Los Angeles – das neue heiße Ding

Um es gleich vorweg zu nehmen: Los Angeles ist das neue heiße Ding.

Während in New York der brutale Winter, der viel zu heiße August, die extrem hohen Mieten bis tief ins östliche Brooklyn hinein und die stundenlange Stau-Fahrt vom Flughafen in die Stadt nur mit sehr viel Geld (Helikopter-Flüge, Sommerhaus in den Hamptons, Industrie-Loft in der Lower East Side, Pelzmantel) erträglich gemacht werden können, ist an der West Coast momentan irgendwie alles vor allem: besser.

Neben der Kunst-Szene – deren neustes It-Piece, das Mitte September eröffnete Privatmuseum des Sammlers Eli Broad: “The Broad”, dort genauso zu finden ist, wie die Ateliers des in New York geborenen Videokünstlers Jordan Wolfson und des in Texas geborenen Künstlers Ryan Terrain, außerdem hat mittlerweile so gut wie jede wichtige New Yorker Galerie hier eine Dependance – und bis dato in New York gelebt habende und jetzt an die West Coast übergesiedelte Feuilleton-Stars wie Bret Easton Ellis, Woody Allen, Moby und Jay Z, hat das seit einiger Zeit auch die Modebranche bemerkt.

Globale Luxusmarken wie TOM FORD, BURBERRY und LOUIS VUITTON haben ihre Kollektionen auf Runway-Shows in Los Angeles gezeigt. Und der deutsche Mode-Künstler Bernhard Willhelm, von dem wir zwar aktuell gar nicht so genau wissen, woran er arbeitet, außer vielleicht an einem sehr schwulen Instagram-Kanal, was in L.A. als Daseinsberechtigung übrigens vollkommen ausreicht, ist genauso in die sonnige Stadt an der amerikanischen Westküste gezogen, wie der Pariser Designer Hedi Slimane, von dem wir sehr genau wissen, was er macht, nämlich: als Creative Director die Umsatzzahlen von SAINT LAURENT in immer neue Höhen zu treiben.

Und überhaupt: Instagram! Der ungebrochene Erfolg der Foto-App hat sicher auch einen veritablen Einfluss auf den aktuellen L.A.-Run. Ein Selfie in der Abendsonne West-Hollywoods bekommt im Zweifel einfach mehr Klicks, als das aus einer rattigen Gasse in Brooklyn. In Zeiten, in denen ein Instagram-Account nicht nur ein komplettes Leben aus- sondern auch das Konto ordentlich auffüllen kann, kommt ein Umzug in den Westen aus selbstunternehmerischer Perspektive durchaus in Frage.

Aber ist ja nicht nur das Wetter, das Los Angeles gut ist, es ist auch so viel anderes:

Die Wohnungspreise sind zwar auch nicht gerade günstig, aber doch deutlich unter New Yorker Niveau. Die aus Hamburg stammende Fotografin Eva Napp, die mit ihrem Mann Daniel Thies in Los Angeles das Modelabel DELIKT gegründet hat, zahlt für ihr großes Foto-Studio-Loft mit genügend Platz für einen Showroom nicht mehr, als man in Manhattan für eine 30 Quadratmeter-Wohnung mit Gemeinschaftsdusche in der Lower East Side bezahlt.

Die öffentlichen Partys enden um zwei Uhr, weil ab dann kein Alkohol mehr verkauft werden darf. Das hat einerseits zur Folge, das man recht früh schlafen und den nächsten produktiv angehen kann (Selfies in der aufgehenden Sonne, etc.). Andererseits gibt es dadurch hin und wieder auch extrem scharfe Privatpartys in einer der vielen Villen in den Hollywood Hills. Der schwerste angesagte DJ Mladen Solomun soll dort neulich eine Fete geschmissen haben, die sich gewaschen hat. Gäste berichten aufgeregt von der besten Party der letzten zehn Jahre – mindestens!

Das Essen ist um Längen besser als an ganz, ganz vielen Orten in den USA. Der Siegeszug der Cold Pressed Juices hat hier begonnen, an jeder Ecke gibt es modernste vegane und rohe Gerichte, aber auch klassischere Küche wird hier auf hohem Niveau angeboten. Im “Gjusta” in Venice Beach zahlt man zwar 15 Dollar für ein Sandwich, das kann sich dann aber auch sehen lassen. Das Café soll, sagen die Macher, an eine osteuropäische Landküche erinnern. Und auch das “Café Stella”, auf jeden Fall mehr Restaurant als Kaffeehaus, im hippen Stadtteil Silverlake orientiert sich an der gehobenen europäischen Esskultur. Einzig der Rotwein ist hier noch kalifornisch.

Ohnehin kann man sagen, dass alles, was in Los Angeles derzeit angesagt ist, irgendwie europäisch ist – nur das hier eben ständig die Sonne scheint und die Flüchtlinge eher spanisch als arabisch sprechen.

Neben den Klassikern West Hollywood und Venice Beach, mit jeweils angrenzenden Nachbarschaften, ist aktuell vor allem der Stadtteil Downtown angesagt und befindet sich auf direktem Weg hin zur maximalen Gentrifizierung. Die amerikanische GQ spricht von “America’s Next Great City”. Die Hipster-Hotelkette ACE bespielt ein sehr schönes, sehr großes Haus, GOOGLE baut aktuell einen ganzen Block um, ganz so, wie sie es einst in New York am “Chelsea Market” gemacht haben, es gibt ein COS, einen AESOP-Laden, diverse Cafés, ein Urban Outfitters und eigentlich all das, was man aus Berlin-Mitte, London-Shoreditch, Manhattan und all den anderen globalen Wochenend-Trip-Destinationen eben so kennt.

Der Unterschied in Los Angeles ist, dass zwei Straßen weiter “Skid Row” liegt, eine Brachfläche, auf der tausende Obdachlose Nacht für Nacht ihr Lager aufschlagen und an der sich bei Dunkelheit kein noch so abgeklärter Hipster vorbeitraut. Eine solche soziale Härte und Gefahr für Leib und Leben gibts in Manhattan schon lange nicht mehr: sie wurde in die Randbezirke verdrängt.

Dass man das jetzt auch in Los Angeles versucht ist kein allzu gutes Zeichen. Die “Skid Row”-Fläche ist das, was Investoren als Filetstück bezeichnen. Dort könnte schon bald ein extrem hipper Gebäudekomplex mit lauter angesagten Stores, veganen Cafés und Shared Offices entstehen, mitten im angesagten Downtown.

Und dass ein Modeblog wie Dandy Diary über Los Angeles als trendige Stadt schreibt, ist übrigens auch kein gutes Zeichen.

Also lieber schnell hin da, bevor mit eurer Anreise alles schon wieder vorbei ist.

Category: Special

Von: Carl Jakob Haupt

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