KW-6 2017: Was gewesen ist

Die vergangene Woche, die zu ihrem Ende hin so dermaßen an Fahrt aufgenommen haben sollte, dass es mich beinahe aus der Spur warf, begann doch eigentlich recht normal. Am Montagmorgen buchte ich endlich die Flüge nach Kuba, besuchte um die Mittagszeit eine Agentur, um dort umsonst einen Kaffee zu bekommen und traf am Nachmittag einen Reporter des Magazins “Business Punk”, der von mir das Geheimrezept unseres Erfolgs wissen wollte und ganz viele Fragen zu unserer Arbeitsweise stellte. Wir saßen so da, im Café Bravo und ich erzählte ihm die alten Geschichten, ein paar neue und was wir mit Dandy Diary eben noch so vorhaben in diesem Jahr. Und das ist ja sehr viel, aber dazu später mehr.

Am Dienstag nahm ich einen frühen Flug nach Zürich und war zum ersten Mal kurz davor, den Flughafen Berlin-Tegel doch plötzlich völlig bescheuert zu finden, bis mir einfiel, dass das Sicherheitspersonal in Schönefeld ja noch viel schlimmer und langsamer und unfreundlicher ist. Den Flug verpasste ich trotz allem knapp nicht.

In Zürich ging ich dann zuallererst in das Restaurant “Kronenhalle”, um dort zwischen diversen Picassos und Miros ein gezapftes Bier zu trinken und mich somit also in die historische Gästeliste zwischen Max Frisch, Alberto Giacometti und Yves Saint Laurent einzureihen, aufgefallen ist das aber ausser mir niemandem. Biertrinkend laß ich in dem Roman “Ali und Nino”, den Lev Nussimbaum wohl unter dem Pseudonym “Kurban Said” geschrieben hat. Mein Freund Rafi hatte mir das Buch einst als Andenken an unsere Handelsreise nach Aserbaidschan geschenkt und ich empfehle es hiermit ausdrücklich. Man kann darin viel erfahren, über den Orient, den Westen und die Liebe.

Abends traf ich dann im Migros Museum für Gegenwartskunst, auf dem Empfangscocktail der Modenschau “Mode Suisse” meine Freundin Ruth Gruca. Sie war extra aus New York gekommen, um sich hier einen Abend lang die Mode der Schweizer Designer anzugucken und wollte am kommenden Tag schon wieder zurückfliegen. Ich hielt das für verrückt, konnte sie aber auch nicht überzeugen, länger zu bleiben. Sie hatte schlicht zu viele Termine und auch ich hatte ja am darauffolgenden Tag schon einen Rückflug. Also schauten wir uns die Mode an und sprachen über dies uns das und das viele Reisen.

Im Umfeld der Modenschau traf ich auch Yvan, den Facehunter. Der weitgereiste Fotograf sollte von einer freien Redakteurin der schweizerischen Ausgabe des Magazin “L’Officel” interviewt werden, der ich noch schnell bei ein paar Fragen half, zum Beispiel, was nun aus seiner Snapchat-Agentur wird, wo doch alle nur noch das kopierte Feature bei der Konkurrenz von Instagram, die “Instagram-Stories” nutzten. Auf die Antwort habe ich nicht mehr gewartet, weil ich hungrig wurde und mir ohnehin vorgenommen hatte, das Magazin dann zu kaufen.

Ich aß in der total guten Mischung aus Markthalle und Restaurant “Les Halles” und war zufrieden. Nachts schaute ich im Hotel, dem kunterbunten 25 Hours Hotel im Westen Zürichs, den meisterlichen dänischen Film “Die Jagd”. Daraufhin schlief ich schlecht und verbrachte den kommenden Tag schlendernd mit Spaziergängen durch die Stadt, unterbrochen von dem Besuch der Ausstellung “Women: New Portrais” von Annie Leibovitz, die ihre Fotografien interessanterweise auch auf großen Fernsehern zeigte, und dem Besuch der Kunsthalle Zürich, mit ihrer unfassbaren Sammlung zeitgenössischer Kunst und alter Meister. Am Abend flog ich zurück nach Berlin und hatte keine Lust an dem Cocktailempfang von YSL Beauty und dem Interview-Magazin teilzunehmen, der sicherlich schon eine Andeutung dessen war, was in den kommenden Tagen folgen sollte.

Den Donnerstag beging ich mit verschiedenen Meetings, deren Inhalt nicht weiter der Rede wert ist. Nachmittags brachte ich meiner in Neukölln lebenden Schwester Blumen vorbei und freute mich darüber, dass man in ihrer Nachbarschaft Döner oder Artverwandtes noch für 2,50 Euro bekommt und so lud ich meinen Freund Tim Peters nicht besonders großzügig darauf ein. In Mitte, dachte ich noch, gibt es ja überhaupt nirgendwo einen Döner – was natürlich völlig übertrieben und falsch war.

Abends ging ich mit Giannina auf die Preview der neuen Ausstellung des Künstlers Michael Sailstorfer in der König Galerie in Kreuzberg. Sailstorfer hatte Auto-Skelette in Öfen verwandelt und so war es schön warm in der großen Halle der Galerie. Wir tranken Cremant, aßen ein paar Häppchen und waren gut damit beschäftigt dem Gefühl nach die Hälfte der anwesenden 300 Gäste zu kennen und mittels Smalltalk zu grüßen. Dem neuen Macher des Magazins der “Volksbühne” warf ich noch die beiden Titelvorschläge “Das Volk” (alternativ: “Das Folk”) und “Volker” zu und dann wurde es auch wirklich Zeit zu gehen.

