Von David

Matejcek vs. Türsteher Berghain

Der traurige Charon

Illustration: Karin Bohrmann

Waren sie schon mal im Berghain? Nein? Da haben Sie aber einiges verpasst! Wie – Sie wissen nicht einmal, was das Berghain ist? Also gut, dann von vorne:

Das Berghain ist ein Techno-Club in Berlin Friedrichshain. Keine einfache Großstadt-Disse. Viel mehr ein Tempel der Unzucht, in dem jedes Wochenende sehr schnelle, von verzerrten Beats und Klängen dominierte, synthetisch produzierte Tanzmusik hunderte schwitzende Pradisvögel mit durchtrainierten, nackten Oberkörpern in Extasse versetzt. Den langen, ausschweifenden und sexuell freizügigen Partys verdankt das ehemalige Heizkraftwerk den Titel „Bester Technoclub der Welt“. Damit ein Höchstmaß an Freiheit und persönlicher Entfaltungsmöglichkeit gewährleistet wird, sind im Inneren des Gebäudes Fotos und Videoaufnahmen verboten. Aus dem gleichen Grund gibt es im gesamten Berghain auch keine Spiegel oder spiegelnden Flächen. Wenn also die „taz“ Sven Marquardt, Berghains legendären und ebenso gefürchteten Türsteher, als Hüter der Unterwelt bezeichnet, dann ist das völlig in Ordnung.

Ein bisschen sieht der Marquardt auch so aus – wie Charon der düstere, greise Fährmann aus der griechischen Mythologie, welcher die Toten für einen Obolus über den Totenfluss Styx bringt, damit sie in das dunkle Reich des Gottes Hades gelangen können. Über Sven Marquardts Gesicht windet sich ein tätowierter Stacheldraht wie eine aggressive Kobra kurz vor dem Angriff. Reißzahn-ähnliche Piercings bohren sich durch seine Ober- und Unterlippen, seine riesigen Hände werden von noch größeren Totenkopfringen geschmückt. Kurz: wenn man den bärtigen Marquardt sieht, dann versteht man, wieso Körperschmuck früher dazu diente, böse Geister abzuwimmeln. Und vielleicht möchte das Marquardt ja auch – andere abwimmeln – denn in Wirklichkeit ist er ein unglaublich höflicher Mann mit guten Manieren, einer leisen Stimme und wahnsinnig traurigen Augen. Und wenn der 47-Jährige dann noch erzählt, wie sehr es ihn gerührt hat, als ihm sein leiblicher Vater vor einigen Tagen eine SMS schrieb, in der er sich nach 30 Jahren Funkstille bei Sven für seine Fehler entschuldigte, dann möchte man den nachdenklichen Hünen am liebsten ganz fest knuddeln.

Seit vielen Jahren arbeiten Sie als Türsteher, was fasziniert Sie so an der Nacht?

Die Verwandlung der Leute, die die Zwänge des Alltags hinter sich lassen und alles vergessen wollen. Ich liebe aber auch den Sonnenaufgang danach, wenn alles wieder zum Leben erwacht. Die dunkle Seite fasziniert mich, die helle aber auch.

Wie wichtig ist es für einen Mann, seine dunklen Seiten zu erforschen?

Für mich war das ganz wichtig. Ich wollte Grenzen austesten. An Orte gelangen, wo man nicht mehr weiter darf, aber trotzdem sehen möchte, was dahinter los ist. Verbotene Türen öffnen, abzustürzen und hinterher wieder aufstehen – diese ganzen Sachen.
- Entschuldigung, ich muss mir mal ein Hustenbonbon nehmen. -
Wissen Sie, Sicherheiten, Bausparverträge, diese Konventionen hätten die Abgründe nie zugelassen. Und deswegen habe ich mich ein Leben lang dagegen gewährt. Aber in letzter Zeit denke ich viel darüber nach, warum ich diese Konventionen eigentlich nie wollte. Das Leben, dass ich lebe, kostet mich wahrscheinlich viel mehr Kraft als ein normales Lebe. Ich könnte zum Beispiel nie im Ausland leben, da hätte ich Schwierigkeiten zu bestehen. Wenn ich aus meinem Mikrokosmos herausgerissen werde, mit meinem tätowierten Gesicht irgendwo in einem fremden Land, das würde mich schon sehr verunsichern.

