorzugen scheint. Ganz so wie Schweiger. Vielleicht könnte Gert Postel hierzu mal eine psychologische Diagnose stellen.

Die Gastgeber hingegen wirkten in ihren Looks eher blaß. Jan Böhmermann trug seine mittlerweile bekannte Uniform aus engem Anzug, Krawatte und sekündlich grauer werdendem, frisch geschnittenen Haar. Wie sein Look war auch er um Seriosität bemüht.

Oli Schulz versuchte sich dazu als – im Rahmen der ästhetischen Möglichkeiten – lockerer Gegenentwurf mit offenem Kragen, etwas längerem Haar und ironischem Schnurrbärtchen. Dass er dann in der Sendung vor allem über sich selbst reden wollte, zeugte allerdings von eher weniger Lockerheit als vielmehr krampfigem Geltungsdrang.

Wir finden: das war eine gute erste Sendung. Der Look der Show ist sehr super, die Looks der Gäste waren es auch. 

bild böhmer

Category: Special

Von: Carl Jakob Haupt

Instagram