KW-42 2017: Was gewesen ist

Warum denn jetzt schon wieder Montag war, konnte ich mir selbst nicht so genau erklären, und zu allem Überdruss hatte ich auch noch sämtliche Belege für meine Steuererklärung zusammenzusuchen, ganz so, wie es mir meine immerhin sehr freundliche Beraterin aufgetragen hatte. Es hätte also durchaus alles besser sein können. Allerdings standen die Chancen gut, dass es das doch zumindest werden würde, nach einem solchen Auftakt.

Das wurde es dann auch prompt am Abend, als ich bei meinem sonst sehr reservierten Stammchinesen „Lucky Star“ vom Chef höchstselbst mit einem Handschütteln begrüßt wurde und die Nr. 86 auch nach meiner langen Abstinenz noch genauso schmeckte, wie sie es immer tat.

Am Dienstagmorgen dann flog ich mit David nach Amsterdam. Wir hatten einen sehr frühen Flug und kamen so auch ebenfalls sehr früh in Holland an, wo dann erstaunlicherweise sogar schon unsere Zimmer im Hotel „Arena“, das sich in einer ehemaligen Kirche befand, für uns bereit standen. Ansonsten muss man bei früher Anreise ja oft damit rechnen, noch nicht eingelassen zu werden, ins Zimmer, und dann blöd in der Lobby rumzusitzen. Hier war es nun anders und so brachten wir unser Gepäck ins jeweilige Zimmer und trafen uns dann wieder, um eigentlich genauso blöd in der Lobby rumzusitzen und ein wenig das zu tun, was wohl unsere Arbeit ist.

Als uns das dann zu fad wurde, spazierten wir noch ein wenig durch Amsterdam, wo ich mit einem ordentlichen Schrecken feststellen musste, dass die sonst doch immer in diesen bodentiefen Fenstern gesessen habenden Prostituierten, für die die Stadt genauso berühmt war, wie fürs straffreie Kiffen und die Grachten, vertrieben worden waren. Ihre Fenster waren nun leer und in manchen hingen Schilder von Immobilienmaklern, die diese Flächen nun feil boten. Der Anblick der leeren Fenster machte mich traurig, nicht, weil ich Frauen angaffen wollte, wie Tiere im Zoo, sondern weil ich darin eine weitere Verspießerung sah, eine Säuberung des öffentlichen Raums und eine neue Prüderie, deren großes Finale ich mir nicht vorstellen wollte.

Erschrocken eilten wir zurück zum Hotel und auf einmal wirkte diese alte Kirche drohend und die Zeiten düster, was aber vielleicht auch nur an den aufziehenden dunklen Wolken gelegen haben mag.

Am Nachmittag wohnten wir einem anderen Hotel, einem modernen Designtempel an irgendeiner Gracht, einem Event bei, das die Veröffentlichung eines neuen High End-Lautsprechers der britischen Firma KEF feierte. Der niederländische Sachen-Designer Marcel Wanders hatte ein paar astrein klingende Studiolautsprecher für eine „Special Edition“ mit Symbolen aus der Notenschrift bemalt und erklärte nun auf einem Podium sitzend, diese ästhetische Vision. Anschließend stießen wir mit Wanders und einigen anderen auf diese Vision an und landeten dann irgendwann in dem fantastischen Restaurant MOS am Hafen, in dem wir in vier Stunden etwa acht Gänge aßen, feinen Wein tranken und insgesamt eine gute Zeit hatten.

Nachdem ich schon vor wenigen Wochen in Amsterdam auf dieser kleinen Insel ganz ausgezeichnet gegessen hatte, war dies abermals ein wirklich sehr gutes Essen. Vielleicht, so dachte ich, wappnet sich die Stadt für die prüde Zeit nach der rotleuchtenden Fensterprostitution und versucht ein anderes Kulturfeld zu besetzen. Und schon wurde ich wieder tieftraurig, weil ich fand, dass doch vielleicht auch beides gehen würde, Rotlichtschmutz und Fine Dining, aber sicher lag ich damit falsch und das Aufkommen besonders guter und damit teurer Küche hatte sehr wohl eine Verbindung zum Verschwinden der Prostitution aus dem öffentlichen Raum.

Schwermütig legte ich mich in mein Bett und bemerkte dann erst, dass es darin keine Kopfkissen gab. Ich traute mich dann aber auch nicht, bei der Rezeption anzurufen und ein, so würden sie es womöglich auffassen, weiteres Kissen anzufragen. Ich war schließlich in einer Kirche und die Stadt schien sich aktuell von der Prostitution loszusagen. Das geflügelte Wort des „second pillow“ steht, das muss ich hier vielleicht erklären, in der Hotelwelt für den Besuch bezahlter Sexarbeiter auf dem Zimmer.

Früher als erwartet flogen wir am Mittwoch zurück nach Berlin, dorthin also, wo die Restaurants auch immer besser werden und immer teurer.

Abends fuhr ich, denn es war nicht regnerisch und auch nicht sehr kalt, auf einem Coup-Elektroroller nach Kreuzberg, in den Bergmannkiez, der vom Habitus der dort Verkehrenden doch eigentlich eher im Prenzlauer Berg liegen sollte. Ich fuhr also in einen schrecklichen Stadtteil und dort traf ich meinen lieben Freund Tim Peters, der ebenfalls aus Mitte gekommen war und jetzt, wo ich so drüber nachdenke, könnte es auch sein, dass wir gemeinsam gekommen waren und Taxi gefahren sind und es doch kälter war, als meine Erinnerung mir weismacht, letztlich ist es aber ja auch egal, wen kümmert schon das Wetter der vergangenen Woche.

