KW-47 2017: Was gewesen ist

Ich renne ja immer noch der verlorenen Zeit hinterher, die ich doch eigentlich konservieren wollte, in dieser wöchentlichen Schreiberei hier, damit ich nachlesen kann, was ich nicht mehr erinnere. Und nun muss ich mich eben doch erinnern, an das, was vergangene Woche war, die ja auch schon wieder einige Tage zurück liegt. Es ist natürlich viel passiert und aber auch nichts, je nach Sichtweise. Ich fange mal an.

Montag war der erste Arbeitstag in Berlin für mich seit Wochen und es gab viele Leute zu treffen, weil ich eben so lang weg war und so begab es sich, dass ich erst im wunderbaren Restaurant Dînette saß und eine Suppe aß und einen halben Salat, dort meinen Freund, den Betreiber Alexander Licikas sah, natürlich David, und unsere Freunde und Partner von Heineken, mit denen wir besprachen, was so los war, im fast schon vergangenen Jahr und was kommen wird, im kommenden.

Den nachmittäglichen Kaffee nahmen David und ich im Luxusmodegeschäft The Store ein, das ja auch Café ist und Plattenladen, Magazinhandlung und Ort zum rumlümmeln, und dort hielten wir das ab, was man ein Meeting nennt, eine Zusammenkunft, bei der wir ebenfalls über kommendes sprachen, nämlich über ein 2018 erscheinendes weiteres Dandy Design, ganz in weiß. Mehr darf aber nun wirklich nicht verraten werden.

Den Rest des Tages und einen Großteil der darauffolgenden verbrachte ich damit, die bei sämtlichen Nachbarn und umliegenden Paket-Filialen liegenden Pakete, Großbriefe und Päckchen abzuholen, die sich dort in den Wochen zuvor angesammelt hatten. Besonders leid tat mir die Zahnarzthelferin aus dem Erdgeschoss, die sich ihr Empfangsbüro scheinbar wochenlang mit mehreren umzugskartongroßen Paketen hatte teilen müssen. Sorry nochmal.

Ich hatte also einen Haufen neuer Klamotten bekommen, Schuhe, ein paar Mahnungen, einen Brief vom Gericht und dutzende Magazine, die ich mir dann nach und nach anschaute, bis ich glücklich darüber, endlich mal wieder in der eigenen Wohnung zu sein, auf dem Sofa einschlief.

Am Dienstag ließen David und ich uns bei gefühlten Minusgraden in sportlicher Kleidung fotografieren und ich zweifelte kurzzeitig an Berufs- und Ortswahl, was beides natürlich nie eine Wahl war, sondern wie alles Gute nur dem Zufall geschuldet.

Abends referierten wir dann noch sehr weit draußen, man nennt es wohl Steglitz, an einer Privat-Universität, die in der wunderschönen Villa des erweiterten Siemens-Clans residiert, vor etwa fünfzig Studentinnen die bemerkenswertesten Anekdoten aus unserem Berufsalltag. Und wie wir das so saßen und erzählten, zweifelte ich dann nicht mehr an unserem Beruf, der ja doch ein guter ist. In eisiger Kälte fuhren wir stundenlang durch die reichen Villenbezirke unserer Stadt zurück dorthin, wo wir lebten.

Am Mittwoch trank ich mit meinem Freund Moritz von Uslar genau ein kleines Bier im Quelleck, der besten Kneipe von Berlin-Mitte also, und dieses Bier schmeckte besser als alle Biere, die ich in New York getrunken hatte. Es muss an “Berlins ältester Zapfsäule” gelegen haben, die der Außenwerbung an den beschlagenen Fensterscheiben der Kneipe nach dort ihren Dienst leistet.

Später am Abend spielten David und ich noch ein funky DJ-Set auf einer Gala im Friedrichstadtpalast und winkten noch später auf der Späti-Party der Jeans-Firma Wrangler in Neukölln in einen stickigen Kiosk – und verließen das sich dort gerade formierende Schlachtfeld der Nacht rechtzeitig, um ungeschoren davon zu kommen.

Schließlich wollte ich am Donnerstag topfit nach Hamburg fahren, was ich dann auch tat, um dort den Geburtstag meines lieben Freundes Martin Lohr zu feiern.

