KW-49 2017: Was gewesen ist

Ach du scheisse, dachte ich eigentlich die gesamte vergangene Woche, das Jahr endet wirklich schon sehr bald. Als ob das irgendwas bedeuten würde, außer vielleicht für Leute aus der Knaller- oder der Kalenderindustrie. Beides geht mir aber sehr am Arsch vorbei, wie ich grad feststelle. Aber das ist ja auch schon wieder ein anderes Thema und um das soll es hier nicht gehen, sondern um die vergangene Woche, in der ich eben die ganze Zeit dachte: ach du scheisse.

Dabei hatte ich mir am Montag noch eine Vitaminspritze geben lassen und eine Impfung gegen die Grippe, um gewappnet zu sein, gegen den Berliner Winter und die Natur, die mir Böses will und die ich dafür verachte und bekämpfe, mit allem was die Pharmaindustrie zu bieten hat, weil die sich die Natur Untertan gemacht und auch den Mensch.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, meinen Nachbarn meinen dezidiert guten Musikgeschmack zu präsentieren, denn ich hatte eine ausgesprochen gut klingende neue Lautsprecherbox bekommen, von Marshall, der klassischsten aller Lautsprecherfirmen also, bekannt von sämtlichen Rockgitarristen auf der ganzen Welt und nicht so bekannt von sämtlichen Punkgitarristen auf der ganzen Welt, weil die am liebsten das ikonische weiße Schwungschriftlogo mit schwarzem Gaffa-Klebeband abklebten, um bloß nicht auch nur für irgendeinen Konzern Werbung zu machen.

Als jugendlicher Gitarrist in diversen Punkbands konnte ich mir nie eine Marshall-Box leisten, also klebte ich immer das Logo meiner günstigeren Box ab und hoffte, man würde sie so für eine abgeklebte Marshall-Box halten. Weniger Punk war ich sicher nie – und was für ein kleiner, kleiner Mensch.

Am Dienstag war ich beim Boxen. Und abends saß ich mit David im sicherlich besondersten Meeting unserer Dandy Diary-Laufbahn: bei Temperaturen um null Grad und eisigem Wind auf dem Dach eines Lofts in einem Whirpool, mit Blick über Berlin und auf den Fernsehturm, Bier trinkend, eine zukünftige Kooperation besprechend, Knie an Knie mit drei mir bis dato recht fremden Männern und eben David, alle nackt. Mehr kann ich hier leider nicht verraten, weil das der guten Sitte widersprechen würde, dem Kodex unter Geschäftsmännern, die gemeinsam im Whirlpool sitzen.

Am Mittwoch schlief ich bis weit in den Vormittag und träumte wild. Dann traf ich meine Schwester und später meinen Freund Quid, mit dem ich quer durch die Stadt fuhr, um Zutaten für den perfekten veganen Hot Dog einzukaufen, zu sourcen, wie man wohl neudeutsch sagt oder auch einfach auf englisch. Wir kauften sechs verschiedene Würste, drei Ketchups, kiloweise Röstzwiebeln, verschiedenste vegane Majonäse, wie man scheinbar sehr deutsch sagt und auch schreibt, und Brötchen und was man halt sonst noch alles braucht. Am Ende testeten wir dann alles mit allem und kamen nah dran an den perfekten veganen Hot Dog, aber eben nicht nah genug, also bestellten wir im Internet noch mehr Zutaten und fuhren ins Kino.

Im schönen Delphi Filmpalast schauten wir auf Weisung von und auch gemeinsam mit unserem Freund, dem Filmemacher Ruben Meier, den neuen Fatih Akin Film, zu dem Josh Homme von der großen Dessert-Rockband „Queens of the Stone Age“ den Soundtrack gemacht hatte.

Während Ruben von Minute zu Minute saurer wurde, fanden Quid und ich den Film gut. Mir waren natürlich wieder zwei irrsinnige Schnitzer aufgefallen, wie zum Beispiel, dass die Protagonistin (Diane Kruger) sich am Strand bei schon sehr tief stehender Sonne noch einmal mit Sonnencreme eincremt, was doch total unlogisch, wenn die Sonne bald untergeht. An den anderen unverzeihlichen Sinnfehler konnte ich mich schon Minuten nach dem Film nicht mehr erinnern, was mich umso wütender machte, sodass ich dann bald ähnlich wütend war, wie Ruben, der den ganzen weiteren Abend die Tatorthaftigkeit des Films geißelte. Nach zwei, drei Bieren in der nahe dem Kino gelegenen Paris Bar flachte der zwischenzeitlich zügellos gewordene Hass dann etwas ab. Dass ich Diane Krugers Schauspiel wirklich ausgesprochen gut fand, traute ich mich dann aber doch nicht mehr zu sagen.

In geisteskranker Frühe flog ich am Donnerstag nach Paris, schlief den Flug über, wachte erst im Taxi wieder auf, dass durch die Pariser Nordstadt fuhr, vorbei an vielen Obdachlosen, die in notdürftig improvisierten Planenunterkünften unter den Autobahnbrücken der Vorstadt hausten. Es fröstelte und der Regen peitschte. Die Stadt der Liebe kam hier an ihre Grenze.

