KW-50 2017: Was gewesen ist

Am Montag war der Schnee, den ich am Vortrag noch mit einiger Freude zu kindsfaustgroßen Kugeln geformt und gegen Hausfassaden geworfen hatte, schon wieder geschmolzen. Es blieb der übliche schwarze Schmutz auf den Straßen zurück und ich daher den ganzen Tag zu Hause.

Erst am Dienstag wagte ich mich wieder langsam aus dem Haus, getrieben einerseits vom Hunger, andererseits und vor allem aber von einem Termin, den wir hatten, um uns die Location für unsere nächste Fashion Week Party anzusehen. Und so schauten wir, das waren mein Partner David und unser Event-Mann Tim Peters, uns eine gerade im Umbau befindliche Baustelle an, testen die Lichtanlage, schauten auf den Toiletten nach, ob dort genug Platz sein würde, besprachen alles mit unseren Partnern, die in Fußballmannschaftsstärke angerückt waren, nickten wohlwollend und schüttelten dann eilig sämtliche uns bietenden Hände, um den Deal zu besiegeln. Die nächste Dandy Diary Fashion Week Opening Part würde am Berliner Alexanderplatz stattfinden, dem laut Medienberichten allergefährlichsten Ort unserer Hauptstadt, eine Tatsache, die uns doch wohl hoffentlich einen veritablen Imagetransfer einbringen sollte.

Abends nahm ich meinen Freund Tim mit zum Kickboxen, wo wir ein muskelfaserzerfetzendes Tritttraining absolvierten, nach dem wir beide nur noch sehr merkwürdig gehen konnten und Tim beim gemeinsamen Abendessen auf meiner monströsen Liegewiesencouch gleich drei mal am Ende seiner Kräfte schnurrend einschlief. Ich schaute mir währenddessen, kaum merklich mehr bei Bewusstsein als er, die Spiegel TV-Dokumentation über einen Schöneberger Hauseigentümer an, der versucht seine Altmieter loszuwerden, um das Haus dann teuer weiterzuverkaufen. Dazu bedient sich der gar nicht so sehr unsympathische Herr eines legalen Tricks: er vergab sehr günstige, jeweils nur sechs Monate laufende Mietverträge an zwei verfeindete Roma-Großfamilien, die sich nun im Haus, dahinter und davor bekriegen. Sobald der letzte Altmieter ob der gewalttätigen Streitereien aufgegeben hat, lässt der Vermieter die Verträge mit den Roma auslaufen und das Haus dann sicherlich auf Staatskosten räumen.

Ob der gewiefte Geschäftsmann das das Haus umliegende Viertel mit seiner Aktion langfristig allerdings aufwertet, darf bezweifelt werden. Erste nachbarschaftlich gelegene Geschäfte verbarrikadieren schon ihre Türen. Jüngst musste ein SEK-Kommando der Polizei anrücken, um einen Streit zu schlichten.

Vielleicht, so dachte ich abgekämpft neben meinem schnurrenden Freund liegend, ist der Alexanderplatz doch nicht der gefährlichste Ort der Stadt.

Als wäre nichts gewesen, ging ich am Mittwoch abermals zum Boxtraining und verfluchte mich selbst sehr dafür. Was hatte ich mir dabei nur gedacht? Nicht viel jedenfalls, weshalb ich nur unter größten Anstrengungen mithalten konnte.

Noch taumelnd vor Schmerz und Selbstmitleid schleppte ich mich abends auf die Weihnachtsfeier der größten Berliner Modefirma: Zalando. Dort hatte ich mich mit meinem Freund, dem Diskjockey Philip Mollenkott verabredet, um ein warmes Mahl einzunehmen und allen frohe Weihnachten zu wünschen. Mein Plan war es, noch vor dem Dessert zu gehen. Doch bevor das Dessert kam, also nach dem Hauptgang, sang der Rapper Yung Hurn noch schnell drei, vier Lieder für das vor abgegessenen Tellern sitzende Publikum und kämpfte fast bemitleidenswert um ein kleines bisschen Aufmerksamkeit. Und bevor ich mich versah, war mein Rotweinglas schon ein zweites und dann auch ein drittes Mal gefüllt mit diesem leckeren “Ink Red”-Wein vom Gut Friedrich Becker, den ich sofort in meiner Wein-App “Vivino” notierte, um ihn mir irgendwann einmal vielleicht nachzukaufen.

