Mein erstes Mal: Pressevorführung eines Hollywood-Films

Ich war einigermaßen aufgeregt, wie das halt so ist, beim ersten Mal. Und dies war meine erste Teilnahme an der Pressevorführung eines Hollywoodfilms.

Vor einigen Tagen hatte ich recht unvermittelt eine Einladung per E-Mail bekommen und ohne groß nachzudenken zugesagt.

Aufgeregt lief ich also zügigen Schrittes durch das windige Berlin des noch frühen Jahres 2018 und stand pünktlich um 12.30 Uhr vor der menschenleeren Eingangshalle des Cinestar Kinos im Sony Center am Potsdamer Platz. Noch bevor ich mich fragen konnte, ob ich wohl zu spät gewesen war, kam mir der ehemalige MTV-Moderator und heutige YouTube-Filmkritiker Patrice Bouedibela noch zügigeren Schrittes entgegen, sodass ich mich nur mit größter Mühe in seinen Windschatten hängen konnte, während er mir den Unterschied zwischen den beiden großen Kinoketten Cinestar und CinemaxX erklärte, den ich mir bei dem Tempo allerdings nur wenigste Sekunden zu merken vermochte.

Meine erste Lektion hatte ich also schonmal vergeigt, war nun aber zumindest im richtigen Kino, das sich ebenfalls im Sony Center am Potsdamer Platz befand.

In der Eingangshalle stand ein einzelner Sicherheitsmann rum, der uns „rauf in die sechs“ schickte, in den Kinosaal mit der Nummer sechs im ersten Stock des Gebäudes. Ich folgte Patrice die Treppe hinauf bis hin zu einem hektischen Mann an einem Stehtisch, der mit drei Zetteln hantierte, in die jeder Gast seinen Namen eintragen sollte, wie man es früher machen musste, in der Universität, um seine Anwesenheit zu bestätigen, ohne die man am Semesterende die Klausur nicht hätte schreiben dürfen. Ich trug mich ein und wurde eilig weitergebeten, Platz frei machen, für den nächsten Filmkritiker, der sich eintragen sollte. Ob ich eingeladen war, fragte mich niemand. Meinen Ausweis wollte auch keiner sehen.

Der Popcorn- und Getränke-Counter hatte um diese sehr frühe Kinozeit noch nicht geöffnet und so schien es auch kein größeres Problem, dass mancher Kritiker sich wie selbstverständlich seine eigene Verpflegung mitgebracht hatte, die meisten nur etwas zu trinken, einen Kaffee im Pappbecher etwa, ein Wasser oder eine Coca Cola in der großen 1,5 Liter Flasche, manche jedoch auch ein unterarmlanges Sandwich, reich belegt mit Salami und Käse.

Ich hatte mich im Vorfeld noch gefragt, ob nicht eventuell sogar Kaffee gereicht würde und kleine Blöcke mit Bleistiften, wie bei einer Pressekonferenz, oder ob es Popcorn geben würde, wie bei einer Kinopremiere, wenn die Schauspielstars anwesend sind und ihre Familien und alle den neuen Film feiern, mit Reden, einer Vorstellung aller Mitwirkenden und anschließendem Applaus. Hier gab es jedoch: nichts.

Freie Platzwahl.

Meine Sitznachbarin, eine unauffällige Dame um die Mitte dreißig, hatte sich ihren eigenen Schreibblock mitgebracht und auch einen Bleistift. Ganz falsch hatte ich also nicht gelegen, mit meinem Bild vom Filmkritiker.

Natürlich hatte ich mir auch sehr genau überlegt, was ich anziehen würde, und mich dann für den universellen Klassiker entschieden: einen schwarzen Rollkragenpullover. Damit macht man bekanntlich nie was falsch, nicht auf einer Beerdigung, nicht in einer Disko, nirgendwo – und ganz sicher nicht unter Filmkritikern, die doch bestimmt alle schwarze Rollkragenpullover tragen würden.

Damit lag ich falsch.

Die hier anwesenden Filmkritiker waren auffällig nachlässig gekleidet. Viele trugen längere, ungekämmte Haare, Wollpullover und bequeme Schuhe, und wüsste man nicht, dass sie Filmkritiker sind, würde man sie wohl für Sozialkunde-Lehrer halten, für Streetworker alten Schlags, also bevor man damit begonnen hatte, ehemals Straffällige anzuwerben, oder schlicht für Grünen-Wähler der allerersten Stunde. In jedem Fall wirkten sie etwas aus der Zeit gefallen, wie vielleicht der Kinofilm im Allgemeinen oder auch die Filmkritik im Besonderen, in Zeiten, in denen die Trailer doch den Film schon vorab detailgenau zeigen und auch in Zeiten in denen man doch eigentlich nur noch fürs Popcorn ins Kino geht und sonst lieber zu Hause bleibt, wo Netflix läuft oder YouTube.

Kurz lauschte ich noch dem Monolog eines Kritikers über „Dolby Athmos“, den neuesten Stand der Tontechnik in Kinos. Der Film würde nun nicht mehr nur von vorne und hinten und von der Seite, sondern auch von oben kommen; ein ganz neues Kinoerlebnis.

In Kinosaal 6 wäre das allerdings noch nicht der Fall.

Etwa zwei Stunden und zwei Minuten würde der Film laufen, sagte mir einer der Organisatoren, die meinen Ausweis nicht geprüft hatten, ganz genau wisse er es aber leider auch nicht, es täte ihm leid. Und dann wurde es dunkel und der Film fing an, ohne Werbung vorab, ohne einen Eisverkäufer und ohne, wie ich eigentlich gehofft hatte, einführende Worte eines PR-Profis, der uns nochmal den Wert des Films einbläuen würde und uns ermahnen, die Handys auszumachen und vielleicht auch mit einem Hinweis schließen würde, dass raubkopieren verboten sei.

Aber hier raubkopierte ohnehin niemand, zumindest sah ich es nicht.

Ich sah allerdings Robert Hoffmann, den YouTube-Filmkritiker, dem das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung zu Weihnachten ein langes Porträt gewidmet hatte. Ein Star der Szene, mit hunderttausenden Klicks auf seinen Kritiken.

Der Film lief exakt zwei Stunden und zwei Minuten. Er basiert auf der wahren Geschichte der Washington Post, die während der Nixon-Ära Geheimdokumente zum Vietnam-Krieg veröffentlicht und damit die Pressefreiheit des ganzen Landes gerettet hatte. Es war ein solider Spielberg-Film dachte ich, graues Starkino mit Meryl Streep und Tom Hanks, etwas matt herunter erzählt und letztlich vor allem eine wenig ambivalente Geschichtsstunde, mit klaren Rollen. Der US-Filmverband „National Board of Review“ hatte den Film bereits 2017 zum besten Film des Jahres gekürt, am 9. Januar würde er in einer Gala in New York gefeiert werden.

Die Kritikerin, die neben mir saß, hatte sich kein einziges Wort in ihr Heftchen notiert. Auch ich hatte keine Fragen an den Film.

Wir alle blieben bis zum letzten Wort des Abspanns sitzen. Ich ging nach draußen, es war kurz vor drei und der Tag war noch hell.

Category: Mein erstes Mal

Von: Carl Jakob Haupt

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