KW-44 2017: Was gewesen ist

Während ich gemeinhin den Montag als zweiten Sonntag preise und ehre, wie Gott ihn nicht schuf, war es diesmal ein bisschen anders aber noch besser. Gia hatte Geburtstag und so aßen wir uns durch den Tag, tranken hier einen Kaffee und dort, frühstückten anderthalb mal, flanierten im Kriechtempo durch Soho und ließen uns in Chinatown massieren.

In meinem Fall war dann allerdings eher die griechische Wortbedeutung von Massage gemeint, die sich von “kauen” oder “kneten” ableitet, nicht die angenehmere arabische, deren Ursprung von “Berührung” kommt. Ich wurde also ganz ordentlich hart angepackt, von einer kräftigen Frau, während mein Gesicht durch ein gepolstertes Loch in der Massageliege auf einen abgewetzten schwarzen Teppich schaute und sich erste Tränen in meinen Augen sammelten. Wir hatten eine dreißigminütige Massage gebucht und schon nach den ersten Sekunden war mir klar, dass das auch reichen würde. Absolute Gewissheit hatte ich dann, als die Masseurin, die Kauerin also, die Kneterin, sich auf meinen Rücken stellte und sich mit ganzer Kraft in einzelne Muskeln stellte: in, nicht auf! Ihre Fersen bohrten sich tief in meinen Körper und auf die Frage, ob alles okay sei, konnte ich gar nicht anders, als mit einem schmerzhaften Stöhnen zu antworten, was sie als “ja” zu deuten schien, für ein “nein” reichte meine Kraft schlicht nichtmehr, ich befand mich im Überlebenskampf. Mindestens zwei mal war ich mir sicher, dass sie mir einen Wirbel gebrochen hatte, einmal beim Schulterblatt. Ich war also sehr froh, als sie von mir abstieg und zum großen Finale nur noch kochend heiße Steine auf den malträtierten Rücken legte und dort ließ, bis sie sehr, sehr langsam kälter wurden.

Gianninas Massage schien angenehmer gewesen zu sein, jedenfalls war ihr Blick nach der Massage deutlich weniger erschöpft und ängstlich als derjenige, den ich im Spiegel erblickte.

Abends gingen wir mit einigen New Yorker Freunden im “Lucien” essen, diesem angenehm französischen Restaurant zwischen Lower East Side und East Village und aßen und tranken und feierten den Geburtstag, so, wie man Geburtstage feiert: gesellig und laut, mit aufgehobener Tischordnung, irgendwann im ganzen Restaurant und mit viel Wein und einmal auch mit obligatorischer Happy Birthday-Kakophonie. Und am Nachbartisch saß der linksradikale Kolumnist Jakob Augstein in junger Begleitung und aß zu Abend, was sicher für das Restaurant spricht. Auch ihn erblicke ich ja regelmäßig ängstlich und erschöpfend beim Blick in den Spiegel.

Der Abend schritt voran und wir fuhren noch hier und dort hin, ins The Blond, diese angesagte aber irgendwie zu saubere, zu steife Angeberbar im 11 Howard Hotel und dann schnell weiter in eine schmutzigere im East Village und als dann alles langsam zu machte, gingen wir in ein Hotelzimmer in Soho und tranken dort die Mini-Bar leer, woraufhin wir in das nächste Zimmer wechselten, weiter oben, bis auch dort die Mini-Bar leer war und dann wechselten wir wieder das Zimmer, als schon lange Morgen war und die Mini-Bar wieder gefüllt.

Unser Freund Lucien zeigte uns zwischenzeitlich den Trailer zur Serie “Snatch”, die bald auf Netflix läuft, ein Spin-Off der legendären britischen Gangster-Groteske. Lucien spielt darin die Rolle, die im Original Brad Pitt gespielt hatte, einen Jahrmarktsboxer namens “One Punch Mickey O’Neill”. Dass nun ein farbiger Hauptdarsteller die Rolle des Pavee, des irischen Zigeuners also, spielt, ist bemerkenswert, finde ich – und warte seither darauf, dass die Serie endlich mal bei Netflix zu sehen ist. Den richtigen Akzent hat Lucien in jedem Fall drauf und so verstand ich an diesem frühen Morgen in Zimmer 33 des Sixty Soho Hotels nur etwa die Hälfte von dem, was er mir erzählte. Ihm ging es mit mir aber sicher genauso.

Die Geburtstagsfeier neigte sich, es muss schon hell gewesen sein, dem Ende und wir fuhren durch, wie es schien, eigens für uns abgesperrte Straßen nach Hause. Dort verschliefen wir dann die Amokfahrt des Irren, der unweit unserer Feier an diesem Nachmittag in eine Menschenmenge gefahren war und mehrere Menschen getötet hatte. Die tagelangen Halloween-Feierlichkeiten waren mit dieser Attacke spätestens vorbei, auch wenn die jährliche Parade noch trotzig abgehalten wurde. So richtig Lust zu feiern hatte jedoch niemand mehr. Und so schliefen wir lang und unruhig und wachten erst am Mittwoch wieder auf.

