KW-48 2017: Was gewesen ist

Während für den gemeinen Volkskörper die Woche am Montag mit Lohnarbeit und schlechter Laune begann, steckte ich meine gesamte verderbliche Macht in die Lektüre verschiedener Bücher, die ich nach wie vor einäugig (vgl. KW-47 2017) las. Darunter: “Hell’s Angels” von Hunter S. Thompson, “Homo Deus” von Yuval Noah Harari, einige Tageszeitungen und Berliner Gazetten mit verschwinden geringer Auflage.

Ich wagte mich nicht, mit meinem bandagierten linken Auge vor die Tür zu treten, aus Angst, nicht erkannt zu werden. Wie hätte ich darauf auch reagieren sollen?

Am Dienstag fühlte ich mich dann zumindest bereit nach West-Berlin, genauer: auf den Ku’Damm, zu fahren. Ich traf mich mit meinem Dandy-Partner David Roth bei unserem Notar in holzgetäfelten Räumen und unterschrieb die Gründungspapiere für ein neues Unternehmen, eine weitere Achterbahntalfahrt, die wir für 2018 geplant hatten und über die ich aus schierer Panik vor chinesischen Plagiatoren hier noch gar nicht allzu viel verraten mag.

Nachmittags besorgte ich mir mit David, es war schliesslich sehr kalt hier in Berlin, noch eine neue Winterjacke der italienischen Firma C.P. Company, die unlängst von der chinesischen Tristate Holding Ltd. übernommen worden war und empfand nichts dabei.

Und als würde dieser ganze Tag nicht ohnehin schon merkwürdige Korrelationen aufweisen, kochte ich abends zum ersten Mal seit Monaten, vielleicht auch Jahren, zuhause bei mir mit meinem Freund, dem DJ Quid Haden, eine “Pasta alla Puttanesca”, ein italienisches Nudelgericht nach Hurenart also. Es schmeckte sehr gut, aber ich hatte auch nichts anderes erwartet. Weder von dem Gericht mit dem interessanten Namen, noch von den immerguten Kochqualitäten meines lieben Freundes. Ich hatte mich mit dem Schneiden verschiedenen Gemüses begnügt und mit dem Nachschenken des roten Weins.

Immernoch gestärkt von der Pasta vom Vorabend ging ich am Mittwoch erstmalig seit anderthalb Jahren wieder zum Boxen und meldete mich nach der überaus anstrengenden und nicht sehr glamourösen Stunde meines Comebacks völlig übermannt von den positiven Gefühlen dieser nun hinter mir liegenden körperlichen Tortur für ein 21-tägiges Intensivtraining, das ich übrigens schon am darauffolgenden Tag schwänzen sollte, an.

Das, also das mit dem unrühmlichen Schwänzen, mag daran gelegen haben, dass ich am Mittwochabend nur ganz kurz beim Kollektionslaunch (Bomberjacken, Pullover, T-Shirts, Socken und Schals mit dem Aufdruck: Tokio Hotel, Magdeburg und Los Angeles – genial! Was für eine Welt!) meines Freundes Bill Kaulitz im “The Store”, dem Luxusmodegeschäft des Hotels “Soho House” vorbeigeschaut hatte, dann doch etwas Wein trank und dann noch etwas mehr, und am Ende im Restaurant “Grill Royal” landete und dort mit Boris Radczun, Freund, aber auch Betreiber des Grills, seine Auszeichnung zum Gastronom des Jahres (Gault Millau) feiert, indem wir im Raucherraum bis spät in die Nacht die heißesten Hits der 1980er Jahre spielten und uns tanzend eigentlich permanent in den Armen lagen.

