Party People: Tiny Tim, WeBoogie + St. Georg

Weil wir nicht die Einzigen sind, die in Berlin hin und wieder große, gute oder sonst irgendwie tolle Parties veranstalten, rückt diese kleine Serie Menschen in den Mittelpunkt, die, ausgehend vom Kern des Nachtlebens, der Musik, das Medium „Party“ weiterdenken, voranbringen und Neues ausprobieren – auf höchstem Niveau. Noch dazu haben sie alle über den Kater am nächsten Morgen hinaus etwas zu bieten und zu sagen. Wirklich kennen tut sie trotzdem kaum jemand. Zu Unrecht, wie wir finden.

Eigentlich sollte diese kleine Serie mit dem Gespräch mit Simon und Benjamin Kaiser von TRADE ein Ende finden. Aber jeder der bisher Interviewten bat uns eindringlich, auch mit Tim von WeBoogie zu sprechen. Der sei nämlich sehr wichtig, für viele gute Parties verantwortlich und leider viel zu unbekannt. Wir kamen also nicht umher, uns mit Tim, der übrigens Holländer ist, zu treffen, und mehr noch: schon vor dem Interview schien er ob zahlreicher Nennungen und Respektbekundungen ein würdiger Gesprächspartner für den Abschluss von „Party People“.

Tim mag neben Parties vor allem Pizza. Folgerichtig treffen wir uns zum Interview bei Zola am Paul Lincke-Ufer. Vor eineinhalb Jahren hat Tim DJ Schowi geholfen, die Pizzeria zu eröffnen. Heute sind beide kein Teil des Teams mehr. Die Pizza schmeckt überraschenderweise trotzdem noch.

 

Zu Anfang die grundlegendste aller Fragen: Wer bist du und was machst du?

Ich bin Tim, man kennt mich auch als Tiny Tim, Tiny Braxton oder Teigmeister T und ich mache seit mehreren Jahren unter dem Namen WeBoogie Veranstaltungen und Parties. Nebenbei mache ich Pizza, Pizza-Parties und Pizza auf Parties. Eine Zeit lang war ich für das Booking im Chesters verantwortlich und seit vier Monaten mache ich das gleiche jetzt im St. Georg. Nebenbei veranstalte ich größere Parties, zum Beispiel Temp Affairs gemeinsam mit Live From Earth. Wenn Soulection eine Party in Berlin macht, kümmere ich mich darum. Außerdem habe ich noch eine Grime-Partyreihe. Und für einige Künstler mache ich mittlerweile das Booking, aus WeBoogie ist also eine kleine Agentur entstanden. Generell kann man sagen, dass ich versuche, verschiedene Szenen zusammenzubringen und relativ neue Sachen aus den Bereichen Hiphop und Clubmusik nach Berlin zu holen. Bei alldem sind mir Inklusivität, Stimmung und Vibe immer am Wichtigsten.

Wie und wo findest du neue Musik? 

Früher war ich sehr viel im Internet unterwegs. Das mache ich heute natürlich auch noch, aber mittlerweile habe ich eine gewisse Basis. Mir werden oft von Freunden neue Sachen geschickt, es funktioniert viel über soziale Netzwerke.

Nach welchen Gesichtspunkten buchst du letztendlich die DJ’s fürs St. Georg?

Mir ist immer wichtig, dass es international und vielfältig ist. Und die Künstler sollen nicht nur gute Musik machen, sondern eben auch wissen, was es für eine gute Stimmung braucht. In allen Großstädten gibt es kleinere Szenen, die ungefähr das gleiche machen wie wir im St. Georg. Mit denen gibt es einen regen Austausch. Bei uns spielen Leute aus Paris, London und Amsterdam. Dadurch entsteht eine ganz neue Energie, die es meiner Meinung nach in Berlin selten gibt. Hiphop-Veranstaltungen in Berlin sind oft sehr mainstreaming und zielen immer auf die gleiche Zielgruppe ab. Bei uns ist alles weniger Deutsch, weniger alt und weniger weiß. Ich verstehe einfach nicht, warum in manchen Berliner Clubs alle Resident DJ’s weiße Männer sind. Das ist zu krass. Die neue Generation will sich nicht mehr zwischen Hiphop und Clubmusik entscheiden müssen. Es vermischen sich gerade Genres und Szenen. Die jungen Leute sind viel weiter als einige Booker der Berliner Clubs.

Kannst du das Publikum im St. Georg irgendwie beschreiben?

