Postfaktische Mode

Postfaktisch ist das Wort des Jahres 2016 – und auch in der Mode ist das Postfaktische aktuell Trend. Aber es geht auch anders, wie Justin Bieber beweist. Und trotzdem wird alles schwieriger.

Das New Yorker Streetwear-Label SUPREME erlaubt es seit Jahren, auch absoluten Nichtkönnern, so auszusehen, als würden sie den ganzen Tag mit dem Skateboard fahren. Der Vollbart-Trend half Milchgesichtern, sich optisch in Holzfäller zu verwandeln. Und bei TOPSHOP gibt es T-Shirts mit Mottenlöchern und AC/DC Schriftzug. Gäbe man den Trägern dieser Trends wahlweise Skateboard, Axt oder “Hells Bells” in die Hand, könnten sie damit sicher nicht so besonders viel anfangen. Es wäre schlicht ein erbärmlicher Anblick.

Ehrlicher ist da zum Beispiel das höchst erfolgreiche Justin Bieber-Merchandise, das sich ebenfalls aktuell größter Beliebtheit in der Modebranche erfreut. Ohne auch nur den geringsten Anflug von Ironie kann und darf der Träger so zeigen, dass er die gefällige Popmusik des Superstars einfach gut findet. Wer Bieber trägt, hört auch Bieber. Faktischer gehts kaum.

Und auch der Normcore-Trend war und ist ja ein extrem faktischer: er zeigt den Träger als genau den Normalo, der er ist. Die Ironie, die vermeintlich dahinterliegt, ist meist in Sekunden dechiffrier- und widerlegbar, denn der Normcoreler ist doch tatsächlich ein genauso langweiliger Mensch, wie sein eigener Vater, der Mittelständler bei der örtlichen Sparkasse berät und am Wochenende den Rasen mäht. Und so sieht er auch aus.

Problematisch wird es nur, wenn Vati AC/DC hört. Dann müsste man das ja eigentlich in den Normcore-Look integrieren – nur sieht man dann eben aus, wie ein postfaktischer H&M-Idiot.

Die Zeiten sind unruhig. Nichts ist mehr gewiss.

Category: Trends

Von: Carl Jakob Haupt

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