Party People: Benjamin und Simon Kaiser, TRADE

Weil wir nicht die Einzigen sind, die in Berlin hin und wieder große, gute oder sonst irgendwie tolle Parties veranstalten, rückt diese kleine Serie Menschen in den Mittelpunkt, die, ausgehend vom Kern des Nachtlebens, der Musik, das Medium „Party“ weiterdenken, voranbringen und Neues ausprobieren – auf höchstem Niveau. Noch dazu haben sie alle über den Kater am nächsten Morgen hinaus etwas zu bieten und zu sagen. Wirklich kennen tut sie trotzdem kaum jemand. Zu Unrecht, wie wir finden.

Die Parties, die Benjamin und Simon Kaiser unter dem Namen TRADE veranstalten, sind, ja, was eigentlich? Für die Musik, die bei ihren Veranstaltungen gespielt wird, gibt es noch keinen Namen, das Publikum ist nur schwer definierbar und die Artworks Post Internet-Ästhetik in ihrer billig-schönsten Form geben auch nicht so richtig Aufschluss darüber, was die Gebrüder Kaiser eigentlich im Schilde führen. Fest steht, dass es weltweit untereinander gut vernetzte Auswüchse der Strömung gibt und das alles immer größer wird. Wir wollen natürlich unbedingt wissen, wie die Bewegung eigentlich heißt. Höchste Zeit, uns mit ihnen zu unterhalten – im Dandy Diner natürlich, erst auf ein, dann auf zwei, drei und schließlich vier Heineken, was das Ganze erst einfacher und dann doch erheblich schwerer gestaltet hat. Geschafft haben wir es trotzdem.

 

Was ist TRADE überhaupt? 

TRADE ist für uns eine kleine Community. Es hat als Party angefangen, aber mittlerweile gibt es verschiedene Möglichkeiten, in die wir gehen können. Wir machen das  jetzt seit einem Jahr und es hat sich alles wesentlich schneller entwickelt als wir erwartet haben. Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem wir uns entscheiden müssen, wie es weitergeht und was man unter TRADE versteht. Der Gedanke einer Community oder eines Kollektivs steht aber weiterhin im Vordergrund.

Die nächste, mindestens genauso wichtige Frage: Wie heißt die Musik, das Genre, das auf euren Parties gespielt wird? 

Das ist die schlimmste Frage. Es ist einfach schwierig, das zu definieren. Darüber sind wir auch froh und das macht es interessant. Es ist experimentelle Clubmusik, die von verschiedenen Genres beeinflusst wird: Das können Grime, R&B und Hiphop sein, auch Popmusik spielt eine große Rolle. Das liegt, daran, dass sich weltweit alles ein bisschen wegbewegt von diesem Mainstream-Hass. Mainstream und Popmusik wird bei uns in einen neuen Kontext gestellt und funktioniert auch so. Es gab eine Welle von Leuten, die auf ironische Art damit umgegangen sind, das ist letztendlich aber doch ernster geworden, weil die Leute gemerkt haben: Popmusik macht Spaß, ist einfach und verbindet. Wir sind froh, dass das so ist. So oder so ist die Musik, die bei uns gespielt wird, sehr technologiebeeinflusst.

Könnt ihr euer Publikum beschreiben?

Es sind immer viele Freunde da, so hat es natürlich auch angefangen. Man sieht immer wieder die gleichen Leute, was nicht heißt, dass das ein geschlossener Kreis ist. Wenn jemand zweimal kommt, gehört er plötzlich auch dazu.

Welche Rolle spielt Mode für euch und auf euren Parties?

Es gibt auf jeden Fall besondere Outfits bei uns, aber es steht nicht im Vordergrund. Die Leute ziehen sich die Sachen an, in denen sie sich wohlfühlen. Das kann dann letztlich trotzdem sehr modisch sein, aber einen direkten Bezug von TRADE zur Mode gibt es nicht.

Wird es in 10 Jahren einen Namen für die Szene geben?

Ob es in 10 Jahren einen Begriff dafür gibt, ist unklar. Wir sprechen zwar die ganze Zeit von einer Szene, aber eigentlich ist das einfach nur eine Momentaufnahme und kein statisches Konstrukt wie bei anderen Szenen und Genres, die ganz klar auf einem gewissen Sound basieren. Bei uns sind eine stetige Evolution und ein so großes Spektrum an Einflüssen und Genres da. Das macht es schwer, das irgendwie festzusetzen.

Welche Rolle spielen Kopie und Original in der Szene? 

Es gibt eine grundsätzliche Offenheit fürs Kopieren, oder, sagen wir vielleicht lieber Zitieren, Kopieren ist ja schon sehr negativ konnotiert. Momentan wird viel darüber gesprochen, dass man sich bewusst sein sollte, wen man zitiert, woher das kommt und was das für Wurzeln hat. Das sollte man offen kommunizieren. Klare Regeln dafür zu finden ist schwierig, aber es entsteht gerade ein grundsätzlicher Verhaltenskodex.

Wie verändert sich die Partylandschaft in Berlin momentan? 

Vor drei bis fünf Jahren war es in der Szene wesentlich schwieriger, eine Party zu machen. Wir hatten großes Glück, gleich bei unserer ersten Party war der Laden voll. Im Vergleich zu anderen Städten haben wir hier auch den großen Vorteil, dass es einfach sehr günstig ist, eine Party zu veranstalten. Wir haben kürzlich mit einem Veranstalter aus Kopenhagen gesprochen, die zahlen dort das Zehnfache an Miete. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum die Szene hier, verglichen mit anderen Städten, relativ groß ist und es oft Parties gibt. Beim Bala Club in London sind die Leute froh, wenn da einmal im Monat eine Party stattfindet.

Wie wichtig sind Drogen bei euren Parties? 

Leute nehmen schon Drogen, aber es ist bei weitem nicht so drogenlastig wie Techno-Parties. Es gibt viele Leute, die bei TRADE-Parties komplett nüchtern sind. Bei uns gibt es die Leute die viel nehmen, es gibt Leute die wenig nehmen und manche nehmen gar nicht, aber es spielt keine Rolle. Gespräche über Drogen sind nicht unbedingt das interessanteste Gesprächsthema, Drogentalks sind das Nervigste. Das gibt es bei uns kaum.

 

Also: Einen Namen gibt es weiterhin nicht, und das erscheint nur logisch aufgrund dieser hochgradig und im besten Sinne eklektischen Szene, die ja vielleicht gar keine ist sondern nur eine momentane Ansammlung von Gleichgesinnten ist. So kann sich jetzt jeder einfach selber einen Namen ausdenken. Dabei hilft mit Sicherheit diese Playlist, die Simon und Benjamin eigens für diesen Artikel zusammengestellt haben. Noch hilfreicher dürfte nur ein Besuch beim einjährigen Jubiläum von TRADE sein, was rein zufällig morgen stattfindet, und zwar ab 21:00 im OHM. Ich gratuliere schon jetzt, bedanke mich für das Gespräch und die Playlist und hoffe natürlich auf baldige Namensfindung.

Category: News

Tags: Party People, TRADE

Von: David Jenal

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