Matejcek vs. Schönheitschirug

Illustration: Karin Bohrmann

Am sechsten Tag erschuf Gott den Menschen. Zu seinem Bilde schuf er ihn. So wurde vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Den siebten Tag segnete Gott und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken. Ungefähr so heißt es in der Bibel, ist aber nicht ganz richtig. Gott verbrachte den siebten Tag natürlich hauptsächlich damit, die Seele baumeln zu lassen. Am frühen Nachmittag verspührte er jedoch eine nagende Langeweile und wollte sich zur Feier des Tages noch etwas Schönes gönnen. Also flog er nach Massa-Carrara, wo es in den Bergen das beste Marmor gibt. In den Steinbrüchen der italienischen Provinz sollten Jahre später auch Michelangelo, Luigi Bernini und Donatello ihre Marmorblöcke beziehen. Gott holte sich also feinstes Material, aus dem er am Abend des siebten Tages Doktor Derek Nice (Name aus rechtlichen Gründen geändert) meißelte. Na ja – zumindest sieht Doktor Derek Nice so aus, als könnte diese Geschichte echt sein. Viel wahrscheinlicher ist natürlich, dass den Schönheitschirurgen ein Kollege schuf, einer mit göttlichem Talent.

Grübchen sind allgemein kleinere, muldenförmige Einbuchtungen. Im biologisch-medizinischen Bereich bezeichnet man damit angeborene oder erworbene Vertiefungen des Gewebes. Umgangssprachlich sind Grübchen die, bei vielen Menschen vorhandenen, charakteristischen Einziehungen in Wangen, Kinn oder Stirn. Es erscheint mir aber nicht richtig, das Grübchen, das Dr. Nices Kinn dekoriert, als bloße muldenförmige Einbuchtung zu bezeichnen. Eine solche Benennung würde indizieren, das Schicksal, ja vielleicht sogar Unglück, mit im Spiel war. Und auf diese Weise würde ich die japanische Hi-Tech-Laser-Technologie, die Nices Kinnimplantat formte nur ungerne degradieren. Eine solche Story ließe sich zu beinahe jedem Merkmal im Gesicht und jedem Körperteil meines nächsten Interviewpartners erzählen. Das maßgeschnittene Hemd schlägt genau an der Stelle kleine Wellen, an der ich das Sixpack des plastischen Chirurgen vermute. Normalerweise sehe ich Männern nicht auf das Hinterteil, Nice hat sich seines aber wahrscheinlich von einem jamaikanischen Sprinter geliehen, wenn sie es genau wissen wollen. Und die Hände, das Kapital eines jeden Chirurgen. Bei Dr. Nice sehen sie so aus, als würden sie mehr Zeit in teuren Manikürsalons als in den Fettansammlungen der Münchener High Society verbringen. In einem Satz zusammengefasst: Wahrscheinlich hatte Adonis ein Nice-Komplex. Und so brauche ich nach der ersten Frage nicht lange zu suchen.

Lieber Herr Doktor Nice, wie werde ich so wie Sie?

Nice: Als Kleiner sah ich eine Serie über einen plastischen Chirurgen, der in einem Dritte-Welt-Land mit seinem Flugzeug von Dorf zu Dorf flog und verunstalteten Menschen half. Das hat mich fasziniert, von dem Moment an wusste ich, dass ich auch Schönheitschirurg werden möchte. Rückblickend sehe ich das Ganze nicht mehr so romantisch. Klar denkt man zuerst: Jet-Set-Leben, tolle Frauen, viel Geld. Ist auch so, aber es ist auch eine extreme Verantwortung. Wenn sie vor einem narkotisierten Patienten stehen und wissen, was bei einen Face-Lift alles schief gehen kann. Oh, oh – da muss man schon verdammt cool bleiben, das kann nicht jeder.

Das Leben eines Mannes ist viel leichter, wenn er schon von klein auf weiß, was er werden will. Finden Sie nicht?

Nice: In letzter Zeit denke ich darüber oft nach. Klar hatte ich auch mal andere Vorstellungen, dann haben mich aber meine Eltern ganz geschickt wieder zurück auf den richtigen Weg gebracht. Zum Beispiel wollte ich einmal Diplomat werden. Dann hieß es sofort, denke aber nicht, dass du gleich Botschafter in Paris wirst. Zuerst musst du deine Zeit als Konsul in Kasachstan absitzen. Später gab es auch viele schwere Momente. Wenn man Verbrennungsopfern die Haut vom Körper ziehen muss und darunter die Muskeln und Organe sieht. Wäre ich doch lieber Konsul in Kasachstan geworden, habe ich damals oft gedacht. Im Nachhinein bin ich meinen Eltern aber sehr dankbar. Mit 18 alleine Entscheidungen zu fällen, die das ganze Leben bestimmen, wie das manche der Kinder heute machen müssen, finde ich unglaublich schwer. Ich hätte mich dann entschieden Filmstar zu werden.

Am Ende sind sie aber doch Schönheitschirurg geworden. Dr. Werner Mang warnt in seinem neuen Buch, dass es schon viel zu viele gibt und dass wir einem Schönheitswahn verfallen sind.