Weiter drinnen in der Stadt, dort, wo man die Liebe noch erahnen kann, weil alles genau so aussieht, wie auf schönsten Postkarten und in den bekannten Filmen, also eigentlich wie vor mindestens 80 Jahren, schlenderte ich ein wenig rum. Meine Begleitung, die ehemalige Bloggerin Sarah Scalamari, ein Künstlername, hingegen flanierte. Und wie wir so durch Paris schritten und uns gegenseitig Anekdoten aus unseren beiden Welten erzählten und ich ein bisschen mit meiner auch nach Jahren der Abwesenheit noch exzellenten Ortskundigkeit angab, dachte ich nochmal ganz kurz darüber nach, ob Paris nicht vielleicht doch die schönste Stadt der Welt sein könnte und ich versuchte mir zu merken, im Frühjahr noch einmal wiederkommen zu wollen, wenn alles noch schöner sein würde.

Später stieß dann auch David zu uns und Silke und Melina, die uns ja eingeladen hatten, um hier einen neuen Laden für größtenteils nachhaltige Mode anzuschauen, der in St. Germain eröffnen würde. Und so schauten wir uns Schuhe aus Bio-Kautschuk an, Strickpullover und Leinenrucksäcke, bis wir nicht mehr konnten und glücklicherweise alle meinem nach wie vor sehr offensiv vor mir her getragenem ortskundigen Tipp folgten und wir in die legendäre „Brasserie Lipp“ gingen, am Boulevard St. Germain.

Das Lokal war erwartungsgemäß knüppelvoll und wir konnten wohl sehr froh sein, nach nur sehr kurzem Zank mit dem Kellner, wie es in Paris eben so üblich ist, den allerbesten Tisch zu bekommen. Dort aßen wir schweigend die schwere elsässische Küche mit all ihrem Fett und schauten durch den Raum und auf die Wandkacheln mit den exotischen Pflanzen, an die Decke mit den afrikanischen Gemälden und in die Gesichter der zuweilen sehr alten Gäste, die allesamt aussahen, wie Stummfilmstars aus den 1920er Jahren und die oft auch allein speisten, verlassen vielleicht oder verwitwet, in jedem Fall verwittert, lesend in einem Buch oder der Zeitung, und die beim Verlassen der Brasserie gestützt werden mussten, des Alters wegen oder des Essens. Es ist wirklich der schönste Ort dieser Stadt, dachte ich, noch immer schweigend.

Alle weiteren Erlebnisse in diesen kurzen Pariser Tagen, die wilde Tanznacht im Club „Le Montana“, all die Champagner-Vodka-Cocktails mit Erdbeerpüree, diese merkwürdige Wohnung am Champs Élysées, die absolute Fassungslosigkeit darüber, nachts in Paris nie ein Taxi zu finden, die Fußmassage, die Apfeltarte und der Kakao, allgemein die französischen Cafés, natürlich das Café de Flore, konnten damit nicht mithalten. Beim nächsten Parisbesuch, den ich mir immernoch fürs Frühjahr gemerkt hatte, würde ich mindestens die Hälfte der Zeit nur schweigend in der „Brasserie Lipp“ sitzen wollen, vielleicht bis zum Tod, so wie die anderen Gäste.

Das Wochenende verbrachte ich dann wieder in Berlin, aß am Samstag im Sälchen, auf dem ehemaligen Gelände der legendären Disco „Bar 25“ und engagierte mich dann noch ausgesprochen lang bei der Wohltätigskeitsfeier von „Ein Herz für Kinder“ im Restaurant „Borchardt“ für das Wohl der Kleinsten, indem ich mir reichlich Champagner nachschenken ließ und mit diesem und jenem bekannten, steinreichen oder mächtigen Menschen sprach, der oder die vorher hoffentlich viel Geld gespendet hatte.

Noch immer völlig beseelt von meinem sozialen Engagement für die Kinder eilte ich am Sonntag die Straße runter zur großen Eröffnung des Möbelgeschäfts „klik & stek“, das mein Freund Rafael Horzon gegründet hatte und in dem er jetzt zusammensteckbare Kindermöbel in bunten Farben verkaufte. Es war ein großer Erfolg, auch weil Rafi seine Weltneuheit natürlich geschickt in der Vorweihnachtszeit lanciert hatte, wo doch alle Rabeneltern langsam panisch werden, weil sie nicht wissen, was sie ihren verzogenen Privatschulkindern denn jetzt schon wieder schenken sollen, wo sie doch schon längst alles haben – Eltern wie Kinder.

Müde von der Woche und abgekämpft von einer einminütigen Schneeballschlacht mit dem blutjungen Micro-Influencer „_Banano“ schlich ich mich noch vor Ladenschluss nach Hause und schlief schon sehr bald, allerdings nicht, ohne vorher die komplette Staffel der irgendwie okayen, mich aber gar nicht mal so mitreissenden deutschen Netflix-Mystery-Serie „Dark“ zu schauen, ein.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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