Es ist sehr international, jung, oft gutaussehend und immer vielfältig. Die Leute sind mit Hiphop aufgewachsen, aber sehr kritisch und wollen mehr. Man kann bei uns nicht die ganze Nacht nur große Hits spielen. Aber in erster Linie kommen die Leute ins St. Georg, um Spaß zu haben. Es wird immer viel getanzt und geknutscht und alle feiern zusammen. Das ist schön.

Welche Musik findest du momentan ganz konkret gut?

Ich feiere im Moment die Musik im Allgemeinen. Die Sachen, die vor fünf Jahren als experimentell eingestuft wurde und von uns auf nischigen Parties gehört wurden, sind dank dem Internet und Plattformen wie Soundcloud zum neuen Mainstream geworden. Die ganzen Producer, die man früher im Underground gefeiert hat, sitzen heute für die größten Künstler im Studio. Musikalisch ist das genau meine Zeit. Konkret fallen mir gerade die neuen Alben von Travis Scott, PNL und Solange ein. Auch Soundcloud-Sensationen wie Kodie Shane, Melty Canon und die damit verbundene Internetkultur, in der jeder ohne großes Budget Tracks aufnimmt und sein eigenes Ding macht, finde ich super. In der Clubszene interessiert mich gerade, wie sich alles zunehmend vermischt. Man aktuell immer mehr Afro-Beats und Reggeaton. Im deutschsprachigen Raum gibt es wenig, was ich gut finde. Aber natürlich ist Live From Earth gerade sehr interessant, im Clubbereich gefallen mir Mobilegirl und Mechatok.

Wie hat sich aus deiner Sicht die Ausgehkultur in Berlin in den letzten Jahren gewandelt? 

Es gibt zwei parallel laufende Entwicklungen: auf der einen Seite gibt es die Techno-und Clubszene, in der natürlich viele Läden schließen mussten, alles nicht mehr so aufregend ist und es nicht mehr dauernd überall illegale Open Airs gibt. Auf der anderen Seite gibt es „unsere“ Szene, die nicht aus dem Techno-Bereich kommt und momentan sehr gut funktioniert. Unsere Community wächst und es gibt generell eine größere Offenheit. Ich verstehe schon, wenn man sich über schließende Clubs beschwert. Aber ich sehe trotzdem eine positive Entwicklung. Creamcake macht einen Festival, Janus macht Parties im Berghain, BassGang ist wieder zurück und zu einem Event wie Temp Affairs kommen 1500 Leute. Das wäre vor drei bis vier Jahren nicht möglich gewesen. Früher war es auf jeden Fall nicht besser.

Alle drei bisher für diese Serie interviewten Veranstalter wollten unbedingt, dass ich noch mit dir spreche. Trotzdem kennt dich über den harten Kern der Szene hinaus fast niemand. Willst du das so? 

Es war mir nie wichtig, in der Öffentlichkeit zu stehen. Und ich komme ja schon aus einem Nischen-Bereich und habe immer Sachen gemacht, die sehr neu waren und für ein gewisses Klientel gar nicht interessant. Ich bin auch nicht wirklich Instagram-affin. Als ich vor fünf Jahren angefangen habe, gab es diese Personalisierung, wie sie heute überall stattfindet, auch noch gar nicht so. Aber die Leute, die wissen sollen, wer ich bin, die wissen das auch. Es ist nicht so, dass ich übertrieben bescheiden bin: ich weiß schon wer ich bin und was ich mache.

Was steht als nächstes im St. Georg an?

Ab dem 14. Oktober geht es mit dem neuen Programm los. Ab dann wird es jeden Freitag eine Resident Night mit verschiedenen DJ’s geben, sowohl aus Berlin als auch international. Es soll eine Art Wohnzimmer für die Szene werden und eine offene Plattform für aufstrebende Künstler aus allen Bereichen der Subkultur. Dafür holen wir immer wieder Crews dazu, deren DJ’s dann bei uns auflegen: von BassGang, Live From Earth, Einhundert und TRADE, aber auch aus anderen Städten weltweit. Wir wollen versuchen, eine Community aufzubauen. Am 15. Oktober gibt es eine Release-Party von zwei EP’s, die auf Live From Earth erscheinen. Und Ende Oktober feiert bei uns das Magazin „das Wetter“ sein dreijähriges Bestehen mit zwei Veranstaltungen an zwei Tagen hintereinander.

 

Wir danken Tim für das Gespräch. Um auf dem Laufenden zu bleiben, könnt ihr dem St. Georg sehr zeitgemäß auf Instagram oder Snapchat folgen: saintgeorgebln

Weitere News gibt es außerdem auf der neuen Website.

Category: News

Tags: Party People, St. Georg, WeBoogie

Von: David Jenal

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