KW-46 2017: Was gewesen ist

Ich hänge noch immer genau eine Woche hinterher, bei dieser wöchentlichen Kasteiung, dieser für dieses Jahr ja nun bald schon endenden Kolumne.

Nun, wie war sie also, die Woche vor der vergangenen Woche? Sie war ganz gut, würde ich sagen, auch um Zeit zu gewinnen und flink darüber nachzudenken, was denn überhaupt gewesen ist.

Es war meine letzte Woche in New York, zumindest für dieses Jahr, und so stapfte ich wohl, genau weiß ich es nicht mehr, aber ich vermute mal, dass es so war, schon leicht wehmütig durch die Stadt, die sehr kalt geworden war, das allerdings bei allermeist wolkenfreiem, blauem Himmel.

Ich schlenderte ein bißchen durch Harlem und drückte mich dort am legendären Apollo Theater rum, in dem quasi alle wichtigen afroamerikanischen Musiker ihre Karriere begannen: Ella Fitzgerald, Duke Ellington, Louis Armstrong, Michael Jackson, Count Basie, Nat King Cole, James Brown. Von dort schlenderte ich gut fünfzig Blocks nach Süden und verharrte kurz vor dem Apartmenthaus mit Blick auf den Central Park, in dem einst John Lennon mit Yoko Ono gelebt hatte und vor dem er am 8. Dezember 1980 von einem religiösen Fanatiker erschossen worden war. Vor diesen beiden musikhistorischen Orten hörte ich die jeweils damit verbundene Musik und war dankbar für Erfindung des Musikstreamingdienstes Spotify und meiner amerikanischen Internet Flatrate, die im Gegensatz zu den meist schon in der ersten Monatshälfte aufgebrauchten deutschen Flatrates ihren Namen nicht allmonatlich in den Schmutz zieht.

An welchem Tag dieser Woche auch immer es gewesen sein mag: wir, also Giannina und ich, gingen abends ins Guggenheim Museum, in dem die jährliche Fête „Guggenheim International Gala“, die sich das Museum von der Modemarke Dior bezahlen ließ, stattfand. Und während wir uns nun zwischen lauter Upper West Side-Anzugträgern und -Pelzträgerinnen mit Champagner betranken, spielte auf einer runden Bühne in der Mitte der Rotunde die amerikanische Mädchenband Haim, deren Bassistin für ihre sehr expressionistische Performance bekannt und die nun erstmal meine Lieblingsband ist.

Im Laufe dieser Woche schickte mein Freund Miky mir zwei Zeichnungen, die seine Freundin Linda angefertigt hatte. Sie hatte zwei Szenen, bei denen wir uns getroffen hatten, einmal in einer schwitzigen Bar in Havanna und einmal auf einem Boot mit Außenboarder auf Capri, gezeichnet und Miky schrieb mir dazu, dass dies eines der schönsten Jahre seines Lebens gewesen sei und er sich freute, dass wir dabei waren. Und er hatte natürlich recht: ja, es war ein schönes Jahr und ist es noch immer und es ist gut, dass er mich daran erinnert hat, man darf das ja nicht vergessen. Was sollte ich darauf nur antworten? Ich weiß es nicht mehr und traue mich nicht, nachzuschauen. Es wird nicht adäquat gewesen sein. Wie könnte es auch.

Zum Ende der Woche hin fuhr ich noch einmal Upstate, also aus der Stadt hinaus, raus aus New York, rein in den Staat, in die Natur. Ich fuhr Zug und schaute aus dem Fenster, fuhr an der legendären, wunderschön gelegenen Militärakademie West Point vorbei, den Hudson, mehr langer See als Fluß, hinauf, bis nach Beacon, einen kleinen Ort auf dem Hügel, mit weitem Blick.

Das dortige Kunstmuseum Dia:Beacon gilt als eines der besten der Welt und ist untergebracht in einer 27.000 Quadratmeter riesigen, ehemaligen Keksfabrik. Dort schaute ich mir, streng beäugt von nicht sehr gut gelaunten Museumsaufpassern, es ist ja auch ein scheisslangweiliger Job, monströse Stahlarbeiten von Richard Serra an, sehr viele Neonröhren-Arbeiten, mal wieder eine Spinne von Louise Bourgeois und die riesigen Löcher von Michael Heizer. Bevor die Sonne viel zu früh unterging hetzte ich noch einmal durch das sehr amerikanische Städtchen, lauschte am Bahnhof dem Streit zweier junger Mütter, die sich gegenseitig zu erklären versuchten, wessen Mann nun wen von ihnen angemacht hatte und fuhr dann zurück in die Stadt, nach New York.

Am Freitag reiste ich ab, zurück nach Deutschland, Giannina noch winkend, wehmütig der schönen Zeit hinterherdenkend, bis ich am Flughafen JFK International eine Cola bestellte und eine nach Chlor schmeckende Pepsi Light mit zerstoßenen Eiswürfeln bekam, mich beinahe übergab und anfing, mich auch ein kleines bißchen auf die alte Welt zu freuen, wo so etwas nicht existiert und sicherlich auch verboten ist, zumindest aber gehört.

Ich flog nach Düsseldorf, nahm von dort einen ICE, wunderte mich sowohl am Flughafen als auch im Zug über diese irre Sauberkeit, und fuhr nach Bielefeld, wo ich am Samstagabend auf David traf und wir gemeinsam in der örtlichen Boutique Brooks an einem Gespräch über die Mode teilnahmen. Wir erzählten einige Anekdoten aus unserer Arbeit und dabei trank ich fast unbemerkt, jedenfalls nicht von mir, eine Flasche Rotwein und so war ich dann auch bester Laune, als wir anschließend im Keller des Geschäfts ein wahnsinniges DJ-Set überperformten, bis die Anlage kaputt war und ausgetauscht wurde und dann noch ein bißchen länger. Es war eine irrsinnige Energie in diesem kleinen Kellerraum und Bielefeld zeigte sich von seiner allerbesten Seite, ekstatisch tanzend, schwitzend, schreiend, auf dem Boden wälzend – oder waren das nur wir gewesen? Egal, es war eine heiße Nacht und wir waren gern da.

Das sonntägliche Mittagessen bei meinem Großvater, der vor kurzem nach Bielefeld gezogen war, weil er hier als Kind mal gewohnt hatte und nun noch einmal hierhin zurückkommen wollte, war schattiert von diesem Abend und ich trank das Glas Rosé Wein nur widerwillig aus und nahm bald den Zug nach Berlin. Hier war ich lange nicht mehr gewesen. Es wurde Zeit nach Hause zu kommen.

Foto: Artur Birkle

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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