KW-43 2017: Was gewesen ist

Draußen herrschte ein ungemütliches, für diese Jahreszeit in Berlin aber wohl nur allzu typisches Wetter, und so schleppte ich mich eher unmotiviert durch die Straßen und von Mitte nach Kreuzberg, weil ich doch mit David verabredet war und wir gemeinsam mit dem jungen Schulabbrecher Elvis, den wir interviewen wollten, zu seinen Plänen nun weltberühmter Modedesigner zu werden.

Ein Teil unseres Gesprächs, so hatten wir es verabredet, würden wir beim Laufen führen, draußen also, im kalten Nieselregen, und so zogen wir uns dann zwei Schichten modernster Laufklamotten an und knallrote Schuhe von Nike und liefen los. Das war natürlich eine schöne Idee, weil Elvis eben nicht nur Modedesigner werden möchte, sondern auch angehender Marathonläufer ist. Ein hochmotivierter Junge also, wohingegen ich irgendwann überlegte einen Muskelfaserriss vorzutäuschen oder mir meinetwegen auch mutwillig zuzuziehen, um endlich wieder nach Hause zu können, wo es trocken war und warm.

Den Dienstag, ich war also irgendwann wieder heimgekommen, verbrachte ich quasi komplett am Telefon mit dem Mobilfunkanbieter o2, bei denen ich schon lange dachte, keinen Vertrag mehr zu haben und nun versuchte einen zehn Jahre alten Vertrag zu kündigen, der mich über die ungenutzten Jahre nun gut 1.200,- Euro gekostet hatte, fast unmerklich aufgeteilt in monatliche Tranchen von 9,90 Euro. Als die Sonne schon lang hinter den grauen Wolken Berlins untergegangen war, hatte ich es geschafft, denke ich. Als ich dann spätabends und völlig abgekämpft von diesem Stunden dauernden und doch hoffentlich finalen Showdown meinen lieben Freund Philip Mollenkott anrief, um ihm Vollzug zu melden, erzählte er mir fast beiläufig und nun leider auch viel zu spät von der Website AboAlarm.de, die gegen kleines Geld, kaum mehr als die Briefmarke auf meinem mit vor Wut zitternder Hand geschriebenen Kündigigsschreiben, laufende Verträge kündigt. Um nun wirklich auf Nummer Sicher zu gehen, tat ich die nötigen vier Klicks und schickte via AboAlarm.de eine weitere Kündigung an o2 das mittlerweile ja Telefonica heißt. Während mich die erste Kündigung also zehn Jahre und einen ganzen Tag härteste Arbeit gekostet hatte, brauchte ich für die zweite gut drei Minuten. Das ist die Zukunft, dachte ich und brach dann vor Erschöpfung zusammen.

Am Mittwoch, vielleicht war es auch der Dienstag gewesen und die gesamte Episode mit dem steinalten Handyvertrag, der Kündigung und der Zukunft war nur ein wahnhafter Traum gewesen, ging ich mit meinen Freunden Philip Mollenkott, Tim Peters und Peter Kaaden in das nahe meiner Wohnung gelegene Restaurant Nithan Thai und irgendwann zwischen dem fünften und dem sechsten Gang, vielleicht auch erst nach dem Dessert, besprachen wir, dass ich am nächsten Tag ein ausführliches Interview mit Peter zum nun auch die Modebranche überrollenden Trendthema „Me Too“ zu führen. Wir alle hielten das für eine gute Idee, weil Peter doch sicher eine ganz eigene Geschichte zum Thema zu erzählen haben würde. Er hatte schließlich als Fotograf schon einige Nacktfotos geschossen und stand zuletzt sogar selbst nur mit seinem nach ihm benannten Hund Peter bekleidet als Model für unsere Dandy Diary x Levi’s-Kampagne vor der Kamera. Gerüchten zufolge sollen sich ihm einige Male auch schon Frauen aufgedrängt haben, in der Hoffnung hochbezahlte Shoots zu ergattern. Ach, es hätte viel zu erzählen gegeben, aber weil wir zu jedem Gang auch einen passenden Cocktail tranken, wurde der Abend lang und der nächste Tag kurz. Zu kurz jedenfalls, um dann noch das Interview zu führen, was vielleicht auch okay ist, weil zu diesem Thema doch ohnehin schon sehr viel gesagt wurde.

Am Donnerstag packte ich hektisch den größten meiner Koffer mit Winterjacken voll und stieg dann gerade noch rechtzeitig in den schon rollenden ICE nach Düsseldorf. Dort traf ich dann David, der mit dem Auto aus Kassel gekommen war, wo er seine Mutter besucht und sich bei einem lokalen Nobel-Zahnarzt pünktlich zum anstehenden Reformationstag Dracula-Zähne hatte feilen lassen. Das Hotel, in dem ich eingecheckt hatte, lag glücklicherweise mitten im japanischen Viertel Düsseldorfs, das, wie man mir sagte, eine der größten japanischen Gemeinden außerhalb Japans beherbergt, und so aßen wir in der tollen Suppenküche Takumi vegane Ramensuppe und teilten uns ein kleines japanisches Bier, das wir mit zwei Strohhalmen direkt aus der Flasche tranken.

