KW-41 2017: Was gewesen ist

Die vergangene Woche fing für mich vor Gericht an, wo ich am Montag Vormittag einem unaufgeregten, freundlichen Richter gegenübersaß und weiter gar nichts sagte, weil nur die Zeugen befragt wurden, aber nicht ich, der Beklagte. Es ging und geht um eine mehr als lästige Sache aus vergangenen Zeiten, um asoziales Verhalten eigentlich, wie so oft und ich bin frei von jeder Schuld, was sicher auch der Richter erkennen wird und sollte er diesen Blog lesen, nun auch direkt weiß.

Am Dienstag ging es nicht weniger lästig, aber genauso notwendig weiter, denn ich saß bei meinem Lieblingszahnarzt und ließ mir, wie man es eben einmal pro Jahr tun soll, die Zähne mittels merkwürdiger Apparaturen reinigen und habe seither ein blitzsauberes, strahlend weißes Gewaff.

Abends schaute ich mir dann mit meiner Schwester Lena passenderweise im „Zoo Palast“ den Horrorschocker „Es“ an, in dem der Hauptdarsteller, der Clown Pennywise, nach dem bekanntermaßen ja auch eine kalifornische Punkband benannt ist, deren größter Hit die legendäre „Bro Hymn“ ist, in der der Bruder eines natürlich viel zu früh verstorbenen Freundes der Band eine Zeile ins Mikro singt und ihm dabei so herzzerreißend vor lauter Trauer die Stimme wegbricht, im Gegensatz zu mir nicht gerade besonders schöne Zähne, allerdings ebenfalls ein veritables Gewaff hat. Als „Es“ seine Reißzähne zum ersten Mal zeigt, ist mir vor Schreck das Popcorn runtergefallen, was immer ein gutes Zeichen ist und sicher auch gut für meine Zähne, damit sie niemals so aussehen, wie die von Pennywise. Ich hatte jedenfalls genauso viel Schiss bei dem Film, wie damals, als die erste Verfilmung des Stephen King-Klassikers rauskam und ich gerade fünf Jahre alt war.

Am Mittwoch fuhr ich nach Hamburg, der Bahnverkehr funktionierte nach den Störungen durch den Sturm Xavier wieder piccobello, und holte dort meinen Freund Martin ab, um mit ihm nach Frankfurt zu roadtrippen, zur großen Launch-Gala im Stripclub „Pik Dame“, die wir anlässlich unserer Design-Kooperation mit der 90er Jahre Streetwear-Marke „Homeboy“ organisiert hatten – und es war ein großer Abend!

Ganz Frankfurt war gekommen, um die Rückkehr der Baggy Pant zu feiern und für den Fall dass nicht alle gekommen wären, hatten wir auch noch selbst einen ordentlichen Haufen an Freunden aus Berlin und der Welt mitgebracht und so wurde es eine angemessen wilde Feier, die erst in den frühen Morgenstunden, nach Etappen im Stripclub, in der Bar „Maxie Eisen“ und in einem eigentlich geschlossenen Laden namens „Oye“ endete. Frankfurt zeigte sich mal wieder von seiner allerbesten Seite und wir versuchten das auch.

Ohne allzuviel Schlaf schleppte ich mich am darauffolgenden Tag erst zu einem Kennenlerngespräch in die Kunsthalle Schirn, mit der wir mal dies oder das machen werden, wie wir besprachen und dann schleppte ich mich auf die Buchmesse, die passenderweise zeitgleich mit unserer Striptease-Party stattfand. Ich hatte zugesagt, bei einem Talk auf der Messe mitzumachen, wo es um die neue Spießigkeit ging, um das Publishing und um Trends. Fast meine gesamte Kraft ging für den kilometerlangen Weg durch die riesigen Messehallen drauf und so saß ich dann schwitzend und von vielen heißen Scheinwerfern nicht unbedingt ins allerbeste Licht gerückt da und verstand die Fragen der Moderatorin oft nicht oder schweifte in meinen Gedanken ab, weil der vorige Abend noch so präsent war und so schön und ich das ja auch alles noch verarbeiten musste, trotz all der Hektik. Es war sicher nicht der allerschlüssigste Talk und für die Zuhörer mag die halbe Stunde ähnlich quälend gewesen sein, wie für mich, aber irgendwann war es dann ja auch vorbei und an den anderen Buchmesseständen war es, wenn ich das richtig beobachtet habe, nicht eben funkyer, auch und vor allem nicht bei Dennis Schenk und auf nicht bei Arte. 

