Party People: Max Kreuzberger aka Dj Bangkok, Live From Earth

Weil wir nicht die Einzigen sind, die in Berlin hin und wieder große, gute oder sonst irgendwie tolle Parties veranstalten, rückt diese kleine Serie Menschen in den Mittelpunkt, die, ausgehend vom Kern des Nachtlebens, der Musik, das Medium „Party“ weiterdenken, voranbringen und Neues ausprobieren – auf höchstem Niveau. Noch dazu haben sie alle über den Kater am nächsten Morgen hinaus etwas zu bieten und zu sagen. Wirklich kennen tut sie trotzdem kaum jemand. Zu Unrecht, wie wir finden.

Für den ersten Teil dieses kleinen Intermezzos mit der Nacht und ihren Protagonisten habe ich mich mit Max Kreuzberger getroffen. Max kommt aus Berlin, das verspricht sein Name ja irgendwie schon. Abgesehen davon ist er Gründer von Live From Earth, einem Konstrukt, von dem niemand so wirklich weiß, was es eigentlich ist. Bekanntester Fakt ist wohl, dass der Wiener Rapper Yung Hurn  irgendwas damit zu tun hat. Vor einem französischen Cafe in Schöneberg habe ich mich mit Max unterhalten – über die Frage, was denn Live from Earth jetzt eigentlich ist, seinen Wiener Schützling und natürlich das Berliner Nachtleben.

 

Wie ist Live From Earth (LFE) entstanden? 

LFE ist vor ungefähr zwei Jahren entstanden. Das ständige Nichtstun hat irgendwann so gelangweilt, dass ich einfach etwas machen musste. Sonst wäre ich total versackt. Ich habe dann angefangen, für MC Bomber Videos zu drehen, den kannte ich über Elias. Nach den ersten Videos sind dann Elias und Lorenz mit eingestiegen, wir sind also zu dritt. Bevor ich mit LFE angefangen habe, hatte ich für eine Nachrichtenagentur als Videojournalist gearbeitet und gemerkt, dass ich keinen Bock auf Hierarchieren, Autoritätspersonen und Vorgesetzte habe. Jetzt mache ich mein eigenes Ding und kann machen was ich will. Niemand kommt zu mir uns sagt: Das kannst du nicht machen, so kannst du nicht reden, mach bitte dies, mach bitte jenes, halts Maul – all das gibt es für mich nicht mehr. Abgesehen davon habe mich schon immer für Musik interessiert. Hier in Berlin wird man quasi hineingeboren in dieses Techno-Ding. Irgendwann habe ich gemerkt: Musik ist das, womit ich mich beschäftigen will und dafür sollte ich aufhören, alte Sachen zu hören und anfangen, mich nur noch mit dem Hier und Jetzt zu beschäftigen, mit zeitgenössischer Musik. Ich habe dann viele Sachen aus Amerika gehört und so auch Goth Money Records kennengelernt und Yung Lean. Dessen Erfolg hat dann auch gezeigt, dass diese Art von Musik in Europa angekommen ist. Irgendwann haben mir die Them Dedis (rip) diesen Track von Young Krillin gezeigt, Harakiri Pt. 3. Der war für mich sehr ausschlaggebend: Der Beat, das Video, das war alles super. Ich habe dann Young Krillin angeschrieben und ihn gefragt, ob er Lust hast, mit uns zusammenzuarbeiten. Er hatte Bock und wir sind zu ihm nach Salzburg und haben zu Songs von ihm Videos gedreht. Auf einem von den Songs war ein Feature von Yung Hurn dabei, so haben wir ihn kennengelernt. Der Rest ist Geschichte.

Ihr produziert Videos, managed Musiker, veranstaltet Parties und Konzerte und verkauft Klamotten. Wie wichtig ist diese Präsenz in allen möglichen Bereichen für ein kreatives Unternehmen heute? 

Der Grundgedanke von LFE war schon immer eher der einer Institution oder Gesellschaft. Mir fällt es schwer, das, was wir machen, irgendwie einzuordnen. Ich werde natürlich oft gefragt, was wir eigentlich sind und die Leute wollen einen etablierten Begriff wie Label, Produktionsfirma oder Booking Agency hören. Ich sage dann immer: Wir sind nichts davon. Oft kommt die Frage auf, wann denn Merchandise von Yung Hurn kommt. Für uns sind Klamotten, die wir machen aber gar kein Merch, für uns ist das Mode. Außerdem sind wir kein Hiphop-Label und lehnen auch fast alle Interviews in diesem Bereich ab, eben weil wir uns nicht einordnen lassen wollen. Die Bezeichnung, die uns am nächsten kommt, ist Künstlerkollektiv. Ob die Präsenz in verschiedenen Bereichen wichtig ist, weiß ich nicht. Jeder kann machen was er will. Für uns funktioniert es aber sehr gut und es macht Spaß.

Ihr geht demnächst mit Yung Hurn und Rin auf Tour. Die Tour heißt „Offline“. Warum?

Das ist eine gute Frage, weil das ja genau das Gegenteil von uns ist. Auch bei der Tour werden wir wahrscheinlich überall WLAN haben und die ganze Zeit im Internet rumhängen. Aber theoretisch sind wir im Auto und fahren einmal durch Deutschland und für die Leute, die zur Tour kommen, ist das ja auch ein Offline-Erlebnis. Es war ursprünglich angedacht, die Handys von den Zuschauern abzukleben, damit niemand Fotos und Videos machen kann. Am Ende werden wir das wohl nicht umsetzen, weil die Leute dann wahrscheinlich ausrasten würden, so richtig ausrasten. Vielleicht machen wir es, vielleicht auch nicht – da kann man sich überraschen lassen.

