Reich, aber sexy: Warum die Aufregung über Angelika Taschen scheinheilig und falsch ist

Es ist jetzt schon ein paar Tage her, dass Angelika Taschen, Verlegerin und „Interior Curator“, der Welt ein – wie sich später herausstellen sollte – verhängnisvolles Interview gab.

Nach ihren Ergüsse über die Berliner Ausgehkultur, ihre Arbeit als Einrichtungsexpertin und das Dasein als „Wechseljuicer und Flexitarier“ brach ein regelrechter Shitstorm inklusive wüster Beschimpfungen und genereller Abneigung gegen den von Taschen propagierten Lebensstil über die Wahlberlinerin herein.

Die Vice schrieb natürlich einen Verriss und stellte die üblichen, ironisch-rhetorischen Fragen. Die TAZ betitelte das Interview als „gedruckten Wahnsinn“. „Lese-Folter“ und „durchgeknalltestes Interview“ sind weitere Auszüge aus dem von mir in Sekunden zusammengestellten Pressespiegel.

Dabei hatte die Frau, die vor 12 Jahren aus Los Angeles in die deutsche Hauptstadt zog, nichts weiter getan als eine Realität abgebildet, die sich mittlerweile eben nicht mehr nur auf London, Paris und München beschränkt, sondern auch in Berlin angekommen ist. Es gibt mittlerweile mehr als Techno, Späti und Underground. Es gibt teure Restaurants, teure Bars und gesundes Essen. Es gibt hochpreisige Kleidung, unter anderem im von uns sehr geliebten und auch von Angelika Taschen erwähnten „The Store“ im Soho House. Und es gibt eine wachsende Schicht von sehr vermögenden Exzentrikern, die sich ihre Wohnungen von „Interior Curators“ einrichten lässt.

Zugegeben: Frau Taschen scheint keine einfache Frau zu sein. Aussagen wie „Wer, wie die Menschen in Berlin, vor Fantasie sprüht und ununterbrochen produziert, schwört auf die Ästhetik des Nichts“ sind nicht nur leere Worthülsen, sondern ob der in der Stadt vorherrschenden Lethargie auch ziemlicher Blödsinn.

Nichtsdestotrotz: Gegenwind in dieser Qualität und Quantität hat Angelika nicht verdient. Inhaltlich geht die Aufregung in die völlig falsche Richtung. Denn wenn Berlin endlich zu der Stadt werden will, von der zumindest in und um die Modebranche alle träumen, also: Eine Stadt mit einer ernstzunehmenden Fashion Week, mit Stores von Weltniveau und einer liquiden, international anerkannten Szene, dann braucht es eine Angelika Taschen. Am besten zehn von ihr. Denn sie bringt nicht nur das nötige Geld mit, sondern auch Glamour und eine ausgeprägte Begabung für unterhaltsame Interviews.

Foto: Maxime Ballesteros

Category: News

Tags: Angelika Taschen, Berlin, die welt, Interview

Von: David Jenal

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