KW-7 2017: Was gewesen ist

Die nun fast vergangene Woche begann, wie das nunmal seit 1976 laut international standardisierter Zählung so ist, mit dem Montag. Und der war gut. Die Feierlichkeiten der diversen Berlinale-Partys steckten mir zwar noch im Organismus, doch es ging dann natürlich doch irgendwie alles wieder.

Zum Mittagessen traf ich meinen Freund, den Galeristen Johann König und weil eben Berlinale war, war das Restaurant “Sale e Tabacchi” in der Rudi-Dutschke-Straße voll. Wir aßen beim Vietnamesen gegenüber und sprachen über die anstehende Documenta, immerhin die weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst, auf der doch nun wirklich mal was passieren müsse. Das Essen war ausgesprochen schlecht und ich ärgerte mich wirklich nur ganz kurz über all diese Berlinale-Leute, die mir den Platz im “Sale e Tabacchi” mit ihren vorausschauenden Reservierungen streitig gemacht hatten. Sowas würde ich schließlich nie tun. Mittags reserviert man nicht.

Am Dienstag war dann Valentinstag und ich hatte klugerweise schon Tage im voraus bei “Bloomy Days” Rosen bestellt. Mittags lud dann der Werber und Kunstsammler Christian Boros diverse Damen und deren Begleitungen, von denen eine ich war, zum Lunch in den Pauly Saal und stellte uns das von ihm neu aufgelegte 1920er Jahre Magazin “Die Dame” vor, das sich, wenn ich den ausliegenden Postkarten und aufgestellten Postern glauben darf, nun auch komplett kleinschreibt, also: “die dame”. Mit dieser Kleinmacherei teilt sich “die dame” ein Schicksal mit der “volksbühne”, dachte ich, und freue mich dennoch auf das 300-Seiten starke Magazin, das viel Fotografie, Kunst, mindestens einen 30-Seiten langen Text, Aktzeichnungen und unterschiedliche Haptiken vereinen soll. Zwei mal pro Jahr soll es erscheinen.

Wir teilten uns einen Tisch mit Christian Boros, einem Hamburger Juwelier, dem Kondom-Produzenten Waldemar Zeiler und der Modedesignerin Marina Hoermanseder, mit der ich dann zum wiederholten Male verabredete, unser lange schon geplantes Projekt jetzt nun wirklich langsam auch mal umzusetzen. Bislang scheiterte es mal an ihrer Geschäftigkeit, dann an unserer. Dabei wartet die Welt doch auf diese Sache, damit endlich alles gut wird. Ich habe ihr direkt am Nachmittag noch eine Mail dazu geschrieben und warte seither auf Antwort. Der Ball liegt bei ihr und wenn die Welt nicht besser wird, soll es meine Schuld nicht gewesen sein.

Abends aßen Giannina und ich im “Dr. To’s” in Neukölln und es war, wie es immer dort ist: sehr gut. Und am Nachbartisch saß ein bekannter DJ und führte gleich drei Damen aus. Es war schließlich Valentinstag.

Was ich am Mittwoch gemacht habe, weiß ich nicht mehr so genau. Zum Kickbox-Training, wie geplant, ging ich jedenfalls nicht.

Donnerstagnachmittag traf ich den Architekten Thomas Karsten, der nicht nur das “Berghain” innen ausgebaut hatte und dort auch den neuen Saal namens “Säule”, dessen Name scheinbar nicht kleingeschrieben wird, baut, sondern auch der Architekt und Planer unseres DANDY DINERs ist. Mit groben Strichen planten wir die nächste Filiale unseres veganen Fast Food-Imperiums und lachten laut, vor Freude darüber.

Die “Säule” wird am 23. und am 24. März mit den schön nüchtern klingenden Veranstaltungen “Eröffnung Säule I” und “Eröffnung Säule II” gefeiert. Der “Säule”-Dancefloor wird im Ergeschoss des alten Heizkraftwerks sein und die anderen beiden Floors werden zur Eröffnung wohl geschlossen bleiben. “Säule” – das klingt toll schwul.

Am Abend wollte ich mit meiner Schwester Lena in Neukölln zu “Ban Ban Kitchen” gehen, dem allerbesten Imbiss für koreanische Tacos auf der ganzen Welt, aber der hatte zu. Die Imbissbude war einst auf dem Gelände eines Gebrauchtwagenhändlers in einer kleinen Hütte eröffnet worden, die um einen Baumstamm herum gebaut war. Mir ist völlig unklar, warum die da rausgegangen sind. Genauso wie mir unklar ist, warum die am Donnerstagabend nicht geöffnet hatten. Beides gefällt mir ganz und gar nicht.

