Kenzo: Mode wird uns alle überleben

Seien wir mal ehrlich, Avantgardisten sind meistens Spinner. Salvador Dalí fand Inspiration in Sigmund Freuds Psychoanalysen, hätte aber auch gut sein Patient sein können. Le Corbusier liebäugelte mit futuristischer Architektur genauso wie mit Adolf Hitlers Fantasien von der Neugestaltung Europas und viele andere Wegbereiter jagten sich eine Kugel durch den Kopf, bevor sie überhaupt zu Ruhm kommen konnten. Insofern war ich recht angespannt, als ich letzte Woche im Prager Hotel Mandarin Oriental auf den Uravantgardisten der Modewelt, den japanischen Designer Kenzo Takada wartete. Ich befürchtete die nächsten 45 Minuten mit einem drogensüchtigen, Absinth trinkenden Höllenjapaner verbringen zu müssen, den ich während unseres Gespräches öfters vom Selbstmord bewahren muss, als Courtney Love Kurt Cobain in deren zweijährigen Ehe wiederbeleben musste. Umso größer war meine Erleichterung als ein ruhiger kleiner Mann im Dior Anzug die Hotellobby betrat, sich neben mich setzte und mit leiser Stimme über Facebook, Emos und den Tod der Couture redet.

Foto: Petr Matecjek; Kenzo Takada

Die Modekritikerin Suzy Menkes hat mir letztens in Paris verraten, dass sie ein sehr positiver Mensch sind, aber nur, wenn sie gut geschlafen haben. Wie haben sie denn auf heute geschlafen?

Kenzo (lacht): Suzy weiß, dass ich auch kompliziert sein kann. Ich habe zwar eine leichte Erkältung und die ganze letzte Woche im Bett verbracht. Heute fühle ich mich aber schon besser. Die Leser von Dandydiary werden also einen hundertprozentigen Kenzo bekommen.

Schön! Zu unserem letzten Treffen konnten sie nicht erscheinen, da ein Vulkan auf Island den internationalen Flugverkehr lahmlegte. Die Mode sollte auch immer den Geist der Zeit widerspiegeln. Ist es aber noch möglich, etwas so komplexes, wie die heutige Welt zu reflektieren?

Wissen sie, es gibt immer mehr Probleme auf diesem Planeten – Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen, Kriege. Ich denke nicht, dass uns die Kleidung Tag und Nacht daran erinnern sollte, wie weit wir es getrieben haben. Mehr denn je brauchen wir heute Freude und Tröstung und gerade die sollte uns die Mode bieten.

Ich werde sie also wahrscheinlich nicht für die düster New Grave Welle oder die Emo Subkultur begeistern können, die Deutschland gerade befallen haben, wie der Schwarze Tod einst das Mittelalter?

Auf gar keinen Fall! Für die dunklen Augenblicke sorgt das Leben doch selbst. Die Mode sollte ausschließlich für die hellen Momente in unserem Leben zuständig sein.

Im Jahr 1970 feierten sie ihr Debüt auf den Laufstegen dieser Welt. Dieses Jahr begießen Sie ihr 40. Jubiläum, genau wie das Internet. Wie sehr hat das neue Medium die Mode verändert?

Ist es wirklich schon so lange her? In den letzten Jahren hat sich in dieser Hinsicht einiges getan. Nicht nur in der Welt der Mode. Auch der Alltag wäre ohne das Internet unvorstellbar. Ich bin technisch unbegabt, versuche mich dem Internet aber schon seit zehn Jahren zu nähern. Muss aber zugeben, dass ich in dieser Richtung kein sehr hohes Niveau erreicht habe. Mein Assistent ist aber immer dabei und der ist in dieser Hinsicht viel geschickter.

Was halten sie eigentlich von den unzähligen Modeblogs im Web. Wo entsteht die Mode heute eigentlich, auf dem Laufsteg, auf der Straße oder im Internet?