Nice: Der Mang ist ein ganz Schlauer. Früher hätte er ihnen für Geld seelenruhig eine dritte Titte verpasst. Heute sind die Zeichen der Zeit anders, also ist er jeden zweiten Tag im Fernsehen, warnt vor der Schönheitschirurgie und sagt, dass sie nur bei ihm sicher ist. Alles eine PR-Masche.

Das mag sein, aber auch Sie können nicht abstreiten, dass wir es in der letzten Zeit ein bisschen übertrieben haben. In Deutschland soll es sogar schon mehr als 100 000 essgestörte Männer geben.

Nice: In Amerika ist das vielleicht so. Wenn sie da gut aussehen heißt es gleich: „Cool, come party with us!“ Die schauen erst später, ob sie etwas drauf haben oder nicht. Wenn man in Deutschland gut aussieht, egal, ob Mann oder Frau, dann wird man erst einmal kritisch beäugt. Beauty, Schönheit, das macht die Leute skeptisch. Die Deutschen denken noch immer, sie wären das Land der Denker und Dichter und dass es dann nicht passen würde, wenn man gut aussähe. Sehen Sie sich doch mal unsere Schauspieler an. Da gibt es keinen, der wirklich schön ist. Charaktergesichter ja, aber schöne Männer wie Brad Pitt oder George Clooney, die gibt es bei uns nicht. In Deutschland gibt es noch wahnsinnigen Widerstand. Man wird in der Gesellschaft viel besser aufgenommen, wenn man einen Fehler im Gesicht hat. Dann sagen alle: „Mensch, der Arme, der ist ja ganz nett, der ist wahrscheinlich wahnsinnig schlau.“ Schlau wäre es den Makel loszuwerde. Und immer dieses „mit Würde alt werde“, das kann ich nicht mehr hören. Mit dem Schönheitswahn können wir es also noch gar nicht übertrieben haben. Ich habe gut aussehende Bekannte überall in Deutschland und die sind fast schon isoliert. Es ist echt komisch hier.

Etwas hat sich doch gändert. Früher war das Gebiet der Schönheit eine Domäne der Frauen, heute ist das anders. Immer mehr Männer legen sich unters Skalpel – Erfolg oder Intelligenz reichen scheinbar nicht mehr aus, alles muss perfekt sein. Diesen Trend können Sie sicherlich auch bei Ihnen in der Praxis beobachten.

Nice: Der Mann ist endlich aus seinem Dornröschenschlaf aufgewacht. Das Problem war, dass Männer bei Schönheitschirurgie oft an Schlauchboot-Lippen und Windkanal-Gesichter dachten. In den Medien sieht man nur die schlechten Ergebnisse und es rennt eine Menge dieser, wie ich sie nenne, Freaks herum. Mickey Rourke ist zum Beispiel so ein Fall. Ganz strange, ganz, ganz strange! Das Schlimmste ist, wenn man den Mann feminisiert. Heute gibt es aber eine plastische Chirurgie für den Mann, da kriegt er kein Stupsnäschen, sondern darf seinen Rough-Look, seinen Surfer-Look, seinen Cool-Look behalten. Hinzu kommt, dass Männer wie George Clooney und Brad Pitt vollgepumpt sind mit Hyaluronsäure. Das hält sie frisch, sie sehen gut aus, sind einfach suveräne Typen. Natürlich kriegt das der Rest der Männer mit und will nicht nachstehen.

Allerdings habe ich manchmal das Gefühl, dass das neu entdeckte männliche Schönheitsbewusstsein mehr mit der Emanzipation der Frau zusammenhängt als mit der Besinnung des Mannes.

Nice: Absolut! Die Frauen sind es langsam leid, sich ständich hübsch machen zu müssen, während der Mann im Unterhemd vor der Glotze hockt und ein Bierchen trinkt. Das hat sich in den letzten Jahren radikal geändert. Frauen wissen, was sie wollen, machen Karriere und sehen sich auch schon mal nach einem jüngeren Mann um. Die haben den Spieß umgedreht, lassen sich einfach nicht mehr verarschen. Das merke ich ganz deutlich in meiner Praxis. Männer kommen nur selten alleine. Meistens ist die Partnerin dabei und meistens ist Sie die Wortführerin. „Jetzt zeig doch mal! Schauen Sie mal Herr Doktor. Kann man da was machen“, heißt es dann immer. Klar kann man da was machen. Ein fetter Bauch ist in 90 Minuten weggesaugt! Sie können aber auch jeden Tag nach der Arbeit ins Fitness gehen.

Männer kommen doch nicht nur zu Ihnen in die Praxis, um ihr Fett loszuwerden?

