Pokémon Go oder: Der feine Unterschied zwischen Trend und Massenhysterie

Ein Gastbeitrag von Moritz Blum

Es ist leidig sich zu einem Thema äußern zu müssen, dass medial völlig überrepräsentiert ist. Aber wenn Millionen Menschen binnen Tagen ihren Tätigkeitsschwerpunkt auf die selbe App verlegen, dann muss man wohl oder übel dazu Stellung beziehen, auch wenn einem die Entwicklung zutiefst suspekt ist.

Zunächst einige theoretische Bemerkungen:

Auf einen Trend aufzuspringen ist wunderbar, Dandy Diary ist wohl die letzte Instanz, die das Gegenteil behaupten würde. Man macht sich etwas zu eigen, was andere Personen, die man inspirierend findet, bereits zuvor getragen/praktiziert haben, und präsentiert sich mit dieser neu erworbenen Eigenschaft seiner Umwelt. Man adaptiert etwas, das nach außen Zugehörigkeit zu einer Gruppe zeigt: Der Club der All-Black-Techno-Lover, die umweltbewusst-intellektuelle Studentin, der Fitness-Shakelife-Typ – alle haben sie ihre eigenen Erkennungsmerkmale und Zugehörigkeitssymbole.

Die kulturelle Entität „Trend“ umfasst selbstverständlich wesentlich mehr als nur Mode: Essen (Paläo/Veganismus), Reisen („Südostasien hat mich so inspiriert! Als nächstes will ich unbedingt nach Südmerika“), Sport (Yoga, Cross Fit), Liebe und Sexualität („Tinder benutzt inzwischen sowieso jeder“) – angesagte Neuerung betreffen wirklich jeden Bereich unseres Lebens.

Für jeden ist was dabei, und wichtig: jede soziale Gruppe hat Anforderungen an ihre Mitglieder, was Aktualität angeht: Du hast noch nicht den Trailer zu Call-of-Duty: Infinite Warfare gesehen? – Du bist kein echter Gamer! Noch nie von #freethenipple gehört – dann bist du wohl nicht auf dem neusten Stand, was Feminismus angeht, etc.

Wer behauptet, nicht der Macht modischer Neuerungen unterworfen zu sein, belügt sich schlichtweg selbst.

Wenn sich allerdings innerhalb kürzester Zeit Hunderttausende, inzwschen bestimmt Millionen Menschen auf das gleiche Objekt der Begierde stürzen, dann ist das nicht mehr die aktive Übernahme einer Tätigkeit in den Kleiderschrank der jeweiligen Persönlichkeit. Es ist ein Sich-gemein-machen mit den Massen, auf die banalste Art und Weise. Ein „Ich-will-das machen,-was-alle-anderen-auch-machen“.

Du willst jetzt widersprechen und sagen, dass nicht auf dich zutrifft, dass du Pokémon Go runtergeladen hast, weil du dich einfach grundsätzlich für Pokémon-related Content interessierst, und sowieso schon seit Monaten auf die Veröffentlichung gewartet hast?

Dann mag das auf dich vielleicht zutreffen, und auf zehn deiner Nerd-Freunde vielleicht auch. Aber sicher nicht auf die 3,9 Millionen anderen, die das Game gedownloadet haben. Und es geht hier nicht um dich, Kumpel, sondern um eine riesige Menschenmasse, mit aufs Handy gesenktem Blick durch die Gegend stolpert – um eine zivilisatorische Katastrophe.

Und wer einer Menschenmasse hinterherstolpert, – sei es mit Blick aufs Handy, Kånken-Rucksack auf dem Rücken oder Vollbart und Seemannstattoos – der zeigt damit keinen Geschmack, in dem Sinne, dass er oder sie etwas Inspirierendes auswählt und es sich zu eigen macht. Sondern schlicht und einfach, dass er zu faul ist, sich darüber Gedanken zu machen, welchen, von den ganzen Reizen und Trends, die auf ihn einprasseln, er gut findet und welchen nicht.

Und sei es nun, dass diese Spiel unglaublich Spaß macht – die Frage, was die Tatsache, dass erwachsene Menschen Freude und Genugtuung dabei empfinden, einen Großteil ihrer Denk- und Beinmuskelkraft in ein Handyspiel zu investieren, über den psychosozialen Zustand unserer Gesellschaft aussagt, sei hier überhaupt nicht gestellt. Cool ist es jedenfalls nicht, dieser Massenhysterie hinterher zu hecheln – sondern eher peinlich (es sei denn, du bist ein neunjähriger Grundschüler, dann ist das voll ok).

Moritz Blum studiert Medizin an der Charité in Berlin. In seiner Freizeit kümmert er sich um seinen Bienenstock in Berlin-Frohnau und durchkämmt Facebook nach lustigen Memes.

Category: Trends

Tags: Pokemon Go

Von: David Jenal

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