Es wurde dann natürlich doch ein langer Abend und ich traf auf der das Essen anschließenden Feier noch gut zwei dutzend Freunde und Bekannte aus der Modebranche und dann auch meinen Freund Tim, der sich von unserem brutalen Training schon wieder sehr gut erholt hatte, und ich wünschte allen ein gutes Weihnachtsfest, lauschte neuestem Branchengossip und ließ mich von meinem Freund Christian Meister dazu überreden, doch nun auch endlich, als allerletzer, in Kryptowährungen zu investieren, was ich wenig später mit bislang mäßigem Erfolg tat.

Am Donnerstag nahm ich einen ICE nach Düsseldorf, der bei störungsfreier Fahrt nur vier Stunden braucht, halb so lang also nur, wie derzeit der neue ICE von Berlin nach München. In Düsseldorf angekommen traf ich dort David und Korki und meinen Freund Peter Kaaden, der sich seit Wochen in den Ruhrpott zurückgezogen hatte, um Abstand von Berlin zu bekommen und ein bißchen bei Mami rumzuhängen.

Die Jeans-Firma Levi’s hatte uns eingeladen, auf ihrer internen Weihnachtsfeier aufzulegen, was wir sofort zugesagt hatten. Wir hatten uns außerdem überlegt, unseren Weihnachtshit “Christmas Time” in einer herzerwärmenden Halbplaybackversion, das hatten wir uns von Yung Hurn abgeguckt, zu schmettern. Für Korki und Peter, beide im übrigen rothaarig und hellhäutig, hatten wir uns einfallen lassen, dass sie während unserer Performance nur mit je einer Unterhose bekleidet, also fast nackt, auf dem Betonboden miteinander ringen sollten.

Nach knappen vier Minuten gemeinsamer Performance, sie ringend, wir singend, kippte der Ringkampf allerdings und plötzlich standen wir alle im feinen Pulver eines Feuerlöschers, den Peter eingesetzt hatte. Nach einem kurzen, weiteren Ringen mit den anwesenden Sicherheitskräften, wurden die beiden nackten, rothaarigen Männer in einen gläsernen Kasten gesperrt und der Kasten, in dem das DJ-Pult stand, abgeschlossen, bis weitere Sicherheitskräfte angerückt waren und die Nackten mit auf den Rücken verdrehten Armen ausschafften, wie man in der Schweiz so schön sagt.

David und ich durften bleiben, vielleicht mussten wir es auch, und wurden nun mit fragenden Gesichtern angeschaut. Welchen Song würden wir nun als Auftakt unseres DJ-Sets spielen sollen? Wie die herrschende, von Ratlosigkeit und Angst geprägte Stimmung auflockern? Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, wie wir uns entschieden. Aber was hätte da auch kommen sollen, nach dieser wohl schönsten Weihnachtsperformance aller Zeiten?

Die weitere Nacht verbrachte ich mit Peter, der in einer nahegelegenen Cocktailbar gewartet hatte, auf den Straßen von Düsseldorf, von Altbierkneipe zu Altbierkneipe ziehend, hier und da mal reinschauend, bis wir irgendwann müde wurden und selig im Hotel nebeneinander einschliefen.

Als ich am kommenden Mittag aufwachte, war Peter schon weg. Er hatte zurück nach Essen gemusst und mich schlafen lassen.

Ich schlenderte dann allein noch ein bißchen durch Düsseldorf, kam an einem Haus vorbei, auf das aus mir nicht bekannten Gründen mehrere Farbbeutelattacken verübt worden waren, dann ging ich über einen Markt, auf dem selbst die schlechtgekleidetsten Menschen noch ganz ausgezeichnet gewandet waren und sicher auch sehr reich, und wenige hundert Meter weiter in die fantastische Kunstsammlung K21 im Ständehaus.

Tief beeindruckt kletterte ich 25 Meter hoch über dem Boden in dem Spinnennetz des Künstlers Tomás Saraceno umher und brauchte einige Minuten um die irrsinnige Angst zu überwinden, das Netz würde nicht halten und ich auf dem Museumsboden aufschlagen. Das Großväterchen, das vor mir in das Netz steigen wollte, hatte schon nach den ersten beiden Schritten aufgegeben und so war ich ganz allein in der 2.500 Quadratmeter umfassenden Netzstruktur. Und ich kann das wirklich nur jedem empfehlen.

Ganz im Gegensatz zu der anderen Ausstellung übrigens, die ich mir im Anschluss angeschaut hatte: die Deutschland-Ausstellung des Satirikers Jan Böhmermann im NRW-Forum, die nicht viel mehr war, als ein Witz für Schulsprecher und eine Verlängerung der Jokes aus seiner ZDF-Sendung. Ausgesprochen überschaubar war sie außerdem und ich so zumindest schnell wieder draußen.