Den darauffolgenden Morgen flog ich mit Giannina nach München. Vom Flughafen nahmen wir die S-Bahn, weil die einstündige Taxifahrt schlicht zu teuer und völlig bescheuert, weil eben langsamer als die Bahn ist. In der mir bis dahin aus nicht nachvollziehbaren Gründen völlig unbekannten, aber total guten “Bar Centrale” aßen wir Pasta und tranken flaschenweise Franciacorta. Der italienische Schaumwein ist quasi das Italo-Pendant zum Champagner und schmeckt mir ausgezeichnet. Angeschwipst flogen wir anschließend die paar hundert Meter zum Hotel “Flushing Meadows” in der Nähe des Gärtnerplatzes, um dort auf der Stelle in einen tiefen, einstündigen Schlaf zu fallen, bevor uns der noch nüchtern gestellte Wecker aufschrecken ließ.

Völlig unmotiviert schleppte ich mich von der Dusche in die Hotelbar und zockte einen großen Wein runter, um endlich mal wieder fit zu werden. Das klappte gut und wenige Minuten später saßen wir dann auch schon bei meinem Freund Amedée Till im Restaurant “Kismet” und aßen orientalische Speisen, während wenige dutzend Meter hinter uns, im Hotel “Bayrischer Hof”, die Regierungschefs vieler Länder über die neue sicherheitspolitische Weltordnung verhandelten. Man hatte uns gewarnt: in München seien dieser Tage besonders viele Polizeikontrollen, weil die bayrischen Polizisten diesen Ausnahmezustand-nahen Zustand dazu nutzen würden, endlich mal richtig “Law and Order” durchzusetzen. Einer der Barkeeper erzählte gar die schöne Geschichte, dass sämtliche Drogendealer der Stadt das Münchner Sicherheitskonferenz-Wochenende klassischerweise dazu nutzen würden, zur Entspannung an die nahegelegenen Seen zu fahren.

Um 23 Uhr musste ich mich dann als DJ auftreten, im relativ neuen Club “MMA”, einer Berghain-artigen Industrie-Halle. Die App “Mayze”, eine Dating-App, wenn ich das richtig verstanden hatte, feierte ihren Launch und hatte neben mir und ein, zwei anderen DJs auch “Jake The Rapper” gebucht, einen alten Bekannten, der einst bei uns auf einer der Fashion Week-Partys aufgelegt hatte. Wir hatten alle großen Spaß, bekamen literweise Champagner gereicht und irgendwann kam dann auch mein Freund Paul Ronzheimer vorbei, der wohl genug hatte, von der politischen Berichterstatterei, die doch eigentlich sein Job ist und derentwegen er nach München zur Sicherheitskonferenz gereist war. Wir tanzten uns fast einen Wolf und gingen zu späterer Stunde in einen weiteren Club, bevor es dann irgendwann Morgen wurde, wie es immer Morgen wird.

Den Samstag verbrachten Giannina und ich auf dem Viktualienmarkt, wo wir – was ein Zufall – die Schmuckdesignerin Saskia Diez mit ihren bezaubernden Kindern trafen. Sie empfahl uns die beste “Brezn” des Markts, wir folgten dem Rat – und tatsächlich: es war die beste “Brezn” des Markts, die wir da aßen.

Auf dem Weg zur Flughafen-S-Bahn sprang ich noch viel zu schnell und viel zu kurz in das Restaurant “Kiss”, in dem mein Freund, der Künstler Milen Till schon auf mich wartete, schaute mir seine Ausstellung “Kiss Cuts”, die er grad dabei war abzuhängen, an und kaufte ihm eines seiner Bilder ab. Dann musste ich auch schon los und ich schäme mich etwas, da nur so kurz vorbeigehetzt zu sein. Beim nächsten Mal möchte ich länger bleiben, weil Milen doch ein wirklich toller Typ ist und ich wissen möchte, wie es ihm geht und was er so macht.

Ein Flugzeug der Lufthansa brachte uns zurück nach Berlin, wo ich abends noch den Filmemacher Ruben Meier traf. Ruben brauchte mich in Sachen Berlinale auf den aktuellen Stand und erzählte mir, dass er sich vier bis fünf Filme pro Tag angeschaut hatte, um das Niveau des Wettbewerbs einschätzen zu können. Besonders hoch sei das nicht, obwohl die Berlinale doch eines der Top-5 Filmfestivals auf der ganzen Welt sei. Ich schenkte ihm das Buch “Ali und Nino” in einer gebundenen, gebrauchten Ausgabe und statt nun zur Berlinale-Abschlussparty zu gehen, gingen wir beide nach Hause und lasen diese tolle Geschichte.

Den heutigen Sonntag verbrachte ich vor allem damit, mich zu fragen, was für ein krankes Verwirrspiel der Schauspieler Matthias Schweighöfer da mit uns spielt. Schweighöfer hat jüngst ein Album mit dem Titel “Lachen, Weinen, Tanzen” aufgenommen, auf dem er schwülstigsten Deutsch-Pop singt. Ich kenne ihn nicht persönlich, wir sind uns nie begegnet, aber ich kann und will mir das alles nicht anders erklären, als damit, dass er vielleicht eine ähnliche Mockumentary plant, wie sie einst Joaquin Phoenix mit “I’m Still Here: The Lost Year of Joaquin Phoenix ” gemacht hat. Vielleicht meint er das aber auch alles ernst.

Nur weiß ich dann auch nicht weiter.

Foto: Sebastian Berthold

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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