KW-8 2017: Was gewesen ist

Am Anfang dieser Woche war ich zuallererst daran interessiert, was mein Freund Quid Haden in Bamberg erlebt hatte, weil er doch dorthin gefahren war, um einen alten Schulfreund zu besuchen und mal zu schauen, wie der so lebt. In Bamberg, so stellte ich mir das vor, würde man die Zukunft sehen können, weil dort doch chinesische Touristen hinfahren, um ihr Klischeebild von Deutschland bestätigt zu bekommen. Bamberg ist schließlich UNESCO-Weltkulturerbe und tatsächlich kämen, so versicherte Quid mir glaubhaft, hier schon jetzt mehr als etwa eine Milliarde chinesische Touristen auf ganz wenige Stadtbewohner und in der ganzen Stadt gäbe es hunderte Restaurants und Bars und die Qualität der angebotenen Speisen sei aber eher nicht so richtig gut, weil die Touristen auf ihrer Hatz durch Europa immer nur einen Tag blieben. So wird es wohl in zwanzig Jahren überall in Europa sein, dachte ich. Und dann dachte ich an den Smog in den hunderten chinesischen Millionenstädten, der unseren zukünftigen Gästen doch die Gesundheit ruiniert, und hoffte, dass sie es noch schaffen, mal hier her zu kommen und sich anzuschauen, wie schön es hier doch ist, auch wenn das Essen in den Bamberger Restaurants wohl besser sein könnte.

Quid war schon lange weg und mein lieber Freund Philip Mollenkott versetzte mich am Abend, also laß ich diesen Artikel über das Online-Netzwerk 4chan und verfluchte das Internet und junge Männer, die im Keller ihrer Eltern wohnen und von der modernen Gesellschaft erniedrigt werden, weil niemand sie mehr braucht und die Mädchen nichts von ihnen wissen möchten, und die deshalb schlicht zu ziemlichen Arschlöchern werden.

Am Dienstag traf ich meinen Freund Tim Peters zum Abendessen in der Mozzarella Bar in der Auguststraße hier in Mitte und war schon deutlich weniger wütend. Die Mozzarella Bar kannte ich nur vom vorbeigehen, bis Moritz von Uslar sie mir mal von innen zeigte und seither gehe ich oft und gerne dort hin. Moritz war dann passenderweise am Dienstagabend auch kurz da, wir begrüßten uns auf die eine von genau zwei richtigen Arten mit Handschlag und Umarmung (für den arabischen Bruderkuss fühle ich mich generell noch nicht bereit, obwohl das natürlich die Königsklasse ist) und er empfahl uns einen guten Tisch in der Ecke neben der Küche. Dort war es furchtbar heiß und ich aß eine fantastische Auberginen-Sache mit Brot und trank einen sehr trockenen Wein. Wir hatten einen guten Abend und wollten den nicht so schnell zu Ende gehen lassen, also gingen wir noch in eine Retro-Bar im Prenzlauer Berg, setzten uns wieder in eine Ecke und tranken ein paar Sours ohne Eiweißschaum. Den anschließenden Gang in die Odessa-Bar hätten wir uns schenken können, taten es jedoch nicht und blieben lang. Danach liefen wir nach Hause und tranken auf dem Weg ein Bier, ganz so, als wäre schon Sommer oder zumindest Frühling, was beides nicht so richtig zutrifft, trotz milder Temperaturen und gelegentlichem blauen Himmel in dieser sonst so grauen Winterstadt.

Den Mittwoch verbrachte ich mit diesem und jenem und schaute mir die israelische Serie “Fauda” an. “Fauda” heißt Chaos und das versucht eine israelische Spezialeinheit im Westjordanland mal anzuzetteln und mal zu verhindern. Ganz so also, wie irgendwie alle Gruppen in dieser heißen Region, der Wiege der drei abrahamitischen Religionen und vielen Ärgers.

