Mein 1. Mal: Wild Wild East – VW Treffen

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Wie ich darauf kam zum Wild Wild East zu fahren? Eine Empfehlung meines Freundes Andi, einen szenenkundigen Auto-Tuner, den ich auf einem Videodreh kennenlernte, bei dem es um Sexy Car Wash ging. 

Nach Bautzen also, die Stadt, in der die AfD bei der letzen Wahl mit 29,4 Stimmen knapp vor der CDU als stärkste Kraft in den Kreistag einzog. Das Wild Wild West besteht aus Menschen, die schauen, saufen und kommentieren, und den anderen, die im aufgemotzten Auto, stolz ihre Runden drehen.

Mädels, die alle feuerrote, sprayfixierte Haare, Piercings in Lippe und Wange sowie weiße Tunnel in den Ohren tragen, halten selbst gemalte Schilder hoch, auf denen „Ratataaaaaa“ steht. Eine Aufforderung den Motor ordentlich knallen zu lassen. Auf dem Weg zu den freien Grünflächen, wo ich mein Zelt aufstellen will, beobachtete ich einen Mann, tätowiert, muskelbepackt, der etwas, Sicherheitsabstand, daher bleibt es vage,  so um die Hüfte gebunden hat,  dass es aussieht, als hätte er zwei große, baumelnde Eier. 

So stoppt der Mann tollkühn die vorbeifahrenden Autos. Seine Freunde, auf Campingstühlen sitzend, in Thor Steinar und Camp David, johlen vor Freude. Und auch ich muss schmunzeln.

Als ich dabei bin mein Zelt aufzubauen, kommt ein Kerl, oberkörperfrei, kugelrunder Bauch und Vokuhila-Perücke zu mir: „Zu welcher Truppe gehörst du?“ will er wissen und nippt an seinem Jackie Cola. Ihm zu sagen, dass ich zu keiner Truppe gehöre, allein unterwegs bin, halte ich für keine gute Idee, daher nuschel ich etwas Unverständliches. Er lässt von mir ab – dem Himmel sei Dank.

Es ist schon spät, ich nicht besonders geschickt im Zelt-Aufbau, so wird die vor Regen schützende Zelt Plane schnell, offensichtlich nicht korrekt, weil komplett schief, übergeworfen, doch das darf jetzt keine Rolle spielen. Erstmal was essen gehen: www.fressmeile.de kommentiert ein Mann, auf dessen Kopf sich ein Trilby mit Deutschland-Krempe befindet, süffisant die Food-Area, auf der es unter anderem DÖNER, Langos und Pizza gibt. Ich entscheide mich für Asia Nudeln Süß + Sauer, danach ein Radler. Auf dem Dancefloor wird „Abfahrt“ von Finch Asozial gespielt, der hier in Bautzen noch größer als Ingo ohne Flamingo ist.

Hardstyle! Shuffeln! Der DJ / Moderator wirft Scheibenwischer in die Menge. Ich gehe leer aus, zurück zum Zelt. Trotz – Höllenlärm durch Musik und den ratternden Stromerzeuger meiner Nachbarn schlafe ich überraschenderweise schnell ein. Ich werde wach, als der Wind meine Zelt Plane herunterreißt, es regnet stark, iPhone-Check: 3:35 Uhr, eine hauchzarte, transparente Schicht trennt mich jetzt nur noch von der grölenden Außenwelt.

Ich gehe raus, in Boxershorts, kämpfe mit meinem Zelt, mitten in der Nacht. Ein Mann sieht die Szene und eilt herbei: „Zu welcher Truppe gehörst du?“. Das scheint hier auf dem Wild Wild East eine durchaus relevante Frage zu sein. „Ich bin allein“ – blaffe ich zurück, zu müde, zu kraftlos, um meine Strategie weiterzuverfolgen. „Wo soll ich denn hin?! Ist doch genug Platz hier“.

„Däs is do scheisse“, so er. Ich fordere ihm auf mir zu helfen. Er dreht das Außenzelt, endlich passt es und erklärt, dass er jetzt gehen müsse, weil er viel zu besoffen sei. 

„Ich säähhe nüschts mehr“, offensichtlich immer noch mehr als ich. Meine Zelt-Nachbarn singen gemeinsam mit den Onkelz „Wir haben noch lange nicht, noch lange nicht genuuuug“. Als der Bierkapitän übernimmt, schlafe ich wieder ein.

Mannschaftsdusche, massige Körper, eindrucksvolle Tribal-Tattoos und uns alle eint ein verdammtes Problem: Die Dusche ist entweder kochend heiß oder klirrend kalt.

Ein dicker Junge, mit Hitlerbärtchen und Dynamo Dresden Fischerhut, bietet mir eine lauwarme Bratwurst an. Ich will nicht unhöflich sein, nehme daher dankend an und beiße einmal demonstrativ genussvoll ab – ohne zu schlucken – obwohl ich doch seit Jahren Vegetarier bin.

Es bleibt ein wenig Bratwurstgeschmack. Gar nicht mal so übel, denk ich, und laufe hinüber zur großen Arena, in der das Finale der Königsdisziplin BURN OUT ausgetragen wird. So lang Donuts machen, bis die Reifen platzen, bestmöglich beide zeitgleich.

Team Turboofen dominiert den Wettbewerb. Und ich hol mir einen Crêpe von einem Mann, der, seinen Augenringen nach zu urteilen, den Großteil seiner Freizeit vor dem Flatscreen verbringt. Zufälligerweise treffe ich meinen Freund Andi, der sich ernüchtert zeigt. Er sei zu alt für das WILD WILD EAST, es sei das letzte Mal für ihn.

Ich reiche seinem Freund meine Hand und stelle mich als David vor, der antwortet: „Och, Dääääävid“. Andere Besucher des Festivals nennen mich Pressefotze – ooooch, nett.

Ein Betrunkener läuft auf mich zu und zieht seine Hose runter, um mir seinen Schwanz zu zeigen. Ich zolle ihm Respekt, in dem ich anerkennend klatsche, wenig später, sehe ich ihn, im Auto, am Steuer. Einer der Ordner fordert ihn auf auszusteigen. Es kommt zu einer kurzen Diskussion, doch die Trunkenfahrt wird nicht gestoppt.

Jemand vom SONAX-Team – einem Unternehmen, das sich auf die Auto- und Lackpflege spezialisiert hat, klärt während einer kurzweiligen Verkaufsshow auf:

„Putzen tun Frauen. Wir pflegen“. Gut, mal wieder was gelernt. Nach dem letzen Song, der am frühen Sonntagmorgen gespielt wird, ich schon im Zelt liegend, stimmt das Volk an: „OST-OST-Ostdeutschland, OST-OST-Ostdeutschland“ – ganze 15 Minuten lang, danach ist dann tatsächlich mal Ruhe – kurz. 

Category: #dandydiaryspace

Tags: VW Pfingsttreffen, Wild Wild East

Von: David Kurt Karl Roth

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