Ich fuhr mit dem ICE nach Hamburg und neben mir saß mein Freund Philip Mollenkott und weil wir spät dran waren und man das ohnehin nie tun sollte, lösten wir vor Fahrtantritt auch kein Ticket. Zu meinem Glück musste dann auch nur Philip im Zug nachlösen, während wir beide den Schaffner in einen unnötigen Smalltalk verwickelten, sodass er dann irgendwann froh war, weitergehen zu können – und vergaß nach meiner Fahrkarte zu fragen.

Der Abend begann also gut und wurde dann noch einige Umdrehungen besser, als wir mit einem guten dutzend Freunden in der sehr angenehmen italienischen Restaurant “Da Remo” Martinstag feierten. Und noch besser wurde er dann, als auch noch Giannina dazu kam, die für zwei kurze Arbeitstage nach Deutschland gekommen war.

Irgendwann brachte die Bedienung mir dann eine Flasche von dem Rotwein, den wir schon den ganzen Abend tranken, und schenkte sie mir im Namen eines Herren, der im Hinterzimmer säße. Unsicheren Schritts ging ich einige Minuten später mal im Hinterzimmer nachschauen und öffnete die Tür zu einem verrauchten Raum, in dem der Besitzer des Restaurants, seine Mutter, ein weiterer Herr und mein alter Buddy Erfan saßen. Erfan hatte ich vor einigen Jahren über den Rapper Haftbefehl kennengelernt, dessen Manager er war. Und hier im Restaurant war er, wie dann rauskam, wohl seit Jahrzehnten Stammgast und sowas wie der Pate. Große Wiedersehensfreude jedenfalls allerseits.

Der Abend ging weiter und weiter und endete spät, ganz kurz, bevor die Sonne hinter Hamburgs ewigem Regenwolkenvorhang aufzugehen drohte.

Am Freitag trafen Gia und ich dann Alyssa, die aus Berlin gekommen war, um hier abends mit Gia in einem Modegeschäft ein paar funky Tracks aufzulegen, und wir aßen erst in der Pfälzer Stube Hatari und später am Abend, nach dem großen DJ-Gig, im Café Paris, dem vielleicht zweitschönsten Restaurant Hamburgs (nach dem Basil & Mars natürlich). Dazwischen traf ich noch meinen wahnsinnigen Anwalt Christian Nagel und stieß mit ihm und einem fürchterlichen neonblauen Cocktail auf einen wichtigen Gerichtserfolg an, an dem wir, aber doch vor allem er, seit Jahren gearbeitet hatten. An viel mehr kann ich mich für diesen Tag nicht erinnern. Außer vielleicht noch an den wirklich schönen Abendhimmel, als die Wolken endlich aufrissen und alles rot und rosé, pink und lila leuchtete, zumindest am Himmel.

Schon wieder eine große, herzzerreißende Abschiedsszene am Samstag, weil Gia zum Flughafen und zurück nach New York und ich nach Berlin fuhr, später, war ich auch schon fast wieder in der Hauptstadt, band meinen Schlips, haarsprühte mir die Frisur in Form und bereite noch schnell meine Lesung vor, die ich am Abend auf der Influencer-Preisverleihung im Journalistenclub des Axel-Springer-Verlags halten würde. Aber das steht ja auch alles schon seit Tagen hier.

Nach dem eisigen Schweigen, das auf meinen Vortrag folgte, betrank ich mich in einem geisteskranken Tempo mit zwei Gläschen Champagner und tanzte dann die ganze Nacht wie ein Derwisch auf dem drei mal drei Meter großen Dancefloor. Mein Freund Ronzi, der Journalist Paul Ronzheimer also, versuchte mich zu bändigen, aber er hatte keine Chance und tanzte irgendwann dann auch selbst mit. Zwischenzeitlich hatte er mich jedoch mit der Moderatorin Sylvie Meis verwechselt, die verwundert auf einen Tisch flüchtete, als er begann seinen Rücken an ihr zu reiben.

An den Rest des Abends kann ich mich glücklicherweise nicht erinnern.

Den Sonntag verbrachte ich damit, mein geschwollenes Auge zu kühlen und mir einäugig die große, große Dokumentation “Jim & Andy” anzuschauen, deren Bilder seit zwanzig Jahren im Archiv lagen, bis Jim Carrey sie nun endlich freigegeben und kommentiert hat. Sie zeigt ihn bei den Dreharbeiten zu “Man on the Moon”, einem der fünf besten Filme aller Zeiten.

Ich schaute mir die Doku gleich zwei mal an, immer mit nur einem Auge.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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