Auf dem Weg nach draußen rieb mir eine Frau noch den Senf ihrer Bratwurst in den Pullover und eine andere Frau bat mich, ein Foto von ihr vor einem der Buchstände zu machen, und spätestens da verstand ich, dass die Buchmesse auch kein edlerer Ort war, als jede andere Messe und ich erinnerte mich daran, dass Messen noch nie mein Ding waren oder auch nur gut. Ich fing an zu rennen, vielleicht war es auch nur ein leichter Trab, und hörte nicht auf, bis ich am Hauptbahnhof war und in den nächsten ICE nach Berlin sprang, in dem ich sofort in einen tiefen, gerechten Schlaf fiel. 

Am Freitagabend folgte ich der Einladung meines Freundes Michel Würthle in seine Paris Bar, wohin er Moritz Uslar und mich eingeladen hatte und wo er uns dann auch seinen neuen Ausstellungskatalog schenkte. Große Rührung also am Tisch und dann ein paar kleine Biere und tolles Rumgerede, im Prinzip über alles. Paul Ronzi kam dann später auch noch dazu und als es spät wurde gingen wir noch auf einen letzten Drink in den Grill Royal, wo Boogie Boris im Raucherzimmer „Toto“ auflegte und wir alle wirklich nur ganz kurz, drei, vielleicht vier absolute Hits lang, tanzten. 

Den Samstag verbrachte ich, wie es sich gehört, in Cafés mit einer Zeitung und den späteren Nachmittag mit dem Einkauf essentieller Bekleidungsstücke für Pauls anstehende Reise nach Bangladesch: einen Regenschirm, Gummistiefel, Mückenspray, schnell trocknende Shirts und Hosen und eine Art Dschungel-Schirmmütze mit angehängtem Nackenschutz gegen Moskitos, die er mir auf die Hand versprochen hat, zu tragen, auch wenn er damit aussieht, wie Rüdiger Nehberg. 

Am Abend traf ich meinen Freund Timo Feldhaus in Kreuzberg. Wir gingen in die Gaststätte „Zum goldenen Hahn“ – was natürlich ein Spitzenname für ein italienisches Restaurant ist, wie ich finde. Die Empfehlung des Kellner, die Nudeln mit Bohnen, waren dann allerdings nicht so spitze, dafür aber das Gespräch mit Timo, der an der Volksbühne arbeitet und mir alles über diese große Posse erzählt hat, was ich wissen wollte. Später am Abend, als wir schon längst auf der Closing Party des asiatischen Filmfestivals gelandet waren, wo Plastikwannen mit Kimchi rumstanden und etwa zwanzig gut gelaunte Asiaten, einige Kunst-Heinis und zwei Karaoke-singende Tänzer, kam mir dann die doch wohl sehr gute Idee, dass der beim Volk verhasste Volksbühnen-Intendant Chris Dercon die Volksbühne doch umbenennen sollte, das „Volk“ streichen, auch bei der Beschriftung am Haus selbst und natürlich auch überall sonst, und sein Theater nur noch „bühne“ nennen sollte – natürlich kleingeschrieben. Und dann sollte er sich einen privaten Sicherheitsdienst besorgen, der das Haus vierundzwanzig Stunden am Tag schützt, am besten nur englisch sprechende Ex-Soldaten von Blackwater, und auch die ganzen alten Mitarbeiter würden jeden Tag vom Sicherheitspersonal abgetastet und gegängelt werden und jeder Besucher sowieso und wenn Besetzer kämen, bekämen sie Saures, usw. 

Völlig trunken von meiner großartigen Idee lief ich den ganzen Weg von Kreuzberg in wenigen Minuten bis zu mir nach Hause im Hopserlauf und kam ganz geschwitzt zu Hause an, wo ich abermals in einen tiefen Schlaf fiel, voller Träume von der „bühne“ und nicht vom Volk, diesem Bastard, der nur Ärger macht und nie was Gutes. 

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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