Report: Südafrikas Männermodeszene rund um den “Corner Store”

Unser Autor Paul N. Morat lebt in Kapstadt und beobachtet die dortige Szene seit einigen Monaten. Den Corner Store und die darum entstandene Szene kennt man außerhalb Südafrikas bislang kaum – doch das könnte sich bald ändern: Kapstadt wird mehr und mehr zur Lifestyle-Metropole. Zeit, sich das mal genauer anzuschauen.

Ein weißer Raum, an Kleiderstangen hängen T-Shirts mit großen Prints, Jacken, die auf der Rückseite bedruckt sind, in einem gläsernen Regal liegen 5-panel Caps neben alten Atari Controllern ausgestellt. Hinter einer Theke steht Luke Doman, beleuchtet von einem blauen „C“. Ein breitlächelnder Skaterjunge mit Rauschebart. „How’s it?“, fragt Luke. Er beginnt sofort von seiner Arbeit zu schwärmen.

Luke ist der Storemanager des „corner store“ in Woodstock, Kapstadt, der vor circa eineinhalb Jahren von den drei Designern und Freunden Matthew Kieser (Sol-Sol Menswear), Annees Petersen (Young and Lazy) und Anthony Smith (2bop) gegründet wurde.

Zunächst bestand die Idee, einen Flagship Store zu eröffnen, in welchem die Designer ohne Vorgaben und damit verbundenen Einschränkungen arbeiten könnten und nur die eigenen Labels vertrieben werden sollten.

Mittlerweile hat sich der Corner Store neben der Streetwear jedoch zu einem Konzeptladen entwickelt, der sich als Plattform des Austauschs der wachsenden kreativen Szene in Kapstadt im Speziellen und Südafrika im Allgemeinen versteht.

Sicherlich sei auch 21 Jahre nach dem Ende der Apartheid noch sehr vieles nicht aufgearbeitet, doch würden nun Motivation und Energie, die in früheren Tagen bei einem Großteil der Bevölkerung für den politischen Widerstand „aufgebraucht“ worden seien, immer mehr dafür genutzt sich kreativ auszudrücken.

Der Corner Store fungiert hierbei als Raum der Konversation, des Zusammentreffens und schließlich -arbeitens und betont so den Wert der Interaktion für Kreative sowie grundlegend für die südafrikanische Gesellschaft.

Denn genau solche Orte haben in den vergangenen Jahren hierzulande zunächst gesetzlich und heute immer noch durch finanzielle Umstände gefehlt. Orte, an denen man sich austauschen und Menschen treffen kann, die zwar unterschiedlichste Hintergründe, dafür aber ähnliche Interessen und Ansichten haben. Vorurteile überwinden, sich verstanden fühlen, Beziehungen aufbauen.

So ermöglichen die Köpfe hinter dem Laden diesen Dialog und bieten dabei ihr mittlerweile weitreichendes Netzwerk aus Designern, Fotografen, Künstlern, Musikern, aber auch Veranstaltern sowie Kuratoren an. Sie möchten Menschen zusammenbringen und sehen wie Neues daraus entsteht.

Dementsprechend profitieren Kieser, Smith und Petersen letztlich in ihrer Arbeit davon.

Ein Beispiel dafür ist Dune Tilley. Immer noch auf der Highschool und nebenbei Lookbook Fotograf für Young and Lazy. Er selbst ist irgendwann zum Corner Store gekommen und hatte Lust zu fotografieren, also haben sie ihn fotografieren lassen.

Nicht nur den Laden als Vertriebsmittelpunkt und Marketingplattform sehen, sondern tatsächlich die Möglichkeit bieten aktiv zu werden und so die Kultur in Kapstadt voranzubringen.

Dabei verzeiht man Store Manager Luke Doman die teils sehr pathetische Ausdrucksweise, wenn er über den „familiy“-Gedanken spricht, von „building up a culture“ erzählt und „representation“ beziehungsweise „role modeling“ als seine Hauptaufgaben nennt. Es handelt sich eben nicht nur um leere Worthülsen.

„Building up a culture“ bedeutet hierbei auch, dass die drei am Wochenende zu Vorträgen und Workshops einladen, um Kindern und Jugendlichen einen Einblick in die Arbeit von Designern, Musikern und Künstlern zu ermöglichen. Alle Referenten sind Teil der corner store Community.

Die Anzahl von Menschen, die sich wirklich mit diesen Themen beschäftigen, ist hier noch sehr gering, durch den einfachen Grund, dass ein Großteil finanziell nicht daran teilhaben kann.

Man sieht im Grunde immer die gleichen Gesichter. Dass man darauf irgendwann keine Lust mehr hat, ist verständlich.

Luke Doman fühlt sich dabei verantwortlich gegenüber den Jugendlichen, als jemand dem es gelungen ist in einer Branche Fuß zu fassen, die in Südafrika „eigentlich für privilegiertere Bevölkerungsgruppen reserviert war“.  Er möchte ermutigen über Kunst, Mode und Ästhetik zu sprechen und das letztlich auch beruflich in Erwägung zu ziehen.

Die nationale wie internationale Resonanz gibt ihm Recht: Der corner store wird regelmäßig auf Webseiten wie Highsnobiety und Hyperbeast gefeatured, hostet die Pre-Party der South African Menswear Week (der ersten Menswear Fashion Week in ganz Afrika) und alle drei Labels bringen mittlerweile jedes Jahr zwei Kollektionen raus. 2Bop vertreibt außerdem eine Damenkollektion, entworfen von Ulfah Davids.