Nice: Doch, bei Männern sind es meistens Fettabsaugungen – Unterbauch, Hüfte. An zweiter Stelle steht die Lidchirurgie. Das ist auch absolut nachvollziehbar, denn mit hängenden Oberlidern sehen sie einfach fertig aus. So eine anatomische Kleinigkeit könnte sie sogar den Job kosten. Dann kommen die schon genannten Unterspritzungen, mit deren Hilfe wir Fältchen im Gesicht glätten. Wahnsinnig populär sind Haartransplantationen, das ist ein typisch männliches Problem. Bei Implantaten sind deutsche Männer noch sehr zurückhaltend. Es werden aber immer mehr. Brustmuskel-, Bizeps-, Trizeps- und Wadenimplantate werden mittlerweile recht häufig gewünscht. In Amerika sind gerade Kinn- und Unterkieferimplantate der letzte Schrei. Die lassen Sie zu einem richtigen Marlboro-Man werden. Hier wünschen sich so etwas nur ganz komische Käuze. Letztens zeigte mir ein Kunde sogar das ideale Gesich einer Schaufensterpuppe. Den musste sogar ich etwas bremsen, ha, ha, ha.

Es heißt, ein Mann muss in seinem Leben einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und einen Sohn zeugen. Reicht das im 21. Jahrhundert noch oder muss man auch noch einen Porsche fahren und gut im Bett sein?

Nice: (Eine lange Denkpause, während der mich Dr. Nice etwas an meine Schwester, die Philosophiestudentin, erinnert, wenn sie über ihrer Hegel-Lektüre sitzt.) Also zu einem coolen Mann gehört auch ein cooles Auto. Besonders in Deutschland checken Frauen erst einmal das Fahrzeug ab und dann erst den Mann. Ich dachte immer, ich wäre kein Auto-Typ, mittlerweile kann ich mich aber auch sehr für schönes Holz, helles Leder und tolles Desing begeistern. Und Sex! Serien wie „Sex and the City“ haben das Thema salonfähig gemacht. Von meiner Verlobten weiß ich, dass es heute sogar zum guten Ton gehört, in Frauenrunden über Sex zu reden. Den Mann irritiert das natürlich. In diese Rolle müssen wir noch hineinwachsen, uns viellecht sogar neu identifizieren. Wahrscheinlich sind meine Dienste desswegen so gefragt. Zu gutem Sex gehört halt auch eine gewisse Körperlichkeit. Einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und einen Sohn zeugen, das hörte sich vielleicht in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts noch toll an. Heute muss man einer Frau einfach mehr bieten

Eigentlich habe ich vor zwei Jahren aufgehört zu rauchen, aber nach dem Gespräch mit Dr. Derek Nice muss ich mir dann doch eine Schachtel Lucky Lights kaufen. Während ich sie auf dem Weg zur U-Bahn leer qualme, denke ich über ein Kinnimplantat nach und nehme mir fest vor jetzt öfters Joggen zu gehen. Nach dem eher spirituell angehauchten Gespräch bei Räucherstäbchen und grünem Tee mit dem Scientologen Stettler, hatte diese geballte Ladung Oberflächlichkeit auf meine Seele die gleiche Wirkung, wie ein Vorschlaghammer auf ein Wachtelei. Verheerend!

Am Abend versuche ich mehr über den plastischen Chirurgen Nice herauszufinden. Auf Foren und Chats wird er ausnahmslos gelobt, hauptsächlich wegen seines Einfühlungsvermögens.

„Ich wurde vor 3,5 Jahren von Herrn Dr. Derek Nice operiert. (Brustverkleinerung). Ich war von seiner symphatischen und menschlichen Art begeistert. Obwohl im Klinikalltag recht viel Streß herrscht und meine OP eine Kassenleistung war, hat er sich sehr viel Zeit für eine ausführliche Beratung vor der OP und auch die anschliessenden Nachsorgetermine genommen. Ich habe ihn als einen “Arzt mit Herzblut” in Erinnerung“, bloggt zum Beispiel Userin Janette auf brigitte.de.

Dann fällt mir ein, dass auch ich diese Seite kennengelernt habe. Besonders, als wir über seine Ängste sprachen. Der unaufhaltsame Prozess des Alterns macht Nice oft traurig. Manchmal so sehr, dass er weinen muss. „Ich kann Leuten zwar ein Paar Spritzen geben, ganz aufhalten kann ich diese erbarmungslosen Vergänglichkeit aber nicht. Das ist meine zentrale Angst, deswegen habe ich meinen Beruf gewählt“, gibt der Don Quijote de la Mancha der deutschen Schönheitchirurgie betrübt zu. Die Unsterblichkeit würde ihn nicht locken, trotzdem fände er es toll, wenn jemand eine Pille gegen das Alt werden erfinden würde, sagt Nice. Er wäre dann zwar seinen Job los, das würde ihm in disem Fall aber nichts ausmachen. „Dann müsste ich halt doch Filmstar werden“, sagt er. Und wenn er das so sagt, verdreht er dabei die Augen – das zaubert eine Ausstrahlung auf sein Gesicht, die es für Geld nicht zu kaufen gibt. Auch bei dem besten Chirurgen nicht. Die kommt aus der Seele und war am Ende unseres Gespräches der Beweis dafür, dass Schönheit doch unter die Haut geht – auch bei Dr. Nice.

Text: Petr Matejcek

Category: Interview

Tags: OP, Schönheitschirug

Von: David

Instagram