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NEWS

 

Mailand bei Nacht

Die italienische Metropole Mailand ist für ihre Mode bekannt – und für ihr ausschweifendes Nachtleben. Ersteres lässt sich in Form gestreamter Modenschauen auch vom heimischen Schreibtisch aus verfolgen, wilde Partynächte jedoch nicht. Zeit für eine Feldstudie.

Samstagabend, es regnet. Wie sollte es anders sein. Auch dafür ist Mailand bekannt. Macht aber nichts. Die braunen Budapester sind frisch eingecremt und trotzen dem Nass. Kurz ins Appartement, dann kommt auch schon der Fahrer. Er spricht kein Wort Englisch, dreht dafür aber sowohl Heizung, als auch das Autoradio seines Mercedes bis zum Anschlag auf. Im japanischen Restaurant warten ein gutes Dutzend Model-Mädchen und drei, vier Männer. Allen voran Matteo, der Gastgeber des Abend. Ein feiner Kerl. Die Stimmung ist noch nicht wirklich gelöst. Es gibt Sushi, Pasta – und Wein. Wohin der Abend noch führen wird, entscheidet Matteo. Es ist sein Job, er wird dafür bezahlt.

Die Wahl fällt auf einen Club, der sich Armani Privé nennt und tatsächlich scheint dieser Laden Giorgio Armani persönlich zu gehören. Der Wein beim Japaner lockerte Stimmung und Zungen. Ein wilder Mix aus Ungarisch, Italienisch, Farnzösisch, Deutsch und Englisch wird gesprochen. Verstehen tun dies nur die wenigsten, aber niemand stört sich daran. Man ist es gewohnt.

Im Armani Privé stehen Getränke im kleinen Separee bereit. Es gibt guten Vodka und Früchte, alle sind froh. Die Mädchen fangen zaghaft an zu tanzen, in diesem dunklen, sterilen Club mit den großen Spiegeln an den Toilettenwänden, vertikal. Das Publikum liegt stilistisch auf Augenhöhe mit Menschen, die in Berlin ins Felix, in Hamburg ins Moondoo oder in München ins P1 gehen. Es dominiert der gepflegte Look der Upper Middle Class: Hemd, leicht geöffnet, Designer-Jeans und dunkle Schuhe. Einige tragen Armani, war ja klar. Einzige Ausnahme: drei angetrunkene Dänen. Sie tragen Jeanshemd, drei Tage Bart und ein breites, freundliches Grinsen. Es gefällt ihnen hier, mit all den hübschen Mädchen.

Armani Privé, ein Tisch, dort saßen wir wohl. Bild: flickr.com

Das Armani Privé ist sehr schick, ähnlich wie das Publikum. Dementsprechend verhalten feiern die Gäste. Es werden zwar diverse Drinks genommen, Eskalation ist aber weit und breit nicht auszumachen. Stattdessen wird irgendwo zwischen lässig und angestrengt zu Vocal-House getanzt. Die Herren mit den Hemden versuchen sich von Zeit zu Zeit an Smalltalk mit einem der Models, scheitern dabei jedoch hoffnungslos. Wahrscheinlich sind alle einfach noch zu wenig betrunken. Verruchte Sexyness, wie sie Armani Model Megan Fox ausstrahlt, findet sich hier nicht. Schade eigentlich

Die Clubeigene Security achtet vielmehr peinlich genau darauf, dass der inoffizielle Dresscode eingehalten wird. Schulterfrei ist nur bei den Damen erlaubt, Herren werden gebeten sich ein Hemd überzustreifen. Gesagt, getan – es wird Zeit für den nächsten Club.

Das kann es doch nämlich noch nicht gewesen sein, mit dem wilden Mailänder Nachtleben. Also werden gegen zwei Uhr die Shuttles organisiert. Es geht weiter Richtung Tocqueville.

Im Tocqueville bietet sich ein eher trostloses Bild. Zwar sind dort alle Gäste wesentlich ausgelassener, weil betrunkener, doch der Club versprüht den Charme einer nordhessischen Dorfdisko. Die Drinks werden in Plastikbechern gereicht und das Publikum kleidet sich, als wäre Saisonbeginn am Strand von Rimini: aufgeknöpfte Hemden mit Logos, Used-Look-Jeans und weiße, spitz zulaufende Kunstlederschuhe. Wir werden auf ein Tableau geschleust, Security davor. Ein eher unangenehmes Gefühl. Dass das jedoch die einzig wirkungsvolle Form ist, Verehrer von den Mädchen abzuhalten, zeigt sich, als ein Model allein zur Bar schlendert. Sofort wird sie umgarnt von zwei sehr interessierten Männern. Sie schafft es, sich rauszuwinden und wird fortan ausschließlich hinter Absperrung und Security auf dem Tableau verweilen.