Früher wurde die Mode ausschließlich auf den internationalen Laufstegen geboren. Dank Yves Saint Lautent haben wir in den Sechzigern begonnen auch das Geschehen auf den Straßen zu verfolgen. Heute ist das Internet dazugekommen. Wie sie schon zu Beginn sagten, die Welt ist heute sehr komplex und Mode ist genauso komplex geworden. Sie muss – egal ob sie will oder nicht – mit der Zeit gehen, sie ist mit einer unsichtbaren Fessel an sie gebunden. Mode entsteht heute überall, da man überall Inspiration finden kann. Jemand inspiriert sich auf der Straße, ein Anderer auf Modeblogs und wieder ein Anderer in seinen Träumen. Sie haben aber recht, dass sich durch das Internet vieles geändert hat. Heute findet man dort alle Fashionshows das wäre früher undenkbar gewesen. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden nur einige auserwählte Fotografen zu Schauen eingeladen, damit Fotos von den Kreation nicht an die breite Masse gelangen. Im Internet findet man aber nicht nur Ideen, man kann sich dort auch realisieren. Früher hatten wir diese Möglichkeiten nicht. Ich bin mir aber nicht sicher, wann ich glücklicher war.

Der Amerikaner Oscar de la Renta hat – als einer der ersten Modeschöpfer überhaupt –seine Kollektion live auf Facebook vorgestellt. 500 Millionen User konnten teilhaben. Bedeutet das das Ende der Couture als Attraktion einer geschlossenen Gesellschaft?

Ich glaube, dass die spektakulären Schauen in Paris, Mailand, New York und London ein unverzichtbarer Bestandteil der Modewelt sind, genauso wie eine Prise Elitarismus. Wenn wir alles im Internet veröffentlichen untergraben wir damit doch nur unsere eigene Position. Seit jeher wird der Couture der Tod vorhergesagt, sie wird uns aber alle überleben.

Sie sind der europäischste der Japaner, die in den siebziger und achtziger Jahren die Welt der Mode revolutionierten. Wie kommt es, dass sich ihr Stil so deutlich von Rei Kawakubo, Yohji Yamamoto und Issey Miyake unterscheidet und was hatten sie gemeinsam – womit habt ihr gemeinsam Europa erobert?

Ich war der erste Japaner, der nach Paris kam. Issey kam zwei Jahre nach mir. Die Kleidung meiner japanischen Kollegen war viel konzeptueller. Sie nutzten die japanischen Fundamente viel mehr und blieben immer den Wurzeln unserer Kultur treu. Ich hingegen vermischte die östliche und westliche Kultur miteinander. Den japanischen Stil habe ich mit dem gemixt, was gerade in Paris in war. Japanische Kimonos prallten bei mir auf klassische Herrenanzüge, der Geisha-Look auf die Flapper Girls der Zwanziger.

Für japanische Modeschöpfer waren sie also so etwas wie die Brücke nach Europa?

Genau! Den Japanern öffnete ich die Türen nach Europa und den Europäern half ich, die japanische Mode zu verstehen. Als ich 1965 nach Paris kam, gab es dort für einen asiatischen Designer keine Karrieremöglichkeiten. Japaner und Mode – undenkbar. Meinen Erfolg verdanke ich hauptsächlich der internationalen Presse. Modejournalisten wie sie verstanden meine Mode und machten sie der ganzen Welt zugänglich.

Wieso war es damals so schwer für Japaner?

Ganz einfach. In Japan gab es keine Mode und in Frankreich keine Japaner. Außerdem dachte jeder, wir seien nach Paris gekommen, nur um alles zu kopieren. Zum Glück kam es in den Siebzigern zu einem Bruch und die großen Modehäuser fingen krampfhaft an, nach japanischen Talenten zu suchen. In Europa sagt man, wer zuletzt lacht, lacht am besten, ich lache bis heute.

Virtuelle Modeschauen, Kleidung direkt auf den Körper projiziert, wo sehen sie die Zukunft der Mode?

Mir kommen die meisten Schauen heute sehr extrem vor. Manchmal wundert es mich, dass die Leute das überhaupt kaufen. Ich bin aber von Gestern, das heutige Publikum mag, was gezeigt wird.

Haben sie dann heute überhaupt noch einen Lieblingsdesigner?

Yves Saint Laurent war mein großes Idol. Heute ist es der israelische Modeschöpfer Alber Elbaz. Ich bewundere die Art, mit der er das Haus Lanvin wiederbelebt hat.

Category: Interview

Tags: Alber Elbaz, Issey Miyaki, Japanische Avantgarde, Kenzo, Kenzo Takada

Von: petr

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