Sol-Sol-Menswear kollaborierte bereits mit dem Künstler BAD IDEA aus Hongkong (vormals Artwork für coletta) und entwarf dieses Jahr eine Jacke mit Levi’s.

Kim Jones schaute auch vorbei, als die neue Kampagne für die Kollaboration von Louis Vuitton  und den Chapman Brothers in der Stadt von Pieter Hugo geschossen wurde.

Die Designer arbeiten dementsprechend daran Kapstadt abseits vom Ruf als Standort, „wo man halt im Winter Sommer hat und schöne Werbespots drehen kann“ zu profilieren.

„Es geht nicht darum, Leute aus Europa, Amerika oder Asien mit Mode zu versorgen, die deren Vorstellung von (Süd-) Afrika entspricht.“ Weg vom geradezu ausgebrannten Ethnolook.

Die südafrikanische Streetwear baut zwar nach wie vor auf dem direkten Einfluss der Umgebung auf, doch soll der kulturelle Hintergrund modisch in einen kosmopolitischen Kontext gesetzt werden und damit auf die Vielfalt Südafrikas aufmerksam machen.

„Afrikanische“ Mode, also nach dem Konzept, dass sie für denjenigen nicht nach „Afrika“ aussieht, der sich weder mit hiesiger Jugendkultur auskennt oder beispielsweise nicht um den großen muslimischen Einfluss in Kapstadt weiß, sondern zunächst nur dadurch als „afrikanisch“ charakterisiert wird, da sie aus Südafrika kommt.

Ist das demnach auch das Einzige, was die Entwürfe von 2bop, Sol-Sol und Young and Lazy ausmacht?

Die drei Designer wissen, was die Jugend in Europa, Amerika und Asien gerade trägt und ihre Marken funktionieren nur, da nun die modeinteressierte Föhnfrisur die Ärmel eben an dem „afrikanischen“ T-Shirt mit Graphic auf dem Rücken hochkrempeln kann, um gleichermaßen Weltoffenheit und Bewusstsein für die eigene Kultur  zu demonstrieren?

Es kommen definitiv Gedanken an die „Gleichschaltung“ der Mode auf, wenn man Petersens Hoodies und Longsleeves sieht, die (nach eigener Aussage) offen auf Alex Olsons Bianca Chandon anspielen.

Auch helfen Luke Domans Erklärungen in diesem Bezug nicht, wenn er erzählt, dass man sich in Südafrika gerne repräsentiert sehe und die „Kids“ dann eben Kapuzenpullover mit großen Prints, Jacken und weite Hosen aus Woodstock, Cape Town trügen, die zwar denen aus London und New York ähnelten, aber mit Fotografien und Slogans aus der Heimat bedruckt seien.

Modisch stecken Sol-Sol, Young and Lazy und 2bop momentan in genau diesem Konflikt: Einerseits setzen sie den Anspruch, dass die Welt von der stereotypischen Vorstellung der „afrikanischen“ Kunst und Mode abweicht. Die Wichtigkeit dieses Schritts steht außer Frage, denn vor allem Kapstadt hat sich schon sehr lange von dem Bild verabschiedet, dass in vielen Köpfen verankert ist. Mal abgesehen davon, dass es „afrikanisch“ nicht gebe.

Andererseits reihen sich T-Shirts, Hoodies und Jacken damit noch zu sehr in den großen Einheitsbrei der Supreme und Palace „Inspirierten“ ein.

Doch um etwas relevant zu machen, muss es zunächst populär werden und das hat der corner store durch eben diese Mode erreicht.

Sie bedient eine Käuferschaft, die auf Instagram, Snapchat und Kohorten sehen kann, was ihre Stil Idole tragen. Wenn sich die „Kids“ dann noch direkt durch den lokalen Bezug repräsentiert sehen, hat man wohl das Konzept der Streetwear.

„Street culture in Cape Town actually exists and I’m grateful for that. The street style here has been around for a while and I have seen growth but yes, obviously, Cape Town also mimics international trends, with little to no originality. Too many people make the mistake of drawing inspiration from the Internet instead of their surroundings“, kommentiert der Designer Petersen das selbst.

Doch das sehen sie im corner store als Ansporn, denn letztlich soll eine Szene entstehen, die sich global einordnen kann und nicht hinter der Angst vor der Unbedeutendheit verstecken muss, sondern unabhängig, eigenständig und schließlich innovativer ist.

Auch die aktuelle Winter/Herbst Kollektion lässt erhoffen, dass 2bop, Young and Lazy und Sol-Sol ihren eigenen Stil finden.

Schließlich sei es für die südafrikanische kreative Szene wichtig, das eigene Selbstverständnis, das vom globalen „Kastendenken“ geprägt sei, grundlegend zu verändern.

Weg von der Ansicht, man habe als südafrikanischer Modedesigner auch für den Rest der Welt „(süd-)afrikanisch“ auszusehen.

Text: Paul N. Morat

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Fotos vom Corner Store & Crew: Carl David Jones

Fotos AW17 Runway Show des Labels “2Bop”: Simon Deiner

Fotos AW17 Runway Show des Labels “Sol Sol”: Simon Deiner

Fotos AW17 Runway Show des Labels “Young And Lazy”: Simon Deiner

Fotos Lookbook des Labels “Sol Sol”: Carl David Jones

Fotos Lookbook 1/2 des Labels “2Bop”: Imraan Christian

Fotos Lookbook 2/2 des Labels “2Bop”: Luke Doman

Fotos Lookbook des Labels “Young And Lazy”: Dune Tilley

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Category: News

Von: Carl Jakob Haupt

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