Nur unterbrochen von einem Abendessen im wirklich ausgezeichneten italienischen Restaurant “Babbo”, das der Musikmanager Jon Lieberberg für uns ausgesucht hatte, weil der Wein hier so gut war, die Musik und das Essen, verbrachte ich den Donnerstag mit der neuen Staffel von “Stranger Things”. Jon brachte uns während dieser Unterbrechung wissend auf den neuesten Stand in Sachen Gossip von der West-Coast, wo er lebt, und ich war zugegebenermaßen erstaunt, dass er tatsächlich alles über Justin Bieber und Selena Gomez und The Weeknd wusste und ich das exakt so wenige Tage später in der Klatschzeitung “In Touch” nachlesen konnte. Einzig von Angelina Jolies angeblicher neuen Hochzeit habe ich erst enttäuschend spät aus ebenjener Gazette und dort nicht genug erfahren. Wer ist denn nun bitteschön ihr Neuer, der angebliche Geschäftsmann aus London?

Am Freitag schlenderte ich mit meinem Freund Paul Ronzheimer so ein bißchen durch die Stadt, vorbei an Schlangen von Menschen, die sich in dem einen Fall stundenlang vor einem Geschäft von Apple anstellten, um das neue iPhone X, im anderen vor dem Klamottengeschäft Supreme, um sich die neuesten T-Shirts kaufen zu dürfen. Beides schien mir wahnsinnig einfältig und so stellte ich mich lieber nebenan bei einem Coffeeshop in die Schlange, kaufte einen Pappbecher gefüllt mit brühend heißem Kaffee für 8,- Dollar und fühlte mich sehr überlegen. Völlig zurecht verbrannte ich mir die Oberlippe an dieser Frechheit.

Sowohl bei Supreme als auch bei Apple standen, das bemerkte ich erst jetzt, aufgeweckt vom Bohnentrank, vor allem ältere asiatische Frauen an, die bei allem Respekt nicht gerade so aussahen, als würden sie eines der Produkte tatsächlich selbst besitzen wollen. Vielmehr handelte es sich hier um professionelle Re-Seller, die die Mühe auf sich nahmen, sich stundenlang in eine Schlange zu stellen und das dann gekaufte Produkt mit Gewinn weiterzuverkaufen. Vielleicht waren es aber auch aufopferungsvolle Mütter konsumgeiler Kinder. Was weiß ich schon. Vielleicht ist das auch einfach die Zielgruppe der beiden Marken.

Nachmittags besuchte ich das New Museum in der Bowery und dessen aktuelle Ausstellung “Trigger: Gender as a Tool and a Weapon”, die ich schon vor einigen Wochen hatte sehen wollen. Sie lief zum Glück noch und so kämpfte ich mich durch vier Etagen zuweilen anstrengender Auseinandersetzung mit dem Geschlecht, der Unterdrückung und den Fragen von Sexualität und Politik. Die Fragen von Identität und Geschlecht, so wie sie hier gezeigt und zur Diskussion gestellt wurden, fiel mir auf, werden eigentlich ausschließlich aus der eigenen Geschichte abgeleitet. Und vielleicht war vieles von dem gezeigten auch deshalb so angestrengt, weil das die Auseinandersetzung mit sich selbst wohl nun mal ist.

Den Samstag beging ich, wie man das hier in New York eben so macht, mit einem Brunch, einem späten Frühstück also irgendwo zwischen Ei-Variationen, Lachs-Türmen, leichtem Alkohol, gemischt mit frisch gepressten Säften, aufgekratztem Girls-Talk und erstem Kennenlernen der Eltern des neuen Partners. Weil selbst die zweite Filiale des seit Jahren höchst angesagten Cafés “Butcher’s Daughter” komplett voll war und sich abermals eine Reihe vor dem Laden bildete, in der die Menschen an ihrem freien Tag geduldig warteten, um hier endlich ein Frühstück kaufen zu dürfen, entschieden Giannina und ich uns, in den direkt daneben liegenden Laden zu gehen, einem mediterranen Café, und dort dachte ich über die alte Wirtschaftsweisheit nach, dass Wettbewerb gut fürs Geschäft sei und dass es doch sehr war, dass neben dem angesagten Café ein weniger angesagtes war und wir nun einen Platz hatten und nicht verhungern mussten, während wir darauf warteten den angesagtesten Avocado-Toast der Stadt kaufen zu dürfen.

Weil Samstag war und die ganze Stadt im Brunch-Wahn, wurden wir unfreiwillig später noch in den Jazz-Brunch des Hotels “Chantelle” hineingezogen, ohne das so richtig beabsichtigt zu haben. Nach ein paar Mimosas, dem unvermeidlichen Samstagsbrunchgetränk, war aber selbst das okay und auch die nun schon recht angetrunkenen Frauengruppen, mit ihren aufgeregten Stimmen und dem vielen Make-Up.

Es war nun etwas kälter geworden, in diesem sehr langen Spätsommer in New York, und so war es sicher der letzte Abend des Jahres, den wir draußen aßen, leicht frierend, im schönen französischen Restaurant “Tartine”, zwei, drei Blocks von unserer Wohnung entfernt, im West Village, diesem pittoresken Viertel, das durch die Serie “Sex and the City” weltweit Bekanntheit erlangte.

Später am Abend trafen wir dann noch unseren Freund Paul Henkel und seine Freundin, Brandon und noch später dann auch wieder Paul Ronzheimer, der in Connecticut zu Abend gegessen hatte, auf einem spitzen Berg. Wir gingen ins “Et Al” und später in “Pauls Baby Grand” und ich bemerkte, dass ich mittlerweile schon sehr lang hier war, in New York, dass sich die Abende und die Läden wiederholten, sich eine gewisse Regelmäßigkeit einstellte, eine Erwartbarkeit. Ich hatte meinen Rhythmus gefunden, mein Tempo und meine Orte. Es würde bald an der Zeit sein, das wieder zu stören.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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