In der Bar des Soho House nahmen wir noch ein zwei Drinks, trafen mehr oder minder zufällig alte und neue Freunde, wüteten kurz über die in einem der unteren Stockwerke stattfindende BVLGARI-Party und fanden uns dann in den Clubräumen des Restaurants “Borchardt” wieder, in denen, wenn mich nicht alles täuscht, der Künstler Ralf Schmerberg zur Party geladen hatte. Die Nacht nahm in den frühen Morgenstunden ihr Ende.

Am Freitag lud das Modemagazin 032c gemeinsam mit dem Modelabel der Stunde, Gucci, zur jährlichen Party. Im Theater “Bar jeder Vernunft” in Westberlin wurde Champagner gereicht und es waren natürlich wieder alle da, die immer da sind: Schauspieler, Künstler, Musiker, Restaurantbesitzer und Modeleute. Insgesamt davon aber nur 150 Stück – was den Abend intim machte und sowieso viel öfter gemacht werden sollte. Der Galerist Johann König brachte seinen Vater mit, die Sängerin Dillon sang traurige Lieder und ich trank Champagner.

Am späteren Abend gingen wir auf Zuruf einiger Freunde in die Disko Prince Charles, in der irgendein sicher sehr bekannter DJ mit einem Tonbandgerät auflegte, was gut aussah und sich gut anhörte. Wir tanzten wie von Sinnen und später trommelte uns Prince Charles-Eigentümer Michel Niknafs dann noch mindestens genauso von Sinnen den Rednex-Hit “Cotton Eye Joe” auf einem Tisch im Lager des Clubs vor.

Am Samstag war ich müde. Und hätte ich meinem lieben Freund Paul Ronzheimer, der eigens aus der Ukraine und dem dortigen Krieg gekommen war, nicht mehrfach versprochen, ihn zu begleiten, wäre ich an diesem Abend wohl auch nicht aufgestanden, um zur “Place to B”-Berlinale Party seines Arbeitgebers, der Bild-Zeitung, zu gehen.

Wir starteten den Abend bei unseren Freunden Robert und Leyla, die in ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg den vielleicht besten Blick über die ganze Stadt haben. Nichtmal vom Fernsehturm aus, sieht man besser, dachte ich, denn dort sieht man ja nichtmal den Fernsehturm, den ich so gern mag und der mir irgendwie immer auch heimatliche Gefühle macht, wenn ich ihn sehe. Paul erzählte von Amerika, wo er in den letzten Wochen gewesen war und Robert erzählte vom SPD-Kanzlerkandidaten Schulz, über den die Meinungen auseinandergingen. Mir fiel ein, dass mir in letzter Zeit allein drei Bekannte erzählt hatten, dass sie in die SPD eingetreten seien. Erst am Vorabend noch hatte ich mit dem WELT-Chefredakteur Ulf Poschard nicht nur über Disko und Latexhosen gesprochen, sondern auch genau darüber. Ich meine mich zu erinnern, dass er sogar eine Story darüber machen wollte – aber vielleicht wünsche ich mir das auch nur, weil ich eine solche Story gern lesen würde. Leyla war müde vom Vorabend, weil auch sie lang geblieben war, bei GUCCI, und fand, dass wir uns ein bißchen die Köpfe heißredeten, womit sie sicher nicht unrecht hatte. Also fuhren wir ins “Borchardt” und ließen Leyla schlafen.

Dort war es schon brechend voll und jeder Gast schien zumindest dem eingeweihten Beobachter aus der Klatschpresse bekannt zu sein. Zum Beispiel Bundestrainer Jogi Löw, der, so sagte man mir, mit seiner neuen Freundin gekommen war, und das, obwohl doch alle immer behaupten er sei schwul. Aber was weiß ich schon. Die Justin Bieber-Frisur saß jedenfalls. Im 1. OG des Restaurants fand dann die Party zum Empfang statt und ich war froh, dass Till Schweiger mich nicht erkannte oder sich auch nur an unseren gemeinsamen Film “Dichter und Denker” erinnerte.

Der Abend endete in der Kingsize-Bar, wo mir Palina Rojinski als erste in dieser Woche irgendetwas in Sachen Film erzählte, nämlich dass ihr Film “Willkommen bei den Hartmanns” der erfolgreichste deutsche Film aller Zeiten sei – was ich so recht gar nicht glauben wollte. Ach ja, dachte ich, und mir fiel ein, dass der Grund für all die Partys in dieser Woche ja die Berlinale, also die Berliner Filmfestspiele, ist. Warum hatte mich vorher noch niemand auf einen Film angesprochen?

Am Sonntag lud das Interview Magazin abermals zu einer Feier. Diesmal gingen Giannina und ich hin. Gemeinsam mit dem in London und New York etablierten Variete-Club “The Box” feierte das Magazin fünfjähriges Bestehen mit einer Bühnenshow zwischen Moulin Rouge und Pussy Ping-Pong – und wieder waren alle da und feierten sich selbst. Ich war müde und ging früh. Es war genug.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

Instagram