Am Donnerstag bekam ich Hunger und so traf es sich gut, dass ich zum “Young Icons”-Dinner der Zeitung Die Welt eingeladen war. Hier sollten vormalig für den “Young Icon”-Award nominierte, auf aktuell nominierte junge Ikonen treffen und sich ungezwungen kennenlernen. Es war ein kleiner Rahmen: etwa dreißig Junge standen entspannt in einem der Türme des Frankfurter Tors rum und stehempfingen sich gegenseitig bei Häppchen, Prosecco (!) und Wein. Ich war eingeladen, weil wir mit Dandy Diary im Frühjahr 2017 für den Award in irgendeiner Kategorie nominiert waren. Zur damaligen Preisverleihung waren wir allerdings, wir mir nun auffiel, nicht eingeladen gewesen und als ich auf diesem Stehempfang jetzt nachfragte, warum denn eigentlich nicht, kam die überraschende Antwort, dass die zuständige Event- und PR-Agentur davon abgeraten hatte, aus Angst, wir würden die Veranstaltung in irgendeiner Art stören – und das fand ich jetzt auch etwas störend, empörte mich kurz und ließ mich dann auch schon wieder von einem Magier mit Taschenspielertricks ablenken. Zur nächsten Preisverleihung seien wir aber eingeladen, versicherte man mir dann noch eilig, bevor ich ging und mit meinem Freund Philip Mollenkott die ehemalige Stalin-Allee Richtung Alexanderplatz langspazierte, durch eine frostig-neblige Winternacht, und auf fast alle Menschen auf der Welt schimpfte, wie wir es eben oft, gerne und wie ich finde auch ganz gut machen. Viva Hate!

Freitagfrüh kaufte ich im Berliner Fischmarkt, der größer klingt, als er tatsächlich ist, nämlich nicht viel mehr als eine Fischtheke und ein bißchen Deko (mannshoher Hummer, mannshoher Karpfen, Fischernetz), zwei Kraken, fuhr damit in das Fotostudio EyeCandy Berlin, legte David und mir die glitschigen Dinger ins Gesicht und ließ die Fotografinnen Juliette und Fanny ihren Job machen. Mehr dazu bald hier.

Als ich den Fischgeruch am späteren Nachmittag endlich vom Körper hatte, ging ich frischgeduscht weiter meiner Kickboxkarriere nach und fing beim Sparring mit meinem allerdings auch körpergewichtlich deutlich überlegenen Freund Tim Peters ein paar Faustschläge. Er allerdings auch.

Das konnte man von meiner zweiten Sparrings-Partnerin allerdings selbst sehr wohlwollend betrachtet nicht behaupten. Als ich sah, dass sie nur einen Handschuh trug, bat ich sie, doch einen zweiten anzuziehen, damit sie sich nicht verletzte. Sie erzählte mir dann, dass ihre rechte Hand gebrochen sei und sie nur mit links boxen würde, das sei aber auch okay so. Was dann passierte mag ich nicht weiter ausführen.

Abends schleppte ich mich schwer traumatisiert auf die Lesung meines Freundes Rafael Horzon, der über dem Lokal “3 Minutes Sur Mer” vor genau 123 Gästen aus seinem Text “Tief gekränkt verließ er das Haus” las. Die gesamte Berliner Kulturlandschaft war gekommen, um den wichtigsten Pressetext aller Zeiten vorgelesen zu bekommen und den Autor danach frenetischst zu feiern – inklusive Autogrammstunde und exzessiver After-Lesungs-Party in der Kneipe “Chausseestr. 131” in der Chausseestraße 131, von der ich nur mit größter Mühe gegen vier Uhr nach Hause fand, zwei Häuser weiter.

Am Samstag verließ ich das Haus und meinen brandneuen Jogginganzug vorerst nicht und schaute mir in beidem den Zweiteiler “Brüder” an und dann noch die dazugehörige Dokumentation “Sebastian wird Salafist” und kann beides nur empfehlen.

