Streitbeutel

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Egal ob Mutter, Freundin oder alte Klassenkameradin aus der nordhessischen Provinz – alle Frauen lieben Lars Eidinger – sein Taschen-Design „LE 1“ hingegen, das der Schauspieler / DJ gemeinsam mit Philip Bree für dessen Label PB 0110 entworfen hat, polarisiert. Inspirationsvorlage war die wohl bekannteste Arbeit des abstrakten Malers Günther Frühtrunk: seine Grafik für die ikonische ALDI-Tüte.

„Eine Hommage an die Schönheit des alltäglichen Lebens“, so Lars Eidinger. Die „LE1“ ist aus Leder und kostet 550 Euro. Schlicht und schön, doch das Highend-Lowend-Game, das hier gespielt wird, ist nicht wirklich neu, daher kommt es u.a. zu Kritik auf Twitter und Co. Demna Gvasalia hat für einen  VETEMENTS Schal bereits das ALDI-Muster als grafische Vorlage genutzt. Ebenfalls Gvasalia war es der 2017 für BALENCIAGA eine von der ikonischen IKEA-Bag inspirierte Tasche für 2000 Dollar entwarf.

Die Mode lebt schon immer davon, dass die Avantegarde Kleidunggstücke aus anderen Schichten oder Subkulturen aufgreift, diese im neuen Kontext präsentiert, so Grenzen bricht, doch die 2010er Jahre waren so sehr von genau diesem ironischen Spiel geprägt (McDonald’s / Moschino, DHL / Vetements) das wir ein wenig müde davon sind – die Idee zur „LE1“  kommt ein wenig spät.

Für Kritik sorgt neben dem Design aber vor allem der stolze Preis des Leder-Beutels. Spannend, dass heute, 2020, noch so viele Menschen aufbrausend auf einen Preis reagieren. Wo Marke(n) Preise bestimmen. Hierzu Lars Eidinger im TAGESSPIEGEL Interview:

„Früher konnte man Wertigkeit unabhängig vom Preis bewerten. Anhand von Qualität, Stofflichkeit, Materialität und Verarbeitung. Heute bestimmt der Preis den Wert. Es geht nicht um Luxus. Wir versuchen nicht, die Herstellungskosten zu drücken, um die Gewinnspanne zu maximieren, sondern der Preis steht in einem realen Verhältnis zum Herstellungsaufwand. Wir wollen uns an dem Verkauf der Tasche nicht bereichern. Vielmehr versucht die Tasche den Blick auf die Schönheit des Alltags zu lenken.“

Ebenfalls umstritten: Die Fotos, die produziert wurden, um die „LE1“ in Szene zu setzen, auf denen der Schaubühnen-Star unter anderem vor dem Schlafplatz eines Obdachlosen zu sehen ist. Hier kommt es natürlich zur großen Moralfrage: Ist das okay? Die prekäre Situation eines Menschen als Werbemotiv (wenn auch nur im Hintergrund) zu nutzen? Wir – die Moralinstanz Dandy Diary – sagen: JA!

Denn der Graben zwischen Kunst und Kommerz war nie kleiner. Wer entscheidet denn heute eigentlich, was Kunst und was Kommerz ist? Sind das hier Werbefotos? Oder, siehe berufliche Herkunft des Werbestars, Kunst? Geht es tatsächlich nur um die Bewerbung eines Luxusartikels?

Die Kunst darf alles. Auch den Schlafplatz eines Obdachlosen zum Teil einer Inszenierung werden lassen.

Category: #dandydiaryspace

Tags: Lars Eidinger, PB 0110

Von: David Kurt Karl Roth

Fotograf: Benjakon

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