Der Grund für unsere Anreise war ein DJ-Set gewesen, für das man uns gebucht hatte. Die Über-Influencerin Caro Daur hatte für Levi’s eine Jeansjacke designt, die es exklusiv in einem Düsseldorfer Modegeschäft zu kaufen geben würde und nun war die Jungdesignerin kommen, um mit einigen hundert Stammkunden und Fans diese Design-Kooperation zu feiern und mehr noch um mit jedem einzelnen ein Selfie zu machen. Wir lieferten dazu die passende Hintergrundmusik und spätestens beim großen Finale unseres Sets, das aus einer nochmals um 10 Beats per Minute hochgepeitschten Version von „L’Amour Toujours“ bestand, das wir stellenweise in alter Led Zeppelin-Manier rückwärts abspielten, brach die absolute Hölle los und selbst die reserviertesten Damen der Düsseldorfer High Society warfen ihre Pelzstolen ab und begannen wie von Sinnen zu tanzen. Um schlimmeres zu verhindern, brachen wir unser Set, wie vertraglich vereinbart, um Punkt elf Uhr ab. Während David zurück zu seiner Mutter und dem Zahnarzt fuhr, schlenderte ich durch die menschenleere Düsseldorfer Innenstadt zurück zum Hotel im japanischen Viertel.

Weil ich schon früh wach war und wohl erstmalig in meinem Leben auch der tageserste Gast im Frühstücksraum, versuchte ich mich am Freitagvormittag im Shopping auf der legendären Düsseldorf Nobeleinkaufsstraße „Kö“, der Königsallee. Das machte mir allerdings so wenig Spaß, dass ich unverrichteter Dinge abbrach und mit einem Regionalzug nach Bochum fuhr, um mit meinem Bruder und seiner Frau zu Mittag zu essen.

Am späteren Nachmittag fuhr ich dann von Bochum nach Frankfurt und freute mich, wie schnell diese Verbindungen in Westdeutschland doch waren, wie nah die Städte aneinander lagen und wie wunderbar es doch war, im ICE zu fahren – bis ich dann vom Schaffner in der 1. Klasse beim Schwarzfahren erwischt wurde, obwohl ich mich doch so authentisch schlafend gestellt hatte.

In Frankfurt stieg ich wutschnaubend und mich sehr ungerecht behandelt fühlend aus, marschierte im Stechschritt in das tolle Modegeschäft Hayashi, kaufte endlich genau das, was ich doch schon in Düsseldorf hatte kaufen wollen, und hopste dann wieder sehr gut gelaunt und die Titelmelodie von „LaLa Land“ pfeifend durch die einbrechende Nacht ins West-End und zum Hotel Hessischer Hof, in dem mein Freund Paul Ronzheimer eine teure englische Pfeife rauchend schon auf mich wartete. Wir hatten uns zum Essen verabredet und auch dazu, am kommenden Tag gemeinsam nach New York zu fliegen, was wir beides dann auch taten.

In New York angekommen, konnte ich mich an einem Automaten quasi selbst einreisen lassen, scannte meine Fingerabdrücke, beantworte der Maschine ein paar Fragen und ließ sie ein Foto meines Gesichts machen. Im Anschluss bekam ich einen kleinen Zettel ausgedruckt, den ich dann nur noch einem Grenzpolizisten in die Hand drückte. So schnell war ich noch nie eingereist, dachte ich, und freute mich über den Zeitgewinn. Allerdings konnte ich da ja auch noch nicht ahnen, dass mein Freund Paul, der mit einem Journalistenvisum einreiste, eine gute Stunde länger brauchen würde. Weitere anderthalb Stunden Taxifahrt durch sämtliche Staus der Stadt später kam ich endlich im West-Village an, wuchtete meinen mit Winterjacken beschwerten, mannesgroßen Koffer die schmale Treppe in den fünften Stock unserer kleinen Wohnung mit Blick auf das One World Trade Center und begrüßte mit pochendem Herzen und aufgeregt nach Luft schnappend meine Freundin Giannina.

Abends waren wir zu einer Halloween-Feier eingeladen, irgendwo Upstate, also im Norden der Stadt, in einem Ort namens Yonkers. Wir zogen uns so gruselig an, wie es eben ging, holten dann Paul ab und Brandon und fuhren alle zusammen nach Brooklyn, in die Wohnung eines Freundes, wo alle anderen schon warteten, toll verkleidet, mit bunten Drinks in der Hand und gut gelaunt. Halloween, soviel verstand ich spätestens jetzt, würde hier in den USA nicht nur am 31. Oktober gefeiert, sondern schon Tage vorher, das ganze Wochenende lang und für jeden Tag brauchte man möglichst ein neues Kostüm. Ich schmierte mir etwas Kunstblut unter die Nase und dann fuhren wir auch schon alle los nach Norden, in die Mansion, wie sie alle hier nur nannten, ein großes Herrenhaus mit dahinter liegendem Schulgebäude, zweiundsiebzig Räume insgesamt, hunderte Gäste, alle ausgesprochen gut verkleidet zwischen, viele maximal freizügig, in durchsichtigen Netzanzügen, Chaps, sowas eben, dutzende DJs, Musik-Performances, Tänzer, Sänger, Tätowiererinnen, düster-gruselige Räume, unheimlich dekorierte Dancefloors, es war ein absurd aufwändiges Fest, die eindrucksvolle Inszenierung einer amerikanischen Horror-Welt – und am Ende schlicht das, wofür wir gekommen waren: eine wahnsinnig gute Party.

Halloween, dachte ich am darauffolgenden, verregneten Sonntag, während ich im Bett lag und im Halbschlaf die neue Staffel von „Stranger Things“ guckte, ist doch wirklich das allerbeste Fest auf der ganzen Welt. Ich hatte allerdings auch noch einen ziemlichen Jetlag und war generell etwas verwirrt.

Foto: Max Motel 

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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