Videos und Grafiken sind bei euch immer von höchster Qualität und sehr aufwändig. Warum ist euch das so wichtig?

Die meisten Flyer für Parties und auch für die Tour werden von Unfun aus Nürnberg gemacht. Das Design ist Sprache, Ausdrucksform und Stilmittel und deshalb für uns eines eines der wichtigsten Dinge. Am Design sollte man nie sparen. Wir drucken auch gerne Poster von den Parties aus und hängen die uns dann auch auf. Sowas Großes, Haptisches, das ist einfach cool.

Ist LFE das erste Post Internet-Unternehmen in Deutschland?

Vielleicht kann man das so sagen, ja. Das Internet hat mich sehr geprägt, ich bin ihm sehr verbunden. Sehr viel Inspiration kommt aus dem Internet. Das ist auch ein Grund, warum das mit Yung Hurn so gut harmoniert und fast schon eine Symbiose ist: Bei ihm ist das ähnlich, er feiert das Internet auch sehr hart. Es gibt sicher auch andere Unternehmen, die davon sehr geprägt werden, Grafiker, die vielleicht schon länger mit diesem Stil arbeiten. Aber die Freiheiten, die wir haben, sind schon einzigartig. Nur selten wird man eingeschränkt, wie im Fall von dem Video zu „Fick die Polizei“, das von YouTube gesperrt wurde. Das ist natürlich hart und ein Eingriff in die künstlerische Freiheit. Das hat uns sehr aufgeregt, das ist ja Zensur. Aber letztendlich sind wir natürlich gezwungen, das mit YouTube fortzusetzen.

Verändert sich die Partylandschaft in Berlin momentan?

Ja, sehr. Es ist echt hart geworden, früher war es cooler. Man weiß gar nicht mehr so richtig, wo man feiern gehen soll. Wir sind hier alle aufgewachsen und praktizieren das Weggehen schon seit über zehn Jahren. Irgendwann ist man einfach gelangweilt davon. Es gibt zwar immer noch gute Locations, zum Beispiel das OHM oder das St. Georg. Auch die Leute vom Tresor sind sich treu geblieben. Aber wie sich hier in Berlin die Clublandschaft verändert ist schon mit Besorgnis zu betrachten. Es kommen eben immer mehr Touristen nach Berlin und viele Clubs sehen dann eben nur das schnelle Geld. Die Bar25 war früher sehr geil, das letzte Jahr dort waren einfach nicht mehr gut. Der Partystrich am Schlesi, wo eine Holzhütte neben der anderen gebaut wird und jetzt auch noch Adidas ein Sportzentrum hingeklatscht hat, ist ganz schrecklich, von Revaler Straßen Karneval ganz zu schweigen. Der Charme geht einfach komplett verloren. Aber man sollte nicht zu pessimistisch sein und lieber selber einen Club aufmachen. Und es gibt schon immer noch viele Möglichkeiten. Es ist weiterhin sehr einfach, in Berlin eine Party zu veranstalten. Es kommen auch neue Sachen auf, es gibt immer mehr Hiphop und sehr moderne Sachen wie TRADE. An dieser Stelle muss man auch Tim erwähnen, der hier in Berlin und vielleicht auch in Deutschland einer der ersten war, der solche Sachen wie Soulection in die Stadt gebracht hat. Gemeinsam mit ihm machen wir auch Temp Affairs. Ich bin gespannt, wie sich das alles in den nächsten Jahren entwickelt.

Was braucht es für eine gute Party? 

Gute Musik, eine gute Location, guten Sound, ein gutes Line Up, ein ansprechendes Artwork. Und das Publikum ist natürlich auch wichtig. Eine Partyreihe, die ich sehr gut fand, war der Broken Hearts Club. Die hatten immer ein cooles Motto, bei dem alle Leute mitgemacht haben. Das Artwork war immer gut und der Flyer auf dicker Pappe gedruckt. Die Location wurde oft gewechselt, das war einfach ein sehr starkes Konzept.

Wie wichtig sind Rauschmittel dabei?

Das kann jeder machen wie er will. Das wird auf jeden Fall geduldet. Uncool wird es dann mit GHB-Tropfen und ob Heroin und Crack im Club sein müssen, weiß ich auch nicht. Aber ich habe nichts dagegen, dass Drogen auf den Parties stattfinden. Die Veranstaltungen sind auf jeden Fall ab 18 und das Publikum ist auch eigentlich ein bisschen älter. Cool wären Prüfstellen für Teile im Club, an denen man auf Reinheit testen kann. Das gibt es ja in den Niederlanden. Das wäre witzig. Ich kenne aber viele Leute, die ohne Drogen feiern können, ich selber kann das auch. Die Musik selber ist meist schon Droge genug. Aber klar: Ich war noch nie auf einer Party, auf der ich nicht wenigstens ein Bier getrunken oder eine Zigarette geraucht habe.

 

Das Gespräch führte David Jenal.

Category: Special

Tags: Live From Earth, Max Kreuzberger, Party People

Von: David Jenal

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