Mode ist grässlich, Stil unsterblich

Das ABC eines Gentleman spricht klar: Zu den wesentlichen Attributen, mit denen sich ein feiner Herr ausstattet, gehört in erster Linie immer der Maßanzug. Er ist und bleibt das Symbol für feinsten Geschmack und größte Schneiderkunst. Ein Attribut von solcher Wichtigkeit darf auch an Dandy Diary nicht vorbeigehen, ohne gebührend gewürdigt zu werden. Und so brach ich vor einigen Wochen nach Wien auf, um einen der ältesten mitteleuropäischen Herrenschneider zu besuchen. Bei Knize erklärte mir der Chef persönlich, wieso er die heutige Mode hasst. Der fünfundsiebzigjährige Rudolf Niedersüß sprach aber auch über das Internet, in dem er keine Konkurrenz sieht; über Anzüge für 6000 Euro; und über Helmut Lang und Tom Ford, die sowieso keine Ahnung haben.

Foto: Petr Matecjek; Rudolf Niedersüß

Lieber Herr Niedersüß, die Anzüge von Kniže machen seit über 150 Jahren aus Königen, Politikern und sogar aus Schauspielern perfekte Gentleman. Was aber macht aus einem Anzug einen perfekten Anzug?

Wenn es um einen Maßanzug geht, dann ist das Wichtigste, dass so viel mit Hand genäht wird wie nur möglich und man darf keinen einzigen Stich auslassen. Nur das garantiert eine langjährige Beständigkeit. Hinzu kommt der Knize-Schnitt: eine weich fallende, also nicht gepolsterte Schulter, ein eng am Hals liegender Kragen, ein nicht zu großes Armloch und ein schlanker Arm, der nicht zu lang ist.

Wo bekomme ich den besten Anzug, muss ich wirklich bis nach Italien oder England?

Wir lassen unsere komplette Konfektionslinie in Italien produzieren. Natürlich, sie kriegen den Anzug überall billiger gefertigt, aber nirgendwo mehr so hochwertig wie in Italien. Die Maßschneiderei ist zwar immer noch unsere Priorität, aber ohne Konfektion könnten wir heute nicht mehr überleben. Neben unserer eigenen Konfektion verkaufen wir auch noch Brioni und Kiton. Auch ihre Linie wird aber vorher dem spezifischen Knize-Schnitt angepasst. So kompromissbereit sind die. Die Italiener sind von Natur aus eher kleinwüchsig und lieben deswegen breite und  mit Watte ausgestopfte Schultern. Unsere Linie ist aber eher bequem und betont die Taille.

Foto: Petr Matecjek; Knize Geschäft

Brioni hat früher auch James Bond eingekleidet. Heute rettet 007 die Welt in den Anziehsachen des New Yorkers Tom Ford. Konkurrenz aus dem Big Apple?

Tom Ford ist keine Konkurrenz für uns. Diese – in Anführungszeichen – Designer machen teure Anzüge in schlechter Qualität. Heute existiert nur noch eine Handvoll Leute, die es noch verstehen einen qualitativ hochwertigen Anzug zu fertigen – Brioni, Kiton, Antolini, zum Beispiel. Aber das ganze Zeug von Versace, das sind doch billigst genähte Anzüge, wo man nur für den Namen zahlt. Heiße Luft ist das. Der Tom Ford hat doch keine große Ahnung von Schneiderei oder dergleichen. Einmal kam Helmut Lang zu uns zu Besuch. Er wollte, dass ich ihm und seinen Studenten erzähle, was und im Hause Kniže wichtig ist. Er hat sich alles genau angesehen und dann für seine Linie kopiert. Die mischen nur irgendwelche Sachen zusammen und das ist dann die große neue Kollektion.

Von Mode halten sie nicht viel…

Von der jetzigen Mode halte ich wenig. Es gibt keinen Stil mehr, nur noch ein furchtbares Durcheinander. Das, was auf den Laufstegen dieser Welt passiert ist einfach nur grässlich.

Sie können es sich aber wahrscheinlich nicht leisten, die Mode völlig zu ignorieren?

Nein, wir müssen den Circus verfolgen, schauen wohin die Mode tendiert. Wir können ja nicht ganz im Abseits stehen – breite Hosen anbieten, wenn man sie gerad schmäler trägt. Wir machen das aber nie extrem. Unsere Schneider sehen es den Anzügen an, aus welcher Zeit sie stammen, der Kunde oft nicht. Und außerdem, gehört es zur Politik unseres Hauses, dass, wenn ein Kunde mal seinen Stil gefunden hat, wir sowieso gar nichts mehr ändern. Wie man seinen persönlichen Stil findet? Man muss sich überwinden und die Mode ignorieren. Ich gebe zu, dass das in der heutigen Zeit nicht gerade einfach ist, aber es lohnt sich. Stil ist nämlich, im Gegensatz zur Mode, unsterblich. Ihn zu finden ist aber ein langwieriger Prozess. Wir begleiten unseren Kunden oft vom ersten Anzug an bis zum Leichentuch.

Apropos Leichentuch, wie kommt Ihre Branche eigentlich mit dem Internet klar?

Ich sehe das Internet nicht als einen Feind der Maßanzüge, genauso, wie ich die Konfektion nicht als Feind der Maßanzüge wahrnehme. Wenn man gute Arbeit macht, dann kann man davon auch gut leben. Es wird immer Kunden geben, die etwas Besseres suchen, die Exklusivität lieben. Das Internet ist also nicht das Problem. Das Problem beginnt, wenn Maßschneider anfangen der Konfektion Konkurrenz machen zu wollen, wenn sie genauso billig sein wollen. Zu niedrigen Preisen führt nämlich nur ein Weg, schlechte Arbeit. Miserable Arbeit ist das wahre Totentuch der Maßschneidere. Heute gibt es Konfektion, die ist schon so gut, dass wenn sie nicht wirklich ein Meister ihres Faches sind, sie mit Hand kaum einen besseren Anzug hinbekommen. Manchmal frage ich mich, wieso wir uns bei Kniže eigentlich immer noch so viel Mühe geben. Fakt ist aber, dass ein Maßanzug ruhig einige Generationen überdauern kann, ohne, dass er seine Form verändert. Heute macht Maßarbeit nur dann Sinn, wenn man alles mit Hand macht. Dann können sie sich aber nicht wundern, dass ein Kniže Maßanzug 6000 Euro kostet und sie drei Monate auf ihn warten müssen, während sie einen Anzug von Brioni sofort für die Hälfte bekommen.

Aber nicht einmal die horrenden Summen konnten den Maßanzug an einem großen Comeback hindern.

Ich sehe das nicht ganz so positiv wie sie. Die Nachfrage wäre vorhanden, es gibt aber nicht genug qualifizierte Arbeitskräfte. Im Grunde kann man sagen, dass unser Handwerk kurz vor dem Aussterben ist.

Es gibt doch so tolle junge Schneider wie Ozwald Boateng?

Ach, das sind alles Schneider, die unbedingt populär sein wollen und deswegen die ganzen Trends von der Konfektion übernehmen. Die sind aber auch eher von der billigen Sorte. Und ich bin kein großer Fan der billigen Sorte. Wir arbeiten viel mit Polen zusammen, die wissen noch was gute Handarbeit ist. In letzter Zeit muss sogar auch ich wieder öfters zur Nadel greifen. Es gibt niemanden, der mich ersetzen könnte.

Category: Interview

Tags: Anzug, Gentleman, Helmut Lang, Knize, Maßschneiderei, Rudolf Niedersüß

Von: petr

Instagram