Lesetipp: England hat versagt + Die Ausgeschlossenen

Dank Commander Marcus Luft sind wir darauf aufmerksam geworden, dass der kanadische Autor Tyler Brûlé für Merian über die Krawalle in England geschrieben hat. Doch wirklich verstört haben den Feingeist nicht etwa “brennende Gebäude, spuckende Jugendlichen und plündernde Mütter”, sondern die Tatsache, dass die marodierenden Banden stets ausgeleierte Trainingshosen trugen, “tief auf der Hüfte getragen”.

Es ist ja nichts neues, dass gesellschaftliche Schichten sich mit Mitteln der Mode abzugrenzen versuchen und auch abgegrenzt werden. Soziale Exklusion beginnt nicht selten bei der falschen Hosenmarke. Das gilt übrigens für Ober- wie Unterschicht.

Doch Brûlé meint in der Kleidung der krawalligen Jugendlichen mehr zu erkennen, nämlich fehlenden Respekt:

“Es ist zwar schon mit ein wenig Eitelkeit verbunden, mit diversen Logos, Streifen oder springenden Wildkatzen verzierte Trainingshosen zu tragen, aber in erster Linie sind sie billig, pflegeleicht und praktisch: Man kann mit ihnen vom Bett auf die Straße und wieder zurück ins Bett gehen – in einer ewigen, zielgerichtet nach unten führenden Spirale der Viertel, in denen Kleidungsstücke an Wäscheleinen flattern oder über Balkongittern trocknen. Kurz: Trainingshosen stehen für Resignation, Kapitulation, Hoffnungslosigkeit – ein Markenzeichen für alle, die nicht mal mehr bereit sind, sich für die Öffentlichkeit wenigstens optisch ein bisschen herzurichten.”

Das alles wurde natürlich auch schon etwas wissenschaftlicher formuliert. Mein ehemaliger Professor Heinz Bude hat das zum Beispiel in seinem Buch “Die Ausgeschlossenen”, wenn auch populärwissenschaftlich, getan:

“Die Leute, die man in den Billigmärkten für Lebensmittel trifft, wirken abgekämpft vom täglichen Überlebenskampf, ohne Kraft, sich umeinander zu kümmern oder aufeinander zu achten, und lassen gleichwohl keine Anzeichen von Beschwerdeführung oder Aufbegehren erkennen. Die Jugendlichen hängen herum und träumen vom schnellen Geld in der Drogenökonomie, die Männer mittleren Alters haben sich in die Häuser und Wohnungen zurückgezogen, und die Frauen mit den kleinen Kindern sehen mit Mitte zwanzig schon so aus, als hätten sie vom Leben nichts mehr zu erwarten. Unwillkürlich stellt sich der Gedanke ein, dass ein Funke hier einen Flächenbrand wilder Gewalttätigkeit und wahlloser Zerstörungswut entfachen könnte.”

Das war im Jahr 2008.

Auf die Outfits der Exkludierten ist Bude übrigens auch zu sprechen gekommen. Er schrieb von schneeweißen Kapuzenpullovern.  Kapuzenpullover und Trainingshosen als Kleidung eines abgehängten Teils der Gesellschaft kennen wir auch in Deutschland.

Bild: publicintelligence.net

Category: Lesetipp

Tags: england, exklusion, heinz bude, krawall, riots, tyler brule

Von: Carl Jakob Haupt

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