Romantisch unmodern: Rom

Machen wir uns nichts vor: Dass Italien nicht der perfekte Nährboden für Innovationen ist, war mir klar, als ich mich am Freitag morgen stark verkatert in den Ryanair-Flieger nach Rom zwängte. Wie verwöhnt wir in Berlin aber hinsichtlich neuer, revolutionärer Ideen und Konzepte sind, dessen war ich mir nicht bewusst.

Die italienische Hauptstadt besticht vor allem durch den Charme einer südländischen Kleinstadt, den ihre engen Gassen, kleinen und großen Plätze und unaufgeregten Bewohner ausstrahlen. Das Essen ist natürlich grandios. Um es in vollen Zügen genießen zu können, muss man aber all seine gesundheitlichen und figurbezogenen Bedenken in der selben Stringenz ignorieren, wie es die italienische Küche mit all den Food-Trends macht, die in den letzten Jahren aufgekommen sind: Green Bowl, Avocado-Toast und laktosefreie Milch sind für die fülligen, alten Damen, die die Pasta von Hand herstellen, Fremdwörter.

Und das ist auch gut so. Eine Stadt, die sich von Trends und aktuellen Strömungen komplett freimachen kann, strotzt ja nur so vor Selbstbewusstsein und Vertrauen in eigene Traditionen und Kulturen. An der Tatsache, dass ich mich auf Dauer nicht von Pizza, Pasta und mit Zuckerlasur überzogenen Croissants ernähren will, ändert das natürlich nichts.

Das Gefühl, die Römer begegneten ihren an Bedeutung kaum zu überbietenden Bauwerken, Denkmälern und Sehenswürdigkeiten mit wenig Sorgfalt, wird man ob eines mit Gerüsten, Schildern und Dreck völlig verunstalteten Forum Romanum leider nicht los. Und auch mit sich selbst scheinen die Italiener, denen ja so oft ein überragendes Stilbewusstsein nachgesagt wird, recht nachlässig. Abgesehen von ein paar wenigen gut sitzenden Anzügen und elegant gekleideten, braun gebrannten weiblichen Schönheiten war nicht viel zu sehen von begeisternden Schnitten und Stoffen.

Der modernste aller Läden war – kein Witz – eine DIY-Eisdiele, von ihren Betreibern allen Ernstes „Selfie“ genannt. Und natürlich der Gucci-Store, den selbst meine wenig modeaffinen Freunde ob der unzähligen Meisterwerke aus der Hand von Alessandro Michele gar nicht mehr verlassen wollten.

Zurück in Berlin habe ich natürlich sofort ein Avocado-Sandwhich gegessen und mich einen Tag lang ins St. Oberholz gesetzt. Ich fühle mich endlich wieder modern. Und mache bald nochmal eine Zeitreise: Nach Rom.

Category: News

Von: David Jenal

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