Weniger schnell war ich dann allerdings in Berlin, jedenfalls nicht wie geplant innerhalb von vier Stunden, da die Bahn ihre allwinterlichen Probleme hatte und mein ICE zweieinhalb Stunden Verspätung, die ich gern im Bordbistro verkonsumiert hätte, was aber leider nicht ging, weil dessen Personal Feierabend machen musste. Dass das W-Lan Signal im übervoll besetzten Zug nicht besonders belastbar war, überraschte mich dann auch nicht weiter. Und so schaute ich mit Tränen in den Augen aus dem regennassen Fenster und dachte an die schöne Zeit zurück, die ich mit AirBerlin gehabt hatte.

Zurück in Berlin überlegte ich, ob ich nichtmal probieren sollte, ein ganzes Jahr ausschließlich in Berlin zu verbringen und allerhöchstens mal bis zum Wannsee zu fahren, auf keinen Fall aber weiter. Das würde doch eine interessante Erfahrung sein, dachte ich, und vielleicht würde ich dann ja irgendwann aus Langeweile auch mal nach Spandau fahren oder nach Köpenick. Ich schrieb mir den Gedanken für später auf und hier tue ich es nun schon wieder. Mal schauen, mal schauen.

Den gesamten Samstag verbrachte ich damit, die Real-Crime-Doku-Serie “Wermut” bei Netflix zu schauen. Darin geht es um die Geschichte von Dr. Olson, einem beim amerikanischen Militär angestellten Forscher, dem in den 1950er Jahren im Rahmen des Projekts “MK Ultra” heimlich LSD verabreicht wurde, um die Möglichkeiten dieser Substanz zu testen, zu sehen, ob er Geheimnisse ausplaudert oder ob man seine Gedanken steuern könnte. Angeblich hatte sich Dr. Olson im Nachgang der Tests, die er nicht besonders gut vertragen hatte, in New York aus einem Fenster gestürzt. Sein Sohn (ich bin mir übrigens sehr sicher: der Hochstapler Gert Postel in der Rolle seines Lebens!) widmet dann wiederum sein eigenes Leben dem Aufdecken aller Widersprüche und findet heraus, dass Dr. Olson wohl von der CIA getötet wurde, aus Angst, der durch das LSD verwirrte Mann würde nun wirklich Geheimnisse ausplaudern. Während der sechsstündigen Doku atmete ich kein einziges Mal, so sehr packte sie mich.

Abends aß ich dann, immernoch ganz angefasst von dieser unglaublichen Geschichte, mit meinem Freund Rafael Horzon beim ewigen Trendasiaten “Monsieur Vong” hier in Mitte und besprach, um die sehr hohe Essensrechnung auch steuerlich absetzen zu können, mit Rafi, den ich fortan nur noch Trendforscher Dr. Matthias Horz nennen sollte, die Trends für das kommende Jahr 2018:

  1. Das Restaurant “Monsieur Vong” – und ganz allgemein die asiatische Küche.
  2. “Dancefloor-Jazz”, eine tanzbare Mischung aus Jazz, Soul und Funk.
  3. Die CD-Rom, auf der man fortan selbst größte Datenmengen auf kleinstem Raum speichern würde.
  4. Aquaristik: DER Interior-Trend 2018! Ganze Unterwasserlandschaften sind möglich, mit exotischsten Zierfischen.
  5. Fitness. Heimhanteln, Expander und Aerobic-Videos würden ein effizientes Bodyshaping auch zu Hause ermöglichen.

Wird das alles WIRKLICH kommen? Sind DAS die Trends für das Jahr 2018?, fragte ich zunehmend benommen und sah Rafi noch ein kleines Fläschchen wieder in seine tiefen Jackentaschen stecken.

Vielleicht war alles nur ein Test, um zu sehen, ob ich Geheimnisse ausplaudern würde, Trends zum Beispiel, von denen bislang nur Dr. Horz wissen konnte. Und so schwor ich mir, niemandem jemals davon zu erzählen.

Den Sonntag verbrachte ich noch am Leben. Ich laß in seit Monaten liegengebliebenen SPIEGEL-Ausgaben und verlor ein bißchen Geld beim Bitcoin-Handel, während ich im Hintergrund ganz leise Dancefloor-Jazz laufen ließ.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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