Zum zweiten Mal in dieser Woche betrat ich eine Kirche, diesmal war es die Passionskirche. Wir schauten uns das wirklich tolle Konzert unserer Freunde Lary und Jesper Munk an, die nicht nur ein entzückendes Pärchen sind, sondern auch sehr gute Musiker, die sich gegenseitig auf der Bühne begleiteten. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt und alle waren sehr beseelt von der Musik, die mich bei Lary mindestens viermal an den großen Armani-Rocker Westernhagen denken ließ und bei Jesper eigentlich an gar nichts mehr, so gut war das. Und auch jetzt, wo ich diese dünnen Zeilen hier schreibe, höre ich ein Lied von Jesper, „Courage for Love“, und denke: ja!

Weil ich mich seit einigen Tagen etwas müde fühlte, was wohl am Herbst lag, ließ ich mir am Donnerstag beim Arzt etwas Vitamin B12 spritzen und fühle mich seither wieder topfit. Dies mal als kurze Service-Information, einfach so, mittendrin. Gern geschehen.

Nachmittags trafen David und ich dann den Fotografen Max Motel und machten ein paar Fotos, wie wir es eben manchmal tun müssen, für unseren Modeblog. Es ist nunmal unser Beruf und Max ein ausgesprochen netter Typ und so war das alles gar nicht weiter schlimm.

Um uns für die anstehende Nacht zu stärken, legten wir ein Arbeitsmeeting im nahe meiner Wohnung gelegenen Restaurant „Nithan Thai“ ein, einem ausgezeichneten Thailänder, den es so auch schon in Tel Aviv gibt.

Praktischerweise mussten wir danach nur die Straße überqueren und schon standen wir mittendrin in der Ausstellung, die die Jeansfirma Levi’s organisiert hatte, anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums ihrer „Trucker Jacket“, der ikonischen Jeansjacke, die doch schon Brando, Dean und sowieso alle coolen Typen getragen hatten. Und uns hatte man gefragt, ein Design für diese Jacke anzufertigen, das dann dort ausgestellt wurde. Es war eine tolle Eröffnungsnacht dieser Ausstellung und die einhellige Meinung sämtlicher Premierenbesucher war natürlich, dass unsere mit einem Dandy Diner-Schweinchen aus Strasssteinen besetzte Jacke ein würdiges Jubiläumsexemplar sei und vielleicht die schönste Jacke aller Zeiten, wenn ich mich recht erinnere. Ich hatte allerdings auch getrunken.

Am Freitag schlief ich erstmal aus und schwang mich diesmal wirklich auf einen Elektroroller und fuhr zum Redaktionssitz des Magazins Numéro im Stadtteil Schöneberg, um mir fünf aktuelle Ausgaben abzuholen, weil darin doch das große Interview gedruckt war, das ich mit dem Künstler Michel Würthle, Besitzer der Paris Bar, zum Thema Cowboys, Machismo und Lesben-Elke (Freundin von Jil Sander) geführt hatte. Auf dem Heimweg kehrte ich im Café „Einstein (Unter den Linden)“ ein und las die gesamte Ausgabe bei einer halben Tasse Kaffee durch und bewundert die irre Fotostrecke mit Udo Kier und Toni Garrn und noch mehr natürlich mein Interview.

Abends besuchte ich meinen Freund Rafael Horzon in seiner Stadtwohnung, wenige dutzend Meter von meiner Wohnung entfernt gelegen, und ließ mich von ihm fürstlich bekochen. Gestärkt für die Nacht fuhren wir anschließend zum Preis der Nationalgalerie, einer Gala im „Hamburger Bahnhof“, bei der die Künstlerin Agnieszka Polska ausgezeichnet wurde und bei der sich die Kunstwelt, gefördert von BMW und einer Quandt-Erbin, traf, feierte und satt aß. Während der Preisverleihung hatte die Schauspielerin Meret Becker noch einige kongeniale Performances in ihre Moderation eingeschlichen, was die Stimmung mindestens genauso aufgelockert hatte, wie der Champagner. Selbst Kulturstaatsministerin Monika Grütters wirkte fast funky, wie sie da so vor der Bühne stand und als einzige noch Applaus spendete und messerscharf neben dem Takt wippte, während alle anderen schon am Buffet standen. Nachdem wir es nicht geschafft hatten, der Quandt-Erbin eine Millionenspende abzuschwätzen oder auch nur ihr sicherlich doch sehr pralles Portemonnaie zu stehlen, gingen wir gesenkten Hauptes durch den Nieselregen nach Hause.

Am Samstag fuhr ich früh mit dem ICE nach Kassel, besuchte erst meine Mutter, dann meinen Vater, gratulierte zum Geburtstag, herzte meinen Bruder, aß etwas und trank und fuhr dann spätabends mit dem letzten Zug wieder zurück nach Berlin, wo ich das leider doch gar nicht so wahnsinnig spannende allerletzte Interview mit Michel Houellebecq im Spiegel las und darüber einschlief.

Heute, am Sonntag, filmten wir den Versuch eines Kasperle-Theaters und ich bin gespant, was unser erwähnenswert tolles Filmteam daraus machen kann. Mehr kann ich jetzt auch wirklich noch nicht verraten, weil es total unklar ist, wie es wird und ob es wird und irgendwie auch was.

Es ist aber ja ohnehin schon wieder viel zu viel gesagt worden, ständig und von allen, und auch von mir und jetzt ist es spät und morgen beginnt eine neue Woche, die sicher nicht weniger aufregend wird, so wie alle Wochen doch immer noch sehr aufregend sind. Gute Nacht.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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