Während meiner Recherche habe ich in einem Lehrbuch für Psychologie gelesen, dass kleine Jungs gefühlvoll und zärtlich sind. In der Pubertät treffen sie aber auf die Welt der Erwachsenen und die bringt ihnen dann bei hart zu sein. So etwas haben Sie sicher auch erlebt…

Das ist spannend, ich habe wirklich eine lange Zeit gebraucht, um in dieses Mann-Sein hineinzuwachsen. Ich glaube, dass ich ein Problem mit den ganzen Männlichkeitsritualen habe. Am Anfang meiner Pubertät trug ich so einen Aufnäher auf meiner Lederjacke. „Runter mit dem Männlichkeitswahn“, stand da drauf. Diese ganzen Klischees, dass ein Mann Bier trinken muss und Fußball liebt, haben mich angeekelt. Sich zu definieren war bei mir ein ganz langer Prozess. Ich musste ein Gleichgewicht finden, zwischen Stärke zeigen und trotzdem manchmal schwach sein zu dürfen. Zwischen meinen weichen Seiten und meiner Männlichkeit. Klar gehören zu einem Leben auch Kämpfe, in der Schule, in irgendwelchen Cliquen, in Clubs, auf der Straße, überall. Man muss sich aber auch seine Zärtlichkeit bewahren, diese Eigenschaft darf man niemals verlernen und niemals so weit wegpacken, dass man sie nicht wieder findet, wenn man sie braucht und der Moment wird kommen.

Weinen Türsteher?

Unbedingt! Auf jeden Fall.

Hatten Sie nicht mal Lust Berlin und das Alles hinter sich zu lassen und einfach abzuhauen?

Klar, man hat immer Sehnsüchte. Aber ich denke, wenn man hier nicht glücklich ist, dann wird man es anderswo auch nicht – die Seele ist ja immer dabei, die kann man nicht in Berlin stehen lassem wie einen alten Kühlschrank. Sicherlich gibt es Leute, die um die ganze Welt reisen müssen, um am Ende wieder bei sich anzukommen – zu denen gehöre ich aber nicht. Einmal, ich bin aus Ostberlin, habe ich vom Künstlerverband eine Studienreise nach Frankreich geschenkt gekriegt. Wissen Sie, wie weit ich gekommen bin? Bis nach Westberlin. Ich habe kurz überlegt zu beleiben, dann hätte ich aber mein ganzes Leben in Ostberlin zurücklassen müssen und das geht doch auch nicht, also bin ich am Abend wieder zurückgegangen.

Und an diesem Tag hätten Sie in Ostberlin einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und einen Sohn zeugen sollen…

Das ist an mir komplett vorbeigegangen. Ich finde dieses Sprichwort aber ganz gut, obwohl ein Mann wahrscheinlich mehr tun sollte. In letzter Zeit denke ich darüber oft nach. Wo ist meine Tradition abgeblieben, was habe ich schon gemacht, alles hat sich immer nur um mich gedreht. Mit dem Alter kommen echt komische Gedanken.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Vergänglichkeit ist schon ein Thema, das mich stark beschäftigt. Natürlich muss man loslassen können, wenn es so weit ist, ob man das dann aber kann, das ist eine andere Frage. Wenn man Krankheit und Leid umgehen will, dann müsste man zu einem schönen Zeitpunkt die Sache selbst beenden. Den Absprung zu finden ist aber wahnsinnig schwer, weil es zum Menschen gehört, dass er sich am Leben festkrallt.

Was bereitet Ihnen denn im 21. Jahrhundert noch Sorgen?

Ich habe Angst, dass einmal eine Zeit kommt, in der es keinen Platz mehr für Andersdenkende geben wird. Die Gesellschaft übt so einen Druck auf uns aus, die nächsten Generationen werden nur noch funktionieren müssen, werden in ihrem Leben nichts mehr hinterfragen. Davor habe ich sehr große Angst.

Lieber Herr Marquardt, haben Sie am Ende unseres Gespräches noch eine Lebensweisheit für mich?

Es gibt viele Zitate, die ich mir habe auf die Haut tätowieren lassen, eines finde ich aber besonders gut: Gleiche jeden Gedanken durch seinen genauen Gegensatz aus, denn die Vermählung dieser beiden bedeutet die Zerstörung der Illusion.

Text: Petr Matecjek

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