Später am Tag holte ich meinen Freund Moritz von Uslar ab und wir schlenderten durch unser Dorf Mitte bis hin zum Roten Rathaus, wo unser Freund Paul Ronzheimer eine Veranstaltung der Kampagne #farbenbekennen moderieren sollte und das dermaßen abgeklärt, ja: cool, und schlicht perfekt dann auch machte. Selbst bei den kirchentagsmäßigsten Liedermacherperformances bewahrte er die Fassung. Allein dafür gebührt ihm höchster Respekt.

Die Kampagneninitiatorin Sawsan Chebli stellte gemeinsam mit Paule einige Protagonisten der Werbekampagne vor, die merklich in zwei Richtungen zielt: zum einen wird gezeigt, wie toll die Integration funktioniert, zum anderen werden auch nochmal die Geflüchteten, aber auch wir hier geborenen daran erinnert, welche Regeln es in Deutschland gibt und dass man natürlich auch daran zu halten hat.

Das klingt dann so: “Typisch deutsch findet Sinan Mohammed: sich an Regeln halten”

Okay, okay, verstanden.

Die Veranstaltung wurde übrigens von Coca Cola gesponsert, was nicht weiter an die große Glocke gehangen werden sollte, spätestens aber dann auffiel, als der in Bill Gates-Jeans gekleidete Bürgermeister Michael Mollenkott, sich vor einem gebrandeten Kühlschrank von der Presse fotografieren ließ. Naja, okay. Irgendwer musste die dünne Kartoffelsuppe ja finanzieren.

Meinen persönlichen Höhepunkt des Abends bildete das Duo zweier Geflüchteter, die Lieder aus ihrer Heimat spielten, wobei der Keyboarder ein hinreißendes Ziehharmonika-Solo auf seinem Media-Markt-Synthesizer hinlegte.

Im Anschluss an die Gala im großen Saal des Rathauses gingen Moritz, Paul und ich noch zu einem Gesamtasiaten im nur halb historischen Nikolaiviertel, das, wie mir Moritz erzählte, in der DDR zu seiner 750-Jahr-Feier mit mehr oder minder authentisch historisch anmutenden Plattenbauten im Mittelalterlook wiederaufgebaut worden war. Puh! Im Restaurant unserer Wahl gab thailändisch, vietnamesisch, chinesisch und japanisch und alles war, soviel kann ich sagen, von gleicher Qualität.

Wir sprachen über dies und das und bald auch über die politische Situation in Berlin und Moritz empfahl uns den SZ-Artikel des Historikers Heinrich August Winkler, der darin erklärte, dass eine vierte große Koalition gewissermaßen eine größere Gefahr für die Demokratie darstellen würde, als eine Minderheitsregierung.

Den Artikel laß ich erst am Sonntag und war aufgrund der nüchternen Erklärung sofort einverstanden. Na klar, das ist es doch: eine Minderheitsregierung!

Sofort schrieb ich ganz aufgeregt Moritz und Paul in unsere SMS-Gruppe – und hier muss ich auf Empfehlung von Moritz wörtlich zitieren:

SMS 1: Vielleicht ist die Minderheitsregierung ja überhaupt das neue Ding. Vielleicht kann man damit total DURCHREGIEREN. Alles kann, nichts muss. Irgendwer macht immer mit. Wie im Swingerclub. Wenn der eine nicht will, geht man halt ein paar Meter weiter (z.B. nach rechts).

SMS 2: Modern ungebunden.

SMS 3: Zwanglos III.

SMS 4: ein Google-Foto des Berliner Swingerclubs “Zwanglos III”

Um von dieser neuen Klarheit etwas runterzukommen, schaute ich im weiteren Verlauf des Sonntags in einer sechsstündigen Marathon-Session mit meinem Freund Philip Mollenkott alle sechs Folgen der Neuköllner-Clan-Serie “4 Blocks”, fand nur einige Szenen Banane, und wurde insgesamt, das kann ich sagen, gut unterhalten.

An die Minderheitsregierung dachte ich erst kurz vor dem Einschlafen wieder. Ich schlief traumfrei und selig und dachte noch: alles wird gut. Bedenken second.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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