Wir anderen bleiben ebenfalls. Ist ja doch ganz schön, dort oben. Musikalisch geht es im Tocqueville jedoch noch eine Spur fieser zu, als im Armani Privé. Es gibt Hits, Remixes, House und anderen Mist. Einziger Vorteil: Die Drinks wirken. Endlich.

Irgendwann, gegen vier Uhr, sprinten wir kurz rüber in einen Club, der sich allen Ernstes Hollywood nennt. Es bleibt bei einem kurzen Intermezzo. Das Hollywood ist zwar deutlich hübscher eingerichtet, als das Tocqueville, doch das Publikum gleicht sich. Wir rennen zurück, es regnet noch immer, und gehen wieder auf das Tableau. Wir trinken, tanzen, reden. Der Sprachmix stört niemanden mehr. Es ist ein guter Abend, wir haben Spaß. Das Mailänder Nachtleben bleibt dennoch eine Erklärung schuldig. Das kann es noch nicht gewesen sein, liebe Fashion-Metropole. Sowohl modisch, als auch Clubmäßig. Waren die Erwartungen etwa zu groß, die Geschichten von all den anderen gar geschönt? Wir werden sehen.

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TRENDS

 

Das Ende von Health Goth?

Im August haben wir erstmalig über den Trend Health Goth berichtet.

Die Begriff zum Trend stammt von Mike Grabarek und Jeremy Scott – einem R’n’B Duo (Magic Fades) aus Portland, USA – sie erstellten April 2013 eine #healthgoth Facebook Fanpage.

Auf ihrer Facebook Seite posten sie alles was sie zur Health Goth Welt zählen: Schwarz-weisse PORSCHE DESIGN Performance-Sneaker, Kampagnenbild der H&M x Alexander Wang Kooperation, NORTHFACE Etip Handschuhe, bionisch-futuristische Körperteile und Kampfmonturen für den Übermensch der fernen Zukunft.

Die Health Goth Fanpage gewann schnell an Zuwachs. Die Welt der HealthGother schien in Ordnung. Doch dann kam das erste böse Mainstream-Medium – die französische Frauenzeitschrift Marie Claire – und berichtete vor fünf Tagen über den Trend: Health Goth – the Latest Trend You’ve Never Heard of

So erklärte die Marie Claire ihren Leserinnen den Trend:

…it’s a very modern mix of gothic and punk sensibilities (think dark colours, figure-hugging silhouettes and heavy statement accessories) and futuristic sport-luxe. Weird? Very. Cool? Apparently.

Die Health Goth Szene (also: alle, die ganz undergroundig auf der Health Goth Facebook Seite rumhängen, waren entsetzt. Man hatte ihre Bewegung verraten. Entzürnte Health Gother tippten wutentbrannt R.I.P. Health Goth in die Tasten ihres MACs:

Auch das australische Oyster Magazine, das im Gegensatz zur Marie Claire, zu den Guten, den Medien gehört, denen man Insiderwissen zugesteht, titelte: RIP The Trend That Never Was. Doch markiert der Marie Claire Artikel wirklich das Ende von Health Goth?

Es ist der Anfang vom Ende, nicht das Ende. Die modische Vorhut (eine Handvoll Wissender) wird schnell weiterziehen, auf zum “Next big thing”, doch die breite Masse wird erst durch Medien wie der Marie Claire auf den Trend aufmerksam gemacht. Der Trend ist also gerade erst dabei so richtig ins Rollen zu kommen (Merci, Marie!).

Health Goth ist ein Trend, der wie Seapunk im Internet entstand. Es ist das Zukunftsmodell für die Entstehung von Trends (und wie man sieht auch schon das gängige Modell der Gegenwart). Das Internet ist ein gigantischer Multiplikator und Beschleuniger. Früher hat es Jahre gedauert bis ein Trend vom Underground in den Mainstream gelangte. Die Eintrittsbarrieren um Teil einer Bewegung zu sein, waren deutlich höher:

Man lehnte sich gegen die Eltern auf (Hippie). Man hing schwarz-geschminkt mit gruseligen Gestalten auf Friedhöfen rum (Gothic). Oder trank den ganzen Tag, pöbelte, grölte und durchlöcherte einen Großteil seines Körpers mit Piercings (Punk).

Heute sitzt man zu Hause vor dem Laptop, lädt Bilder hoch, kommentiert, liked und shared (Health Goth). Nie war es leichter Teil einer Bewegung zu sein, daher ist es kein Wunder, dass eine Bewegung schneller im Mainstream landet als ein Karnickel ficken kann.

Eine Konsequenz unser Zeit. Nicht das Aufgreifen des Trends vom Mainstream ist verwerflich, sondern das gespielte Entsetzen vom virtuellen Underground, welcher sich verraten fühlt.

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