Mein Freund Paul Ronzheimer kam am Donnerstag eigens aus seinem Zweitwohnsitz Bad Gastein angereist, um mit mir zu frühstücken. Wir gingen ins Café Einstein “Unter den Linden” und er erzählte mir, was in der Welt so los ist. Bald wird das Café Einstein “Unter den Linden” an einer Fußgängerzone liegen, weil der Prachtboulevard doch für Autos gesperrt werden soll. Dann wird es dort sicher noch voller und vielleicht wird es draußen mehr Sitzplätze geben und ganz sicher wird das ein gutes Geschäft.

Abends aß ich mit Giannina und Alyssa und Jan und Tim und Tine und noch etwa einem dutzend anderer Leute im “Rose Garden”, in dem der Impressario Tim Peters seit einigen Wochen immer donnerstags interessante Leute versammelt und ihnen Wein gibt. Anschließend gingen wir in die “Pogo Bar”, die unter den Kunstwerken neu aufgemacht hatte, und in der der Kulturjournalist Timo Feldhaus und sein Freund Alex eine Party zu Ehren von Ryan Gosling gaben, der aber natürlich gar nicht gekommen war. Angeblich bestand das fünfzigköpfige Publikum in der engen, kunstnebligen Bar zu einem Drittel aus Escort-Damen und -Herren, mit denen sich dann wohl auch einige der hochkarätigen Gäste aus Kunst und Kultur vergnügten. Ich hatte weniger vergnügen und vergiftete mich um ein Haar an einem wirklich abscheulichen Getränk, das sich nur damit erklären lassen kann, dass die Veranstalter es wohl umsonst vom Hersteller bekommen hatten. Der wohl gewünschte Werbeeffekt blieb so allerdings aus. Die Party war gut und sicher ein guter Auftakt für die Pogo-Bar, von der der Sänger Malakoff Kowalski sich schon nach nur drei Minuten wünschte, sie würde der neue Anlaufpunkt für genau die Szene sein, die aktuell so treffpunktlos ist und sich nun zu Ehren von “Ryan” versammelt hatte. Um halb zwei war alles schlagartig vorbei und alle gingen wieder dahin, wo sie hergekommen waren.

Am Freitagmorgen stand ich viel zu früh, es muss kurz nach neun Uhr gewesen sein, auf und fuhr mit einem elektrisch betriebenen BMW von Drive Now nach Kreuzberg. Dort sollte ich ein fair produziertes T-Shirt anziehen und ein Foto von mir machen lassen, weil ich doch abends Gast einer Talkrunde vom Bundesministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit sein würde. Auf dem T-Shirt, das die Hamburger Frauenrechtlerin und PR-Frau Melanie Michelberger designt hatte, stand in bengalischer Sprache “Schwestern” und ich fand das sehr passend.

Abends diskutierte ich dann unter anderem mit einer Frau vom Bundesministerium, die mir alle nur als “Dr. Julia” vorstellten, darüber, was denn nun fair sei und was man tun müsse, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Dafür hatte Dr. Julia mit ihrem Ministerium nämlich eine Kampagne ins Leben gerufen, die den Namen “Vero & Selvie” trägt und Modekäufer für nachhaltigen Konsum sensibilisieren soll. Die etwa einhundert Zuhörer tobten vor Begeisterung, johlten und beklatschten unseren Fair Fashion Talk frenetisch. Es war ein voller Erfolg und die Welt damit schon ein ganzes Stück besser. Ich ging sofort nach der Diskussion nach Hause und fiel in eine Depression, wie sie wohl nur Rockmusiker erleben, wenn sie nach einer langen, kräftezehrenden Tour nach Hause kommen und ihnen plötzlich ein Sinn fehlt.

Nun aber packe ich einen weißen Anzug in meinen Koffer, weil ich doch in nur sieben Stunden losfliege, um mit Giannina einige Wochen lang Rum aus Kokosnüssen zu trinken. Wir fahren nach Kuba und ich freue mich sehr.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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